It kicks like a sleep twitch

IMG_20130608_173003

Hör doch mal auf damit, immer irgendjemand, irgendetwas sein zu wollen. Denn von Zeit zu Zeit manifestieren wir uns einfach im Nichts, im Nirgendwo, wir sind Niemand, so als wollten wir niemals wirklich irgendetwas sein.

Wenn ich neben dir auf dem Sofa sitze, meine Hand nach dir ausstrecke und deine Haut unter meinen Fingern spüre, dann bin ich ich vielleicht einfach nur in diesem Moment, und vielleicht wird dann alles, was um uns herum passiert, völlig bedeutungslos. Wenn ich einfach nur sitze und starre und das Denken sich selbst einstellt, wenn ich dir von weitem zusehe, wie du konzentriert Dinge tust, von denen ich keine Ahnung habe, dann existiere ich nur so eingeschränkt, und das ist dann in Ordnung so.

Immer dieses Streben nach Perfektion, nach Glück, nach Erfüllung, nach Sinn, das alles ermüdet mich, manchmal will ich auf der Stelle einschlafen, wenn ich das alles höre. Immer die Erwartungen der anderen. Warum nicht einfach den Augenblick wahrnehmen, diesen einen Moment, in dem die Katze sich an mich schmiegt, die Augen schließt und einschläft, ohne vorher um Essen zu betteln. Der Moment, in dem urplötzlich Regen aufzieht und sich lautstark gegen die Fensterscheibe wirft. Dieser Moment, in dem ich mich noch nicht einmal selbst denken hören kann, weil das Gewitter am Himmel lauter ist als das in meinem Kopf.

Warum nicht einfach mal nur sein. Nicht irgendjemand, nicht irgendetwas. Nur man selbst in diesem einen Moment. Warum nicht einfach ohne Ziel durch den Regen wandern, einfach mitten auf dem Weg stehenbleiben und die Arme ausstrecken und nach oben sehen, so dass es ein bisschen schmerzhaft in die Augen hineinregnet, und sich denken, dass irgendwie doch alles großartig ist, wenn man einfach nur die richtige Perspektive einnimmt. Warum nicht einfach dabei lachen, warum sich nicht einfach dabei lebendig fühlen. Warum ausgerechnet dabei? Weiß ich doch nicht. Wer will denn sowas wissen? Warum nicht einfach mal keine Antwort haben, einfach nur Luft holen, den Atem anhalten, ausatmen. Weitermachen.

Warum nicht einfach Pläne schmieden, realistische, unrealistische, fantastische. Zukunft, die so viele Gestalten annehmen kann, warum nicht jede von ihnen einzeln begutachten und in Betracht ziehen. So viele Pläne kommen da zusammen, ein Leben reicht dafür nicht. Warum nicht die Entscheidung auf morgen vertagen. Warum nicht einfach den Tag damit zubringen, nackt im Bett zu liegen, du und ich, im abgedunkelten Schlafzimmer, der Hitze entfliehend, und gegrillte Käsesandwiches zu essen.

Warum nicht warum nicht warum nicht. 

Was weiß ich, warum nicht. Es gibt keinen Grund, all das zu lassen. 

The perks of being a housewife

Morgens aufstehen und dem Mann Kaffee machen als einzige feststehende Handlung des Tages: Alle anderen Aktivitäten sind unbekannte Variablen in einer Gleichung, die kein eindeutiges Ergebnis hat. Das Überraschungsei als Vorbild meiner Lebensplanung, die in geschwungenen Buchstaben mit Füller geschriebene Headline meiner Existenz.

Wie es mir geht, fragen ständig alle, ein wenig so, als hätte man mir einen Arm amputiert. Als hätte ich Krebs oder Syphillis oder Multiple Sklerose. Gut gut, antworte ich dann, es ist ja nicht so, als wäre ein Kind gestorben oder so.

Also drücke ich dem Mann den Kaffee in die Hand und einen Kuss auf den Mund und er geht und ich bleibe und sage: Bis heute Abend, komm nicht so spät nach Hause. Dann fällt die Tür hinter ihm zu., die Sonne scheint durch die Fenster und die Katze streicht mir um die Beine und bettelt nach Essen. Der Tag liegt da und will gefüllt werden und bietet viele schöne und einige weniger schöne Varianten an.

Wie es jetzt weitergeht, wollen alle ständig wissen, und ich komme bei der Frage ins Straucheln und antworte ausweichend. Man ist ja niemandem eine Antwort schuldig, eigentlich, aber alle tun so als ob.

Beim Backen finden sich keine Antworten auf Fragen, aber Spaß macht es trotzdem oder genau deshalb. Also kaufe ich ein und backe, und einen Grund gibt es obendrein, denn der Mann hat Geburtstag. Slutty Brownies: Cookiesteig mit Oreo-Keksen belegt und mit Brownie-Teig überbacken. Rührkuchen mit versunkenen Erdbeeren und Pinienkernen. Ricotta-Blaubeer-Muffins mit zerbröselten Amarettinis. Zum Abendessen eine Quiche mit Champignons, Lauch und Tomaten.

IMG_20130718_160209

Backen entspannt mehr als jede Yoga-Stunde es könnte: Jede Art von Stress fällt von mir ab, während ich eine Handvoll Amarettinis in einen Gefrierbeutel stecke und mit dem Nudelholz zu Amarettini-Krümeln verarbeite. Während ich den Cookies-Teig in der Form verstreiche und die Oreo-Kekse gleichmäßig darauf verteile. Während ich Teig auf rosa Förmchen mit weißen Punkten verteile und in den Ofen schiebe.

IMG_20130724_171126

 

Ob ich mir den schon Gedanken gemacht habe, wollen sie wissen. Nein, bin ich versucht zu antworten, Gedanken machen, das habe ich mir abgewöhnt.

In der Hitze der Mittagssonne füllt sich in meinem Notizbuch Seite um Seite. Banale Alltagsbeobachtungen, melancholische Befindlichkeiten, kleine Spitzfindigkeiten über das Leben, alles findet seinen Platz, während ich in der Hitze brüte und meine Füße im kalten Isarwasser strampeln. Plötzlich ist alles wieder da, plötzlich ist da wieder Platz zum Denken, plötzlich funktioniert das wieder, meistens. Beobachtungen wiederholen sich, machen müde, laden zum Mittagsschlaf ein, ich lehne dankend ab. Die Seiten wollen gefüllt werden. Eine nach der anderen. So lange, bis die Hitze unerträglich wird. Und das dauert lange. Ich mache mich auf den Weg zurück, kaufe mir unterwegs ein Eis und beobachte die Menschen, die es eilig haben. Zu denen ich nicht gehöre.

IMG_20130723_224829

 

Ob das nicht langweilig sei, fragen sie manchmal. Ja, unheimlich, antworte ich dann, pflichtbewusst.

Langweilig – ich weiß nicht genau, was das heißen soll. Ob es langweilig ist, wenn man mal einen Schritt zur Seite gemacht hat und plötzlich daneben steht: Neben diesem Strom aus Alltag, in dem man sonst so emsig mitschwimmt, ohne es überhaupt wirklich wahrzunehmen. Ob es langweilig ist, wenn da dann wieder Platz ist im Kopf, wenn man mal kurz innehält, sich Zeit nimmt, sein Leben zu überdenken, die Chance sieht, neue Entscheidungen zu treffen, sich neu zu orientieren, das gesamte Dasein neu aufzustellen, sich bewusst zu werden, wer man ist und was man kann. Klingt langweilig? Ja, Entschuldigung, dann weiß ich auch nicht.

Gegen Abend bin ich als Erste zuhause. Ich lege Wäsche zusammen und sammle Katzenhaare auf und warte auf den Mann, der nicht zu spät nach Hause kommt und mich fragt, wie mein Tag war.

Schlimm, ganz schlimm, antworte ich und muss lachen. Im Lügen bin ich ziemlich schlecht. 

Cause it’s a bittersweet symphony, this life.

Immer, wenn jemand zu mir sagte, die eigene Hochzeit, das sei der schönste Tag im Leben, habe ich nur gelacht und gesagt, das glaube ich kaum. Die Hochzeit, der schönste Tag im Leben, habe ich gesagt, das kann doch gar nicht sein, das ist doch irgendwie armselig. Das Leben besteht doch bestimmt aus so vielen Tagen, die so viel schöner sind. An denen man nicht damit rechnet. Tage, die einen blindlings überfallen, unter den Arm packen und mitreißen, mitnehmen, an einen Ort, an denen man nichts tut außer glücklich sein. Von diesen Tagen muss es doch einige im Leben geben, ganz viele. So viele, dass man sich hinterher, wenn das Leben vorbei ist, kaum entscheiden kann, welcher jetzt der schönste von ihnen gewesen sein mag. Wie traurig das doch sei, habe ich gesagt, wenn die Hochzeit der schönste Tag im Leben ist. Das heißt dann also, danach geht es bergab, und warum macht man das dann überhaupt, das ergibt doch keinen Sinn.

Dann kam meine eigene Hochzeit. 

_MG_0179

Jetzt weiß ich wie das ist, mit diesem Tag im Leben, an dem man sich fühlt wie das glücklichste Mädchen der Welt. Das glücklichste Mädchen der Welt, das den besten Menschen der Welt gefunden hat. Und behalten darf. Jetzt weiß ich wie das ist, wenn man stundenlang vor sich hin lächelt, wie es sich anfühlt, wenn dann diese Gesichtsmuskeln wehtun, die man schon so lange nicht mehr benutzt hat, und wenn man trotzdem einfach nicht aufhören kann. Wenn man nach Monaten zum ersten Mal wieder voller Überzeugung denken kann, dass alles gut wird. Weil doch irgendwie schon alles gut ist.

Jetzt weiß ich wie das gemeint ist, die Sache mit dem schönsten Tag im Leben. 

_MG_0824

It’s up to me now, turn on the bright lights.

brightlight

Texte zu schreiben, das bedeutet, Gedanken aneinanderzureihen. Immer einen an den anderen. Only one thought at a time. Manchmal funktioniert das noch nicht so richtig. Diese Ordnung im Kopf, dieses geordnete Denken, die zurechtgerückten, auf die richtige Länge gestutzten Wortschlangen, das alles ist mir manchmal noch so fremd. Wenn ich beginne nachzudenken, dann ist da ein Brummen in meinem Kopf, klare Gedanken erkenne ich nirgendwo. Dann gebe ich angestrengt auf und der Kopf brummt lauter und alles dreht sich ein bisschen und wirkt viel zu weit weg und ich schnappe erschöpft nach Luft. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, manchmal noch nicht richtig anwesend zu sein, irgendwie ganz weit weg und doch in einer Art und Weise anwesend im Hier und Jetzt.

Was man mit der Zeit feststellt: Trauer ist ein schwebender Zustand, mehr situativ als permanent. Trotzdem nimmt sie dich gänzlich ein, sie verschluckt dich und hält dich gefangen, und du kannst nicht mehr tun, als dich in kleinen Etappen von ihr zu lösen, wenn der richtige Moment gekommen ist, der Moment, in dem du ihr überdrüssig wirst. Weil du irgendwann nicht mehr darüber sprechen willst, was passiert ist, weil du irgendwann alles beiseite legen willst, was deinen Organismus wochenlang lahm legte. Du willst die Erinnerung bei dir behalten, auch wenn sie schmerzt, aber du willst sie nicht täglich mit dir führen. Du willst weitermachen, du willst das glauben, was alle sagen: Dass das Leben weitergeht. Dass vielleicht niemals alles so wie vorher sein wird, aber doch wieder alles in Ordnung kommt. Weil du weißt, dass sie Recht haben.

Es ist ein bisschen wie nach einem Unfall, wenn man in einem Auto sitzt, das sich überschlägt oder eine Klippe hinunterstürzt und an Felsen zerschellt oder eine Brücke hinab stürzt und tief ins Wasser sinkt. Es ist, wie wenn man aus dieser Situation ganz knapp gerettet wird und dann erst mal für eine Weile im Koma liegt und irgendwann wieder aufwacht und langsam wieder zurück ins Leben findet und merkt,alles sitzt zwar noch an der richtigen Stelle, doch irgendwie funktioniert der Körper noch nicht so richtig, und man weiß, das dauert eben einfach alles ein bisschen, ein bisschen zu lange, irgendwie. Und die Dauer der Regeneration erscheint dir ewig, doch eines Tages schaffst du es ohne fremde Hilfe, ganz alleine, aus deinem Krankenbett aufzustehen. Du klammerst dich an deine Krücken und humpelst ans Fenster und beobachtest draußen die Bäume, die sich im Wind wiegen, und bist plötzlich ganz fasziniert davon, was die Welt alles zu bieten hat. Und zum ersten Mal seit Wochen nimmst du wahr, dass du am Leben bist. Und kurz darauf nimmt die Zeit der Reha ein Ende und du bist so froh, weil du irgendwann selbst ganz ungeduldig und genervt bist von deinem Unvermögen, richtig zu funktionieren. Irgendwann weißt du, das mit der vollständigen Genesung, das dauert noch eine Weile, aber die lebenswichtigen Organe funktionieren wieder einwandfrei, also entlässt du dich selbst zurück in die Realität, denn am Ende ist alles was du willst: dein Leben zu leben.

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, sich zu erholen, wenn man mit einem Auto von einer Brücke stürzte. Was ich weiß, ist: Meine eigene Reha-Zeit läuft langsam ab. Die Zeit, in der ich die „Entschuldige mein Verhalten, aber ich hatte eine Fehlgeburt“-Karte, die ich immer und überall in unbegrenzter Zahl auf der Hand oder im Ärmel hatte und die immerhin der einzige Joker war, der mir noch blieb, immer und immer wieder spielen konnte, geht zu Ende. Da war dieser eine Moment, in dem ich plötzlich verstand, dass die Entscheidung, wie es weiter geht, einzig und allein bei mir liegt. Seit diesem Tag stehe ich wieder jeden Morgen auf und lebe mein Leben, so wie sich das gehört, wenn auch oft noch ein bisschen wackelig auf den Beinen. Manchmal noch mit Tränen im Augenwinkel, manchmal noch mit zittrigen Händen, hin und wieder noch mit missgünstigen Blicken auf andere Schwangere und traurigen Gedanken beim Anblick lachender Kleinkinder. Meistens noch mit Chaos im Kopf und ohne Ordnung im Hirn, gleichzeitig mit der Überlegung, ob das vorher überhaupt jemals wirklich anders war. Auf jeden Fall aber, vielleicht mehr als zuvor: Mit Freude auf alles, was kommt. Mit einem Lächeln, das schon wieder erstaunlich gut sitzt. Mit einem Brautkleid im Schrank und dem Gedanken daran, das restliche Leben mit dem Menschen zu verbringen, den ich mehr liebe als alles sonst auf der Welt.

Ich mag das Gefühl, dass das Leben immer weitergeht. Dass es mir mein Kind weggenommen hat, das nehme ich ihm übel, ja, immer noch und sicher noch eine ganze Weile. Es hat die Chance zur Wiedergutmachung, das Leben. Denn ich bin hier und warte. 

Die Zeit läuft, aber ich laufe nicht mit.

45846716775

Wenn ich manchmal einfach abtauche aus der Realität, dann sitze ich da und bin einfach weg, gefangen in meinem eigenen Kopf, und wenn ich wieder zu mir komme, kann ich nicht mehr sagen, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Dann bin ich in Gedanken bei den vielen Kleinigkeiten, an die ich mich so klammere, als könne ich sie eines Tages einfach irgendwo verlieren, im Zug liegen lassen vielleicht, und danach nie wiederfinden. Dann sehe ich mich selbst vor dem Spiegel stehen, in der einen Hand ein weißes Plastikstäbchen, mir die andere Hand vor den Mund haltend, und ich fühle wieder und wieder diese erste Sekunde, in der ich realisierte, was da gerade los war, diese Sekunde, die mir für die nächsten Wochen ein Lächeln ins Gesicht tackerte, das sich nicht mehr abschütteln ließ. Dann denke ich daran, wie ich ein Mal auf diesem Stuhl saß, auf einem Monitor ein kleines Herz schlagen sah, einen kleinen Punkt, der munter auf und ab hüpfte, und wie ich kurz darauf vor Verzückung, vor Liebe, mit nichts als rosa Watte im Kopf, mit der U-Bahn in die falsche Richtung fuhr und es viel zu spät merkte und einfach nur weiter lächelte. Dann höre ich mir selbst noch einmal dabei zu, wie ich der Katze erkläre, dass sie jetzt nicht so auf meinem Bauch herumtrampeln darf, weil darin jetzt jemand wohnt. Dann höre ich die Stimme der Arzthelferin, die mir sagt, ich sähe ja blendend aus, und dann ist da meine eigene Stimme, die sagt, ja, ich sei wohl von allen schlimmen Begleiterscheinungen verschont geblieben. Eine halbe Stunde, bevor alles vorbei war.

Ich kann noch nicht so richtig zu mir kommen. Ich weiß nicht, wie das geht. Es gibt diese Tage, die leben sich, so scheint es, einfach von selbst, ich muss nichts tun und vieles funktioniert wie vorher, alles schaltet auf Autopilot, man muss nur anwesend sein und dann geht das schon alles irgendwie.

Andere Tage, und das sind die meisten, die tun weh, innen und außen und überall, da versuche ich zu funktionieren und dann kommt jemand, der fragt, wie es mir geht, oder auch, warum ich denn so lange krank war, was denn da los gewesen wäre, und dann bricht alles über mir zusammen und begräbt mich unter sich und ich sitze da und kann mich nicht bewegen und fühle mich in meinem eigenen Körper, in meiner eigenen Traurigkeit, gefangen, als gäbe es da nie mehr einen Ausweg. Da bekomme ich Panikattacken, wenn ich abends alleine zuhause sitze und merke, dass ich seit Stunden nichts tue als dem Ticken der Uhr zuzuhören. Da kaufe ich eine Avocado fürs Abendessen, schneide sie auf, überlege es mir plötzlich anders, werfe sie einfach weg und werfe einen Blick auf das Messer und denke, nein, so ein Emo bist aber jetzt schon seit zehn Jahren nicht mehr, lasse es liegen und gehe ohne Essen ins Bett. Um 19 Uhr. Da wache ich am nächsten Morgen um 5 Uhr auf und versuche, mich daran zu erinnern, wofür ich früher so aufgestanden bin, und weiß es einfach nicht mehr, und tue es trotzdem, weil was soll man auch sonst tun.

Da bemerke ich die Ungeduld der anderen, die Verständnis haben wollen, aber sich nicht sicher sind, wie weit das reichen soll und wie man es äußert, weil niemand genau weiß, wie lange man braucht, um über sowas hinweg zu kommen, über so einen geschlechtslosen toten Fötus, wie lange kann das schon dauern, zu vergessen, andere haben das schließlich auch erlebt und die haben sich vielleicht nicht so angestellt oder noch mehr, man weiß es nicht, weil niemand jemals darüber redet. Aber man wird ja mal fragen dürfen, wie es so geht, langsam ist doch Schluss, das Leben geht weiter und man kann das ja alles nochmal probieren, die Zeit heilt alle Wunden und andere Spermien machen ja bestimmt auch schöne Kinder. Man darf nur nicht aufgeben und muss immer positiv denken und alles hat ja auch irgendwie einen Grund, welcher das war, das wird man dann schon noch sehen. Und während ich hinhöre und glauben will, was da gesagt wird, denke ich doch nur, wie sehr ich jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt um sein Unwissen darüber, wie sich all das anfühlt, beneide.

Ja, ja, ich weiß, die Zeit läuft weiter und mit ihr das Leben, aber heute und morgen und vielleicht sogar übermorgen, da laufe ich nicht mit. Da stehe ich am Rand und beobachte und versuche zu lernen, wie man jetzt weitermacht, vielleicht ist das wie Laufen lernen, am Anfang schwer und dann geht es wie von allein, und ja, da fällt man dann vielleicht anfangs oft hin und schlägt sich die Knie auf und weint, und wichtig ist, wieder aufzustehen, auch das ist mir bekannt.

Was auch immer dieses normale Leben ist, wie auch immer es sich anfühlt, ich werde es wiederfinden, das weiß ich, vielen Dank. Aber nicht heute. Nicht morgen. Ich weiß nicht, wann. 

Dead Baby Sadness

 

Es ist leider nicht in Ordnung, haben sie mir gesagt.

Es ist nicht in Ordnung. Da wächst nichts mehr. Da schlägt kein Herz mehr.
Es ist nicht in Ordnung lässt den Raum zur Seite kippen, und alle Gedanken fliegen durcheinander.
Es ist nicht in Ordnung legt einen Schleier über alles. Über das Denken. Über das Handeln. Über uns.
Es ist nicht in Ordnung gewesen. Und seitdem ist gar nichts mehr in Ordnung.

Es ist unheimlich schwer, einen Menschen herzustellen, haben sie mir gesagt. Deshalb passiert das so oft, haben sie mir gesagt. Es sei wirklich nicht meine Schuld, haben sie mir gesagt. Und doch fühlt es sich genauso an. Als habe ich versagt. Als seien alle Frauen fähig, Kinder zu bekommen. Nur ich nicht. Nur ich bin die, die macht, dass Herzen einfach wieder aufhören zu schlagen.

Ob ich bequem liege, haben sie mich gefragt, auf dem OP-Tisch. Ob mein Kopf so richtig liegt. Ob sie meine Arme anders hinlegen sollen, damit es bequemer für mich ist. Aber es ist mir egal, ob ich bequem liege.
Als ob ich überhaupt noch wüsste, wie sich bequem liegen anfühlt. Als ob ich Interesse an einer bequemen Lage hätte. Wo ich doch gleich hier einfach einschlafe und hoffe, nicht wieder aufzuwachen, und es ja doch tun werde. Wo ich doch gleich wieder aufwachen werde und alles aus mir herausgeschabt sein wird, mir alles fehlen wird, worum sich in den letzten Wochen alle meine Gedanken drehten.

Ob ich große Schmerzen habe, haben sie mich gefragt, im Aufwachraum. Ob ich ein stärkeres Schmerzmittel brauche. Ja, das brauche ich. Bitte. Ein Schmerzmittel für alles. Hier, im Aufwachraum, wo ich zwei Stunden liege, nur durch eine Wand getrennt von einem Raum, wo im Fünf-Minutentakt Kinder zur Welt kommen, die ich schreien hören kann. Ärzte, die Eltern beglückwünschen. Hebammen, die Babys messen. Babys, die schreien. So wie meines das niemals tun wird.

Wenn ich nichts trinke, können sie mich nicht nach Hause entlassen, haben sie mir gesagt. Also trinke ich, obwohl ich gar nicht nach Hause will. Ich will nicht in eine Wohnung, in der ich bisher immer nur schwanger gelebt habe. Ich will nirgendwo hin. Ich will nirgendwo sein. Ich will nichts außer einfach nur mein Kind zurück.

Beim nächsten Mal klappt es bestimmt, haben sie mir gesagt. Sie sind ja noch so jung, Sie werden ganz bald wieder schwanger werden, haben sie mir gesagt. Wir sehen uns bald wieder und dann ist alles in Ordnung, haben sie mir gesagt.
Aber ich wollte nie ein nächstes Mal. Ich wollte dieses Kind. Dieses eine besondere Kind. Nicht das nächste. Nicht ein anderes. Dieses. Das kam, als niemand mehr damit rechnete. Das mich wochenlang so glücklich machte wie nichts anderes zuvor auf dieser Welt. Das ich niemals kennenlernen durfte und dennoch jetzt so sehr vermisse.

Und deshalb wird überhaupt nichts in Ordnung sein. Deshalb liege ich da und starre auf eine Flasche voller Flüssigkeit, die langsam tropfend in meinen Arm hinein- und umso schneller aus meinen Augen wieder herauszulaufen scheint. Deshalb liege ich da und Blut sammelt sich unter mir und es ist mir egal. Deshalb kann ich nichts trinken. Nichts essen. Nicht denken. Mit niemandem sprechen. Deshalb ist alles so leer. Deshalb wünsche ich mir, mein Herz hätte genauso aufgehört zu schlagen wie das meines Kindes.

Denn was ich gegen diese ganzen Schmerzen machen kann. Wie ich irgendwann wieder aufhören kann zu weinen. Ob ich irgendwann einfach so wieder alleine sein kann. Wie ich damit zurechtkommen soll, dass nicht sein wird, was hätte sein können. Wie ich jetzt einfach so mit meinem Leben weitermachen soll.

Das alles hat mir niemand gesagt. 

Quiet, please.

IMG_20130203_153739

 

Was tun, wenn es so viel zu sagen gibt und gleichzeitig so wenig. So vieles, das man gerne sagen würde, so wenig, das man einfach so aussprechen will. Sarah, du musst mal lernen, dass man manches vielleicht besser für sich behält. 

Da fallen einem die passenden Worte ein, aber man vertauscht einfach ein paar Buchstaben, macht andere Worte und Sätze daraus, man schwenkt einfach um und lässt sich nichts anmerken und innen ist so viel Aufruhr, den man noch nicht so ganz einordnen will. Denn wenn das Leben Purzelbäume schlägt, spricht es damit manchmal einfach für sich selbst, da bedarf es keiner kommentierten Sonderedition, da steht alles verständlich und in Großbuchstaben da, da schaut man hin und versteht und nickt wissend, da kichert man in sich hinein und macht doch einfach weiter, als sei nichts. Manchmal sind auch das die guten Momente, die sich dadurch auszeichnen, dass man sie mit niemandem teilt, sie für sich behält und sorgsam aufbewahrt. Teilen war ohnehin noch niemals meine Stärke, mitteilen von Zeit zu Zeit noch weniger.

Zu viele gute Momente lassen sich ja doch nie realistisch nacherzählen, wenn zu viel passiert, dann kann man das einfach nicht mehr vernünftig zusammenfassen, ohne zu viel Wichtiges wegzulassen. Da kann man nur Erinnerungen und Fakten bruchstückartig zusammensetzen, wie ein Mosaik, und heraus kommt dann die eigene Form von Realität, eine Interpretation des Erlebten, das nie ganz der Wahrheit entspricht, aber das ist egal, weil die ja meistens sowieso langweilig ist. Übrig bleiben später immer nur die Anekdoten: Dass uns, als wir umzogen, in der neuen, leeren Wohnung zuallererst ganz plötzlich die Katze abhanden kam, dass wir eine Nacht lang im strömenden Regen, mit Taschenlampe und Futterdose bewaffnet, durch unsere neue Nachbarschaft wanderten, die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, dass wir irgendwann aufgaben, die restliche Nacht wach lagen und die Katze am nächsten Morgen auf Nachbars Terrasse wiederfanden. Dass die Katze seitdem kaum noch mit uns kommuniziert und die neue Wohnung noch nicht richtig zu akzeptieren scheint. Dass es in der neuen Wohnung gespenstisch still ist, man sich ein bisschen wie auf dem Land fühlt und immer erst kurz überlegen und darüber nachdenken muss, in welcher Stadt man nun eigentlich wohnt. Dass das jetzt schon alles ganz in Ordnung ist und dass man sich hier schon nach so kurzer Zeit wirklich zuhause fühlt (und in diesem Fall ist das sogar die volle Wahrheit).

Die Dinge, die man sich so erzählt, wenn man sich sowieso gerade schon im Gespräch befindet. Und, wie war der Umzug so? – Ach, du weißt ja. Aber nie wieder ohne Umzugsfirma, und überhaupt.
Eine gute Gelegenheit, ein paar andere Kleinigkeiten zu verschweigen, die sowieso niemanden etwas angehen.