When will I ever get home

 

Ich kann ganze Nachmittage lang nur am Fenster sitzen und beobachten, wie die Sonne um die Häuser wandert. Die Kaffeetasse mit beiden Händen umfassend, den Blick starr nach draußen gewandt, während sich im Kopf der Spannungsbogen, auf dem sich das Leben abspielt, schlaff nach unten wölbt, wie eine Hängematte, in der niemand liegt, schon seit Wochen, seit Monaten nicht mehr. Und ich höre die Anderen sagen, dass da doch gerade so viel passiert bei mir, und wie spannend das ist und dass es bei mir ja auch nie langweilig wird, was manchmal mehr als Beleidigung und weniger als Kompliment zu verstehen ist, doch ich höre nicht einmal hin und starre einfach weiter. An diesen Tagen ist es, als beobachte ich mein eigenes Leben von oben, und es sieht aus wie eine einzige, fließende Bewegung, ein ruhiger Fluss, eine nur allzu logische Schlussfolgerung aus allem vorangegangenen, und ich kann nichts Spannendes daran erkennen, so sehr ich mich auch bemühe. Ich sehe mich nur selbst in einen tiefen, ruhigen Schlaf sinken, und manchmal habe ich Angst davor, niemals wieder aufzuwachen.

Als wir zum ersten Mal hier waren, hier in dieser Wohnung, als Gäste, da war die Hitze draußen kaum auszuhalten, der Baum vor dem Haus voller Blätter und ich innerlich unter Strom stehend. Jetzt, vier Monate später, ragen draußen vor dem Küchenfenster dürre Zweige kahl in die kalte Novemberluft, die Menschen auf der Straße tragen dicke Winterjacken und ich bin innendrin so leise, dass ich mich manchmal selbst kaum hören kann. Als ich zum ersten Mal hier an diesem Tisch saß, als Gast, und meine Unterschrift unter den auf drei karierten Din A 5-Blättern handgeschriebenen Vorvertrag setzte, da dachte ich, wow, das passiert ja gerade alles wirklich, so richtig echt, ab jetzt ändert sich so viel, und seitdem denke ich das jedes Mal, wenn wieder etwas passiert, das diese Stadt als mein neues Zuhause manifestiert, und mit jedem Mal wird mein Dasein realer, berechtigter, es ist, als brauche es eine Rechtfertigung, eine Gewissheit, als müsse ich mir durch bestimmte Ereignisse immer wieder aufs Neue bestätigen lassen, dass das so schon alles seine Richtigkeit hat. Immer wieder braucht es etwas, das das bisher Geschehene unterstreicht, ein Ausrufezeichen dahintersetzt.

Jetzt sitze ich bereits seit fast zwei Monaten fast jeden Tag hier an diesem Küchenfenster und starre hinaus und denke, dass das ja wohl tatsächlich alles richtig ist, warum sonst sollte alles so leicht sein, so unkompliziert. Vor mir auf dem Tisch schon der nächste Mietvertrag, diesmal für länger, für die schönste vorstellbare Wohnung, für den nächsten Schritt, der mich ankommen lässt, von dem ich hoffe, dass er mein abgestumpftes Hirn wieder anspitzt, damit ich endlich aufwache aus dieser Lethargie, damit die Zeit in der Warteschleife ein Ende hat.

An Tagen wie diesen starre ich nach draußen und bin wie innen mit Watte aufgefüllt, da sind keine Organe mehr, kein Herz, kein Hirn, kein gar nichts, und ich bin zu gleichen Teilen glücklich und unglücklich. Glücklich, weil ich weiß, dass da jetzt ein Weg ist, den ich verfolge, plötzlich taumle ich nicht mehr ziellos umher, plötzlich weiß ich, wer ich bin und wo ich hin will und warum und mit wem. Unglücklich, weil da diese Dinge sind, die ich einfach nicht ablegen kann auf meinem Weg, die mich überallhin begleiten, von denen ich früher immer dachte, die sind nur vorübergehend da, die verschwinden dann schon, wenn es an der Zeit ist. Heute weiß ich, das Gefühl, nicht dazu zu gehören, wozu auch immer, das bleibt. Dass ich mich unter anderen Menschen die meiste Zeit wie ein Fremdkörper fühle, das ist die Konstante, die ich überall mit hinnehme. Dass der Anteil der Menschen, die mich langweilen, überall auf der Welt gleich, und damit viel zu groß, zu sein scheint, ist eine Sache, die nur schwer zu akzeptieren ist. Dass ich so langsam beginne, mich ständig für alles zu alt zu fühlen, ist wahrscheinlich normal. Dass mich das, was mich glücklich macht, nämlich zu wissen, wohin die Reise gehen soll, gleichzeitig manchmal so tief deprimiert, wahrscheinlich nicht. Dass ich wahrscheinlich einfach so bin, wie ich bin, muss ich wohl irgendwann einfach akzeptieren.

Ich kann den ganzen Nachmittag lang am Fenster sitzen, so lange, bis die Sonne verschwindet und es dunkel wird, und in meinem Kopf ist noch immer nichts passiert, ich starre in die Dunkelheit, so lange, bis mein eigenes Gesicht in der Spiegelung der Fensterscheibe mit müden Augen zurückstarrt. Und die einzige Frage, die ich mir am Ende eines solchen Tages stelle, ist, was passieren muss, damit ich endlich wieder aufwache. 

Ein Gedanke zu “When will I ever get home

  1. Da hinten ist die Zukunft

    Von leuchtenden Dingen habe ich wenig Erfahrung, doch wenn ich an dich und deine Texte denke sehe ich die Zukunft da hinten.
    Ich wünschte, ich könnte deine Hand nehmen und sie an mein Herz halten, sodass du sehen könntest, was ich sehe.

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