Speechless

 

Wenn du merkst, dass da in deinem Kopf nichts mehr stimmt, wenn es da plötzlich so still wird, wenn du versuchst, dir die Worte mit einer spitzen Schere aus dem Kopf zu schneiden, dann weißt du, dass da etwas völlig in die falsche Richtung läuft. Dass du den Moment verpasst hast, als du, ohne es zu merken, völlig falsch abgebogen bist, irgendwohin, wo du jetzt alleine dastehst.

Dann kannst du dasitzen mit deinem Weinglas in der Hand, abendelang, im schummrigen Licht, und versuchen, endlich wieder klar zu denken, nur einen einzigen Moment lang, und das alles völlig erfolglos. Dann kannst du stundenlang eine Ordnung suchen für deine wirren Gedanken, vergeblich. Vielleicht deshalb, weil es für manche Dinge keine Ordnung geben kann.

Einst sagte meine Therapeutin, zum Abschied, zu mir: „Denken Sie daran, wann immer Sie das Gefühl haben, nicht zurecht zu kommen: Holen Sie sich Hilfe. Wie auch immer diese Hilfe aussehen mag. Sprechen Sie mit anderen.“ Und ich dachte: „Ja. Das mache ich so. Das klingt klug.“ Die selbe Therapeutin war es, die mir sagte, mein Weg sei ein Weg, den ich wohl meist allein gehen müsse. Erst viel später verstand ich, was sie damit meinte. Es ist nicht das, was ich jetzt tue. Jetzt tue ich, was mich früher krank werden ließ: Ich mache Dinge mit mir alleine aus. Ich beantworte Fragen mit einem Satz, auf die ich einen halbstündigen Monolog parat haben sollte. Ich wundere mich, wenn Menschen daraufhin aufhören, mir Fragen zu stellen. Ich weine oft und halte das für normal. Ich schließe mich selbst aus und fühle mich ausgeschlossen. Ich möchte mich nicht unverstanden fühlen: Ich möchte mich mitteilen. Doch die Worte, sie kommen nicht. Sie sind vielleicht da, doch sie ergeben keinen Sinn, nicht in meinem Kopf und nicht anderswo. Ich irre herum mit einem Knäuel Wortfetzen in meinem Hirn, das ich nicht entwirren kann. Ich beherrsche eine Handvoll perfekt antrainierter Phrasen, die mir zu den passenden Gelegenheiten einfach aus dem Mund fallen, zu den „schlechten Tagen“, die, als Ergebnis eines nicht sonderlich langen Kampfs, über die guten Tage triumphierten. Und niemand weiß, dass das so ist. Woher auch.

Tatsache ist wohl: Das Verhältnis zweier Menschen ändert sich gemeinsam mit der Entfernung, die zwischen ihnen liegt. Plötzlich ist man im Leben des anderen nur noch zu Gast. Plötzlich fehlt so viel, die Tage zwischen den Tagen sind länger, als man es ertragen kann, plötzlich kennt man nur noch die Fakten, man kennt nicht das Gesicht dazu, man verpasst Stimmungen, Zwischentöne, all das, was doch eigentlich das ganze Konstrukt zusammenhält, man muss aufpassen, um dabei zu bleiben, man ist so weit draußen und lebt ein anderes Leben, und dann ist da so viel, was einfach untergeht, was verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Plötzlich ist all das schwierig, was vorher so leicht war. Plötzlich ist das, was man mit dem anderen teilt, so klein. Plötzlich fehlt die tragende Säule, die vorher alles so einwandfrei im Gleichgewicht hielt. Plötzlich gibt es da dieses Gefühl, das einen ständig schwanken lässt.

Und das alles auszusprechen, das alles vor anderen zuzugeben, wie schwer an manchen Tagen alles ist, das alles zu erzählen, das ist es, was unmöglich ist. So sehr ich mich bemühe, ich kann es nicht. Ich kann lächeln und sagen, das wird schon alles. Ich kann nicken und zustimmen, wer auch immer mir sagt, dass das doch alles kein Problem ist. Ich kann still sein und so tun, als sei alles in Ordnung mit mir. Ich kann lachen und überspielen, dass ich vielleicht lieber weinen würde. Das alles fällt mir so leicht, es passiert einfach von selbst, wie lange ich das alles einstudiert habe, ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Ich kann das alles. Was ich nicht kann, ist: Die Frage danach, wie es mir geht, ehrlich beantworten. Darüber sprechen. Darüber schreiben. Klar darüber nachdenken. Sagen, dass ich mich vom Leben überfordert fühle. Dass ich nicht weiß, wie alles weitergehen soll. Dass es keinen Plan gibt, nach dem ich vorgehen kann. Dass ich vielleicht manchmal etwas Hilfe gut gebrauchen könnte. Jemanden, der versteht.

Da ist dieses Ding in meinem Kopf, das sich nicht fassen, nicht einfangen lässt. Das Papier bleibt leer, die Stille unberührt, die Gedanken ungeordnet. Die Stimme in meinem Kopf sagt: „Sprechen Sie mit Menschen.“ Ich sage: Nichts. Weil ich es einfach nicht kann.

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10 Gedanken zu “Speechless

  1. wie wahr!
    wenn sich stille im kopf und im leben breit macht und man wie gelähmt zuschaut, obwohl man genau das gegenteil braucht und trozdem nicht anders handeln kann…

  2. Die Gedanken werden sich klären, nächste Woche, nächsten Monat.
    Manchmal muß man das Gedankenknäuel beiseite legen und wenn man es irgendwann wieder aufnimmt, findet man auf einmal den Faden, an dem man ziehen muß..

  3. Mir war beim Lesen, als wären das zwei Texte. Also so, als hätte sich der Gedanke über die Entfernung zwischen jene darüber, nicht reden zu können gedrängt. Es kommt mir vor, als läge wiycc falsch. Lindas Gedanken kenne ich dafür umso besser selbst.

    • Dass das eigentlich 2 Texte sind, ist schon richtig, in meinem Kopf sind sie aber einfach zusammengefallen und haben plötzlich gepasst, für mich. Und wer jetzt mit was Recht hat.. ich weiß nicht, wer das entscheiden kann, ich kann es nicht.

      • In meinem Kopf sind sie auch zusammengefallen. Denn sie passen ja auch nicht zu-, sondern ineinander. Also dass diese Integration der beiden total toll ist, das hätte ich vielleicht noch sagen sollen!

  4. Mitunter verlassen lautlose Schreie meine Kehle,
    die Worte zerfallen zwischen Zunge und Gaumen
    jetzt, bin ich überzeugt DU könntest die Worte in meinen Augen lesen

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