Schau mal, es schneit ja.

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Die Abende in dieser fremden Wohnung, die jetzt schon seit zwei Monaten mein Zuhause ist und es noch für die nächsten fünf Wochen bleibt, die Abende hier sind so ruhig und ereignislos, versuchte man, mit den Händen danach zu greifen, man würde doch nur ins Leere fassen. Es ist wie ein Zwischenhalt hier, ein Boxenstopp, man ist schon losgegangen, aber noch nicht angekommen, wo man eigentlich hinwollte, vor allem deshalb, weil man noch gar kein Ziel kannte, als man loslief. Und hier halte ich jetzt kurz inne und weiß nicht, soll ich vor oder zurück sehen.

Die Wohnung, morgens spuckt sie mich manchmal einfach aus, dann falle ich etwas orientierungslos auf die Straße vor dem Haus und während ich zur Arbeit gehe, überlege ich bei jedem Schritt, ob das jetzt überhaupt der richtige ist, den ich da gegangen bin, seit zwei Monaten immer die gleiche Frage, warum geht man von dort weg, wo man glücklich ist, warum ist man innerlich nie zufrieden, mit dem, was passiert, wie kann es sein, dass man Entscheidungen trifft, die keinen Sinn ergeben. Dass es dafür sehr wohl Gründe gibt, das ist immer so schnell vergessen.

Seit zwei Monaten die Leere, die einfach da ist, die auf einen wartet, wenn man abends nach Hause kommt, und was heißt das überhaupt, „nach Hause“, mein Zuhause ist nirgendwo. Die Abende hier, sie geben mir nichts und nehmen mir alles, und ich sitze da mit dem, was übrig bleibt, und das ist nicht viel. Ich tue nichts und lausche der Stille, ich höre den eigenen Atem, ich sehe den Tee aus der Tasse verdampfen, draußen fällt Schnee und niemand da, zu dem ich sagen könnte: Schau mal, es schneit ja.

Und während der Schnee vor dem Fenster die Welt und mich sauber in zwei Teile schneidet, die miteinander nichts zu tun haben, während ich Tee gegen Wein tausche und die Musik ausschalte, weil ich so viel Geräusch nicht ertrage, da denke ich, wie dieses Leben früher das Talent hatte, mich für sich zu begeistern, dieses Alleinsein, das war nicht nur akzeptiert, das wurde geliebt und gepflegt, das gab mir alles und nahm mir nichts, lieber abends mit sich selbst Löcher in die Luft starren als sich langweilige Geschichten von langweiligen Menschen erzählen lassen, die auf die Gegenwart anderer langweiliger Menschen angewiesen sind, um den Raum mit ihren langweiligen Geschichten zu füllen. Wie froh war man damals, wenn man abends die Tür hinter sich zuzog und die Welt hinter sich ließ, die irgendwie so gar nichts zu bieten hatte, was wirklich von Bedeutung gewesen wäre. Wie schön es war, allein zu sein, damals, und wie schrecklich es heute ist, meistens. Und alles nur, weil plötzlich einer kam, mit dem alles ganz anders war. Der, anstatt mich zu langweilen, mein Innerstes erschütterte. Der mich daran erinnerte, dass ich tatsächlich zu Gefühlen fähig bin. Der den Funken überspringen ließ, zwischen sich und mir, zwischen mir und der Welt. Der missing link, das fehlende Verbindungsstück zwischen mir und dem richtigen Leben. Der, dessen Anwesenheit den Raum füllen kann, so wie das sonst niemandem gelingt.

Der, dessen Abwesenheit jetzt jeden Abend schrecklich schmerzt.

Es ist nur ein Zwischenhalt hier, ein Boxenstopp, ich weiß. Aber langsam wird es Zeit, weiterzugehen.

Fünf Wochen. 

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