It’s up to me now, turn on the bright lights.

brightlight

Texte zu schreiben, das bedeutet, Gedanken aneinanderzureihen. Immer einen an den anderen. Only one thought at a time. Manchmal funktioniert das noch nicht so richtig. Diese Ordnung im Kopf, dieses geordnete Denken, die zurechtgerückten, auf die richtige Länge gestutzten Wortschlangen, das alles ist mir manchmal noch so fremd. Wenn ich beginne nachzudenken, dann ist da ein Brummen in meinem Kopf, klare Gedanken erkenne ich nirgendwo. Dann gebe ich angestrengt auf und der Kopf brummt lauter und alles dreht sich ein bisschen und wirkt viel zu weit weg und ich schnappe erschöpft nach Luft. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, manchmal noch nicht richtig anwesend zu sein, irgendwie ganz weit weg und doch in einer Art und Weise anwesend im Hier und Jetzt.

Was man mit der Zeit feststellt: Trauer ist ein schwebender Zustand, mehr situativ als permanent. Trotzdem nimmt sie dich gänzlich ein, sie verschluckt dich und hält dich gefangen, und du kannst nicht mehr tun, als dich in kleinen Etappen von ihr zu lösen, wenn der richtige Moment gekommen ist, der Moment, in dem du ihr überdrüssig wirst. Weil du irgendwann nicht mehr darüber sprechen willst, was passiert ist, weil du irgendwann alles beiseite legen willst, was deinen Organismus wochenlang lahm legte. Du willst die Erinnerung bei dir behalten, auch wenn sie schmerzt, aber du willst sie nicht täglich mit dir führen. Du willst weitermachen, du willst das glauben, was alle sagen: Dass das Leben weitergeht. Dass vielleicht niemals alles so wie vorher sein wird, aber doch wieder alles in Ordnung kommt. Weil du weißt, dass sie Recht haben.

Es ist ein bisschen wie nach einem Unfall, wenn man in einem Auto sitzt, das sich überschlägt oder eine Klippe hinunterstürzt und an Felsen zerschellt oder eine Brücke hinab stürzt und tief ins Wasser sinkt. Es ist, wie wenn man aus dieser Situation ganz knapp gerettet wird und dann erst mal für eine Weile im Koma liegt und irgendwann wieder aufwacht und langsam wieder zurück ins Leben findet und merkt,alles sitzt zwar noch an der richtigen Stelle, doch irgendwie funktioniert der Körper noch nicht so richtig, und man weiß, das dauert eben einfach alles ein bisschen, ein bisschen zu lange, irgendwie. Und die Dauer der Regeneration erscheint dir ewig, doch eines Tages schaffst du es ohne fremde Hilfe, ganz alleine, aus deinem Krankenbett aufzustehen. Du klammerst dich an deine Krücken und humpelst ans Fenster und beobachtest draußen die Bäume, die sich im Wind wiegen, und bist plötzlich ganz fasziniert davon, was die Welt alles zu bieten hat. Und zum ersten Mal seit Wochen nimmst du wahr, dass du am Leben bist. Und kurz darauf nimmt die Zeit der Reha ein Ende und du bist so froh, weil du irgendwann selbst ganz ungeduldig und genervt bist von deinem Unvermögen, richtig zu funktionieren. Irgendwann weißt du, das mit der vollständigen Genesung, das dauert noch eine Weile, aber die lebenswichtigen Organe funktionieren wieder einwandfrei, also entlässt du dich selbst zurück in die Realität, denn am Ende ist alles was du willst: dein Leben zu leben.

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, sich zu erholen, wenn man mit einem Auto von einer Brücke stürzte. Was ich weiß, ist: Meine eigene Reha-Zeit läuft langsam ab. Die Zeit, in der ich die „Entschuldige mein Verhalten, aber ich hatte eine Fehlgeburt“-Karte, die ich immer und überall in unbegrenzter Zahl auf der Hand oder im Ärmel hatte und die immerhin der einzige Joker war, der mir noch blieb, immer und immer wieder spielen konnte, geht zu Ende. Da war dieser eine Moment, in dem ich plötzlich verstand, dass die Entscheidung, wie es weiter geht, einzig und allein bei mir liegt. Seit diesem Tag stehe ich wieder jeden Morgen auf und lebe mein Leben, so wie sich das gehört, wenn auch oft noch ein bisschen wackelig auf den Beinen. Manchmal noch mit Tränen im Augenwinkel, manchmal noch mit zittrigen Händen, hin und wieder noch mit missgünstigen Blicken auf andere Schwangere und traurigen Gedanken beim Anblick lachender Kleinkinder. Meistens noch mit Chaos im Kopf und ohne Ordnung im Hirn, gleichzeitig mit der Überlegung, ob das vorher überhaupt jemals wirklich anders war. Auf jeden Fall aber, vielleicht mehr als zuvor: Mit Freude auf alles, was kommt. Mit einem Lächeln, das schon wieder erstaunlich gut sitzt. Mit einem Brautkleid im Schrank und dem Gedanken daran, das restliche Leben mit dem Menschen zu verbringen, den ich mehr liebe als alles sonst auf der Welt.

Ich mag das Gefühl, dass das Leben immer weitergeht. Dass es mir mein Kind weggenommen hat, das nehme ich ihm übel, ja, immer noch und sicher noch eine ganze Weile. Es hat die Chance zur Wiedergutmachung, das Leben. Denn ich bin hier und warte. 

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