Yesterday I woke up sucking a lemon.

 

Das neue Leben passt in vier Umzugskisten und eine halbvolle Reisetasche. So lange ich auch darauf gewartet habe, so schnell ist es dann einfach da. Es trifft ein, ohne sich vorher nochmal anzukündigen, ohne nochmal Bescheid zu sagen, warum auch, es war ja alles geklärt, an diesem Montag Morgen geht es los, da bedarf es keiner Terminbestätigung. Und da stehe ich an diesem Sonntag Abend vor dem Kleiderschrank, aus dem ich wahllos Kleidungsstücke herausziehe, und fühle mich hilflos, als könne ich das alles nicht allein. Als sei das letztendlich doch zu schwer, als scheitere jetzt alles an der erfolglosen Auslese dessen, was zum Überleben in den nächsten Wochen wichtig sein wird. Denn das, was wirklich zum Überleben wichtig ist, das bleibt sowieso alles hier.

Wenn vorher wochenlang alles still war, wochenlang nicht klar war, was das jetzt alles zu bedeuten hat, dann kommt an diesem Tag die Gefühlsflut, irgendwo von ganz unten, wo man schon gar keine Gefühle mehr vermutet hatte. Ich bin doch schon so erwachsen, höre ich mich selbst denken. Ich bin so erwachsen und tue das, was gut ist für mich, ich mache mich von niemandem abhängig und erkenne, was zu tun ist, ich treffe Entscheidungen und sie fühlen sich richtig an. Und dann wache ich eines Morgens auf und wünsche mir, alles rückgängig machen zu können. So unangemessen schmerzhaft ist der Moment, in dem man sich bewusst wird, dass man alles selbst zu verantworten hat. Dass selten zuvor alles so sehr in den eigenen Händen lag. Und ich muss ein bisschen kichern beim Gedanken daran, wie erwachsen ich wohl wirklich bin.

Das neue Leben beginnt mit einer Tüte Pommes mit Ketchup und einem mittelmäßigen Cappuccino an einer Raststätte auf der Hälfte des Weges. Ich bin müde und schließe die Augen und kaue und hätte gerne mehr Salz auf den Pommes, aber man kann ja nicht alles haben. Im Radio laufen schlechte Pop-Songs, die man schon beim Hören wieder vergisst. Die Straßen sind frei und der Himmel ist grau. In einer Apotheke erhalte ich einen Umschlag, auf dem mein Name steht, innendrin ein Brief und ein Schlüsselbund, mit dem ich die Tür zur neuen Wohnung öffne. Vorfreude und Traurigkeit wechseln sich in so schneller Folge ab, dass ich sie bald kaum noch auseinanderhalten kann und mir ein bisschen schwindelig wird. Schwer atmend schleppen wir vier Kisten in den fünften Stock und sitzen danach am Küchentisch, als sei das alles ganz alltäglich. Als lägen nicht schon heute Abend 450 km zwischen uns. Als du weg bist, schaue ich bei Google Maps nach: Um den Weg zu Fuß zu gehen, benötigt man 78 Stunden.

Das neue Leben, das sind vier Kisten, die ausgepackt werden wollen. Vier Kisten auszupacken bedeutet anderthalb Stunden Arbeit. Anderthalb Stunden Arbeit, das sind gefühlt vier Liter Tränenflüssigkeit. Vier Liter Tränenflüssigkeit und immer wieder der Gedanke, wie albern das alles ist. Beim Einschlafen bist du nicht da, natürlich bist du das nicht. Ich lasse den Fernseher laufen, ohne hinzusehen, und starre so lange an die Decke, bis meine Augen zufallen.

Eingewöhnung irgendwo, das ist nicht mein Spezialgebiet, genauso wenig wie Abschiede es sind. Es sind die notwendigen Begleiter der Veränderung, die ich so mag. Die ich immer suche. Der ich immer wieder nachlaufe. Auf die ich immer wieder hereinfalle. Die Veränderung verheißt immer so viel Gutes: Ab jetzt wird alles anders, besser, pass mal auf. Aber noch nie zuvor habe ich für die Veränderung etwas aufgegeben, das von Bedeutung war. Vielleicht ist das ja auch eine Form des Erwachsenseins: Dass man plötzlich etwas zu verlieren hat.

Das neue Leben, das sind zehn Minuten bis zur Isar. Zwei Tage später sitze ich am Ufer in der Sonne, um mich herum überall Menschen, die allesamt weniger verheult aussehen als ich. Ich kann nicht mehr weinen und starre auf die Wasseroberfläche und höre nur das Rauschen des Wassers und denke, dass das irgendwie auch ganz schön lustig ist, dass ich daraus so ein Drama veranstalte. Dass ich mich gerade selbst so gar nicht ernst nehmen kann. Dass ich hinterher wieder sagen können werde: „Daran bin ich damals aber ganz schön gewachsen.“ Dass ich nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, wer mir vor ein paar Jahren diesen grundlegenden Optimismus einimpfte (vielleicht sogar ich selbst). Dass eine Kleinigkeit wie 78 Stunden Fußweg dich und mich nicht auseinanderbringen kann. Und vor allem: Dass ich mich hier, in dieser Stadt, wirklich und ernsthaft wohlfühlen könnte. 

Ein Gedanke zu “Yesterday I woke up sucking a lemon.

  1. Liebe Sarah
    Eine Entscheidung zu einem neuen Abschnitt –
    Herzlichen Glückwunsch!

    Egal, wie die Veränderung aussieht, was zählt, ist die Entscheidung, die man getroffen hat.

    Denn jedes Ende ist ein neuer Anfang.
    Ich wünsche Dir viel Glück in deinem neuen Umfeld!

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