Die Zeit läuft, aber ich laufe nicht mit.

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Wenn ich manchmal einfach abtauche aus der Realität, dann sitze ich da und bin einfach weg, gefangen in meinem eigenen Kopf, und wenn ich wieder zu mir komme, kann ich nicht mehr sagen, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Dann bin ich in Gedanken bei den vielen Kleinigkeiten, an die ich mich so klammere, als könne ich sie eines Tages einfach irgendwo verlieren, im Zug liegen lassen vielleicht, und danach nie wiederfinden. Dann sehe ich mich selbst vor dem Spiegel stehen, in der einen Hand ein weißes Plastikstäbchen, mir die andere Hand vor den Mund haltend, und ich fühle wieder und wieder diese erste Sekunde, in der ich realisierte, was da gerade los war, diese Sekunde, die mir für die nächsten Wochen ein Lächeln ins Gesicht tackerte, das sich nicht mehr abschütteln ließ. Dann denke ich daran, wie ich ein Mal auf diesem Stuhl saß, auf einem Monitor ein kleines Herz schlagen sah, einen kleinen Punkt, der munter auf und ab hüpfte, und wie ich kurz darauf vor Verzückung, vor Liebe, mit nichts als rosa Watte im Kopf, mit der U-Bahn in die falsche Richtung fuhr und es viel zu spät merkte und einfach nur weiter lächelte. Dann höre ich mir selbst noch einmal dabei zu, wie ich der Katze erkläre, dass sie jetzt nicht so auf meinem Bauch herumtrampeln darf, weil darin jetzt jemand wohnt. Dann höre ich die Stimme der Arzthelferin, die mir sagt, ich sähe ja blendend aus, und dann ist da meine eigene Stimme, die sagt, ja, ich sei wohl von allen schlimmen Begleiterscheinungen verschont geblieben. Eine halbe Stunde, bevor alles vorbei war.

Ich kann noch nicht so richtig zu mir kommen. Ich weiß nicht, wie das geht. Es gibt diese Tage, die leben sich, so scheint es, einfach von selbst, ich muss nichts tun und vieles funktioniert wie vorher, alles schaltet auf Autopilot, man muss nur anwesend sein und dann geht das schon alles irgendwie.

Andere Tage, und das sind die meisten, die tun weh, innen und außen und überall, da versuche ich zu funktionieren und dann kommt jemand, der fragt, wie es mir geht, oder auch, warum ich denn so lange krank war, was denn da los gewesen wäre, und dann bricht alles über mir zusammen und begräbt mich unter sich und ich sitze da und kann mich nicht bewegen und fühle mich in meinem eigenen Körper, in meiner eigenen Traurigkeit, gefangen, als gäbe es da nie mehr einen Ausweg. Da bekomme ich Panikattacken, wenn ich abends alleine zuhause sitze und merke, dass ich seit Stunden nichts tue als dem Ticken der Uhr zuzuhören. Da kaufe ich eine Avocado fürs Abendessen, schneide sie auf, überlege es mir plötzlich anders, werfe sie einfach weg und werfe einen Blick auf das Messer und denke, nein, so ein Emo bist aber jetzt schon seit zehn Jahren nicht mehr, lasse es liegen und gehe ohne Essen ins Bett. Um 19 Uhr. Da wache ich am nächsten Morgen um 5 Uhr auf und versuche, mich daran zu erinnern, wofür ich früher so aufgestanden bin, und weiß es einfach nicht mehr, und tue es trotzdem, weil was soll man auch sonst tun.

Da bemerke ich die Ungeduld der anderen, die Verständnis haben wollen, aber sich nicht sicher sind, wie weit das reichen soll und wie man es äußert, weil niemand genau weiß, wie lange man braucht, um über sowas hinweg zu kommen, über so einen geschlechtslosen toten Fötus, wie lange kann das schon dauern, zu vergessen, andere haben das schließlich auch erlebt und die haben sich vielleicht nicht so angestellt oder noch mehr, man weiß es nicht, weil niemand jemals darüber redet. Aber man wird ja mal fragen dürfen, wie es so geht, langsam ist doch Schluss, das Leben geht weiter und man kann das ja alles nochmal probieren, die Zeit heilt alle Wunden und andere Spermien machen ja bestimmt auch schöne Kinder. Man darf nur nicht aufgeben und muss immer positiv denken und alles hat ja auch irgendwie einen Grund, welcher das war, das wird man dann schon noch sehen. Und während ich hinhöre und glauben will, was da gesagt wird, denke ich doch nur, wie sehr ich jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt um sein Unwissen darüber, wie sich all das anfühlt, beneide.

Ja, ja, ich weiß, die Zeit läuft weiter und mit ihr das Leben, aber heute und morgen und vielleicht sogar übermorgen, da laufe ich nicht mit. Da stehe ich am Rand und beobachte und versuche zu lernen, wie man jetzt weitermacht, vielleicht ist das wie Laufen lernen, am Anfang schwer und dann geht es wie von allein, und ja, da fällt man dann vielleicht anfangs oft hin und schlägt sich die Knie auf und weint, und wichtig ist, wieder aufzustehen, auch das ist mir bekannt.

Was auch immer dieses normale Leben ist, wie auch immer es sich anfühlt, ich werde es wiederfinden, das weiß ich, vielen Dank. Aber nicht heute. Nicht morgen. Ich weiß nicht, wann. 

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