Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier.

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Als ich noch jünger war, viel jünger, vielleicht halb so alt wie heute, da verbrachte ich die meiste Zeit in meinem Zimmer sitzend, oben unter dem Dach, alleine mit mir und meiner jugendlichen Melancholie, der Sehnsucht nach Dingen, von denen ich noch keine Ahnung hatte, und sah mir selbst dabei zu, wie ich langsam in die geduldig abwartende Depression sank, die mich so viele Jahre danach noch beschäftigen sollte. Das ist es, das Alter, in dem man Sachen vermisst, die man noch gar nicht kennt. In dem man will, dass alles endlich anfängt, dabei ist man doch eigentlich schon mittendrin. Damals habe ich mich gefragt, wie soll das eigentlich mal schön werden, das Leben, wenn doch alles nur an mir liegt, ich doch aber eigentlich gar nichts kann, das schaffe ich doch alles gar nicht, ich bin ein kleines Mädchen, das keinerlei Talente hat. Wie schaffe ich das, glücklich zu sein, weil glücklich sein, das ist doch ein Stück weit meine Verpflichtung, meine Eltern, die haben sich so viel Mühe gegeben mit mir, da bin ich es ihnen schuldig, irgendwann ein gutes Leben zu leben, gute Dinge zu denken und zufrieden zu sein mit dem, was ich habe und was aus mir geworden ist.

Und wenn ich heute zu jemandem sage „Meine Eltern..“, dann drückt auch heute noch in meinem Kopf jedes Mal eine fremde Hand auf einen großen roten Buzzer, als läge ich mit meiner Aussage gerade gänzlich daneben, in meinem Kopf fällt dann das Wort „Eltern“ wie das „Wetten, dass..“-Logo bei einer verlorenen Wette auseinander und im Hintergrund läuft die dazu passende Melodie. Jedes Mal stolpere ich über das Wort, falle darüber beinahe hin, bleibe einfach mitten im Satz stecken, und dann möchte ich meinem Gegenüber gerne sagen: „Ach, entschuldige, ich wollte nicht so tun, als ob ich Eltern gehabt hätte, ha ha ha“, und ich möchte ironisch zwinkern und eine wegwerfende Handbewegung dazu machen und dann einfach von etwas anderem reden. Und zurück bleibt dann immer das Bild im Kopf, der Gedanke, keine Eltern gehabt zu haben, fast glaube ich es mir selbst, dabei ist das natürlich gelogen, jeder hat Eltern, nur bei mir ist das kompliziert, weil die einzige Person, die die Bezeichnung verdient hat, meine Mutter ist, und jeder, der noch dazu gehören könnte, sich im Laufe der Zeit selbst disqualifizierte. Und bis heute weiß ich manchmal nicht, ob ich darüber traurig sein soll, ob das vielleicht ohnehin nichts geändert hätte oder ob ich einfach dankbar sein soll für diese Art von Mutter.

Als meine erste Schwester zur Welt kam, da war ich zehn Jahre alt, bei der zweiten war ich elf, und da dachte ich, das war’s dann, jetzt bist du raus aus der Familiensache, und das stimmte auch, denn meine Geschwister hatten einen richtigen Vater, einen, der vermeintlich da war, einen, der nicht meiner war. Und plötzlich waren alle eine fröhliche Familie, die sonntags Ausflüge unternahm und morgens gemeinsam am Frühstückstisch saß, nur ich, ich war das kleine dicke Mädchen mit der Brille, das auf dem Dachboden lebte, schüsselweise Schoko-Cornflakes in sich hineinstopfte und schräge Ponyhof-Geschichten schrieb, weil es sonst nichts anderes mit seiner Zeit anzufangen wusste. Da waren alle eine Familie, nur ich passte nicht ins Bild und wollte das auch nicht. Mich in irgendeine Art Ordnung einfach einzufügen, einfach einen mir zugewiesenen Platz einzunehmen, so wenig wie ich das heute will, so wenig konnte ich das damals. So sehr wie ich diesen Umstand heute schätze, so wenig ertrug ich ihn damals. So stark wie mich das alles machte, so schwach fühlte ich mich damals. Es gab keinen Platz für mich, so sehr meine Mutter auch versuchte, mir einen einzurichten.

Irgendwie war ich wohl schon immer allein, und irgendwie gehört das wohl alles so, und irgendwie geht das heutzutage ziemlich in Ordnung. Jetzt ist es nämlich doch soweit, die Sache mit der Verpflichtung, irgendwie kann ich ihr heute nachkommen, denn heutzutage muss sich keiner mehr Sorgen machen um mich, heutzutage muss niemand mehr wegen mir nachts wachliegen, weil es sein könnte, dass ich eine Glasscheibe zerschlage und versuche, mir mit den Scherben die Pulsadern aufzuschneiden. Irgendwie gehen Dinge wohl irgendwann einfach zu Ende, und dazu zählen auch Depressionen und Kindheitstraumata und der Wunsch, nicht mehr da zu sein, weil man vermeintlich keine Funktion im Leben hat. Und dann stellt man dann plötzlich fest, dass das alles gar nicht von ganz allein passierte, sondern dass man selbst ganz schön viel beigetragen hat zur heutigen geistigen Gesundheit, und zwar ganz allein. Und man muss kurz innehalten, um festzustellen, wie stolz man auf alles sein kann, und wie viel man anscheinend doch kann, und das, wo man doch gar nicht allzu viel von sich selbst hält. Wozu das alles, fragt man sich plötzlich, den ganzen Aufstand hätte ich mir ja wohl auch sparen können, auf meine ganz eigene Weise hab ich das wohl selber ganz schön gut hingebogen, aber wer auch sonst, es war ja sonst keiner da.
Und dann stellt man plötzlich fest, dass man doch ganz schön viel drauf hat, für jemanden, der denkt, dass er nichts kann. Für jemanden, der ja eigentlich irgendwie keine Eltern hatte. 

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