Unterwegs

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Ich weiß schon längst nicht mehr, wer oder was ich gerne sein will, und das halte ich für eine Verbesserung der Umstände, weil ich denke, das sein zu wollen, was ich bereits bin. Dass das eigentlich gelogen ist, fällt mir selten auf, doch an diesem Abend, der jetzt schon wieder einige Tage her ist, spiegelt sich nur Leere in der Fensterscheibe der S-Bahn, da, wo ich eigentlich sitze, auf dem Weg nach Hause, auf einer Reise wie durch ein Paralleluniversum, einer Reise von einem Paralleluniversum zum nächsten durch ein weiteres. In diesem Jahr bewege ich mich zwischen verschiedenen Unwirklichkeiten hin und her und, bei genauerer Überlegung, könnte ich es auch einfach dabei belassen.

Sich einfach eine neue Welt schaffen, um die alte weniger hinterfragen zu müssen.

Es ist der erste Abend im neuen Jahr, und die Außenwelt liegt seltsam verlassen da, da sind keine Menschen zu sehen, niemand außer mir will heute reisen, das leise Surren der S-Bahn nur für mich und wie von ganz weit weg und gleichzeitig wie von ganz nah. Das Zusammenspiel der Geräusche lässt die Wirklichkeit einfach verschwinden und ich warte auf einen weißblonden Cowboy, der sich mir mit leerem Blick gegenübersetzt, oder auf einen Anruf auf meinem eigenen Handy, bei dem mich meine eigene Stimme fragt, wer ich denn eigentlich sei. Aber das hier ist kein David-Lynch-Film und nichts passiert.

Und ich frage mich, ob das also jetzt so bleiben wird, dieses neue Jahr, unwirklich, realitätsfern, fantastisch im Wortsinn. Als sei ich hier nur zufällig hineingeraten, als gehöre ich nicht hierher, als habe mich jemand gegen meinen Willen auf die Bühne geschubst, als ich nur kurz zwischen den Vorhängen hindurch spähen und sehen wollte, wie viele Zuschauer sich schon auf ihren Plätzen eingefunden haben. Als sei es jetzt meine Aufgabe, zu unterhalten, für Entertainment zu sorgen, ohne Playback zu singen, ohne Probe, und eigentlich doch nur für mich selbst. Und irgendetwas sagt mir, dass ich das ganz gut machen werde, das jemand wie ich das schon hinbekommt, weil eine wie ich bisher immer alles irgendwie hingebogen hat.

Eine wie ich. Eine, die gerade irgendwie zufrieden ist, ohne zu wissen, warum.

Ich will sehen, was da draußen ist, und starre angestrengt aus dem dreckigen S-Bahn-Fenster und sehe dort immer nur mein eigenes, angestrengt starrendes Gesicht. Irgendwo, ein paar Sitzreihen entfernt, unterhalten sich Menschen, die offenkundig meine Sprache sprechen, die ich aber dennoch einfach nicht verstehe. Immer wieder das der S-Bahn eigene Surren, entweder scheint es zu flüstern oder ich bin verrückt oder beides.

Am ersten Abend in diesem Jahr finden sich auch im ICE kaum mehr als eine Handvoll Menschen, ein Sitzplatz ist für mich reserviert, aber ich suche mir einen schöneren aus, dann setzt sich mir ein alter Mann gegenüber, der seine Zeit abwechselnd schlafend und mich anstarrend herumbringt, ein Mädchen ein paar Plätze weiter, das mit großen pinken Kopfhörern die Außenwelt von sich abschirmt. Den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt folgen meine Augen den vorbeiziehenden Lichtern und ich bin gar nicht da und weiß auch nicht, wo ich sein will. Die stillen Momente, die früher ausreichten, um in mir dieses Gefühl zu erzeugen, das mir sagte: Du läufst da in die falsche Richtung, es gibt noch so viel zu tun, du bist ja noch so lange nicht am Ziel, diese stillen Momente sind jetzt nicht mehr still, nicht mehr lang, nicht mehr deprimierend genug, weil da zu viel ist, das gut ist. Die Waage schlägt an irgendeinem beliebigen Tag einfach zur Gegenseite um, es gibt gute Dinge und schlechte Dinge im Leben, und plötzlich sind die guten in der Überzahl und du weißt noch nicht so recht, wie nun damit umgehen.

Es sind immer die Momente, in denen man am weitesten von der Welt fort rückt, in denen man plötzlich ganz nah ist bei sich selbst.

Ein Kopf voller Nichts, das ist alles noch so neu, es ist ein neues Jahr, da gibt es so viel zu planen, so viel zu denken, so viel neu zu ordnen, überall ist das so, aber nicht bei mir, mein Kopf ist so leer wie der Zug, in dem ich sitze, weil planen nichts bringen würde, weil viel passieren könnte oder wenig, weil alles so kommt, wie es kommt. Die Planlosigkeit ist es, die auf meinem Plan ganz weit oben steht, und ob das gut ist oder schlecht, ich kann es nicht sagen, ich will es nicht wissen. Nicht, weil es mir egal ist, sondern weil es gut werden wird.

Die guten Dinge passieren, wenn man nicht mit ihnen rechnet.

Die guten Dinge passieren ständig, man muss nur hinsehen.

Und dann steige ich nach drei Stunden aus und es passiert etwas Neues, dieses Gefühl des Ankommens, des Heimisch-fühlens, das kenne ich schlecht, aber da taucht es plötzlich auf und macht in meinem Kopf ein Licht an, und als ich auf die U-Bahn warte, als ich einsteige und mich hinsetze und wieder aufstehe und aussteige und die Rolltreppe nehme und vor dem Haus stehe und in der Tasche nach dem Schlüssel krame und aufschließe und plötzlich einfach wieder da bin, da schaltet sich irgendwie alles wieder ein.

Vielleicht weiß ich ja doch, wer ich sein will. Vielleicht gehöre ich ja doch irgendwohin. Vielleicht bin ich ja gar nicht zufällig hier hineingeraten. Vielleicht weiß ich, warum ich so zufrieden bin. Vielleicht gehöre ich in kein Paralleluniversum.

Vielleicht gibt es doch noch eine ganze Menge zu planen.

Wer kann das alles jetzt schon sagen.

 

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2 Gedanken zu “Unterwegs

  1. Viele deiner Gedankengaenge sind mir vertraut; gerade jetzt. Und es sind solche, bei denen ich nicht damit gerechnet haette. Deshalb ein herzliches Danke! fuers Teilen. Mir ist ein bisschen wohler ums Herz.

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