Ich war das nicht.

 

Als du herkamst zu mir, so richtig nahe kamst, und sagtest, du willst mich jetzt küssen, du willst mal wissen, wie das ist mit mir, so richtig mit anfassen und Zunge, und als ich dann merkte, du meintest das ernst, da hätte ich einfach Nein sagen können, einfach so, denn da passierte nichts in mir. Ganz leicht wäre es gewesen, meine Handflächen auf deinen Brustkorb zu drücken, dich von mir fernzuhalten und dich, wie nennt man das doch, in die Schranken zu weisen. Nein zu sagen und es auch so zu meinen, vielleicht aufzustehen und zu gehen.

Stattdessen sagte ich einfach nichts, und es passierte, was passierte, und deshalb sitze ich jetzt, viel zu spät, einfach nur da und wundere mich, wie denn alles so weit kommen konnte, und denke nicht mehr daran, dass ich einfach hätte Nein sagen können, weil ich eigentlich nie wirklich daran gedacht habe.

Denn das Nein, das war einfach keine Option, das wusste ich schon, als ich durch die Tür kam, als ich kurz im Türrahmen stehenblieb, den Raum musterte, der so aufgeräumt, so ordentlich war, und als ich dann weiterging und mich barfuß und im Schneidersitz auf dein Sofa setzte, als ich den ersten Schluck Wein nahm und du die Balkontür weit öffnetest, weil sich die Hitze des Sommertages noch im Zimmer staute, während draußen bereits der Regen einsetzte. Und dann dauerte es nicht lange, da fiel irgendwo eine Tür zu, windig war es draußen, und plötzlich war dein Gesicht so nah an meinem, auf einmal war es so groß, ich sah nichts als deine weiße Haut, weiße Haut mit weißen Härchen, zu schmalen Schlitzen verengte Augen, und dann war da mit festem Griff deine linke Hand in meinem Nacken, die rechte irgendwo auf meiner Haut, und dein Körper drückte sich gegen meinen und ließ keinen Widerspruch zu, wo ich doch ohnehin nicht vorgehabt hatte, mich zur Wehr zu setzen. Denn was blieb mir jetzt noch anderes übrig, als einfach nur still zu sitzen, als einfach die Augen zu schließen und abzuwarten, und ich nahm die Hände hinter den Kopf, um nur nichts anzufassen, um das einfach mit mir machen zu lassen, um hinterher sagen zu können, ich könne ja nichts dafür, dass es so weit gekommen ist, ich sei ja nicht mehr gewesen als eine Marionette, deren Fäden jemand zog, den ich gar nicht kannte. Die personifizierte Unschuld, die wollte das ja alles gar nicht, armes Mädchen. Wirklich, könnte ich später sagen, mir ist das ja alles einfach so passiert, ich habe ja gar nichts getan, außer mich hier, an diesem Ort, aufzuhalten. Ich war das nicht. Und dennoch hast du später gesagt, das sei alles meine Schuld, mein Schlüsselbein und meine Haare und meine Art, dich anzusehen, und ich verstehe nicht, was das heißen soll: meine Schuld.

Und nach einer Weile strich ich dir irgendwann doch durchs Haar, ganz rot und kurz und borstig war es, und dann fragte ich mich schon wieder, was ich da eigentlich tat, und der Wein machte, dass mein Mund sich innen ganz pelzig anfühlte, aber dir schien das nicht aufzufallen, denn du küsstest mich einfach weiter. Wir spielten das Spiel wie zwei abgehalfterte Profis, ich spielte die Gleichgültige, der das alles nicht gefällt und die sich in ihr Schicksal fügt, und du spieltest den Ignoranten, der nichts von alldem bemerkt, und während wir das Spiel so spielten, dachte ich hin und wieder an die vielen Male, die ich zuvor schon so geküsst wurde, nur nicht hier und nicht von dir, und mir fiel auf, dass mir nichts auffiel, weil irgendwie alles so war wie jedes Mal.

Zuvor, da war diese stumme Spannung zwischen uns gewesen, die es uns unmöglich machte, ein ordentliches Gespräch zu führen, unsere Worte führten unzusammenhängend ins Leere, bildeten ein düsteres Gewirr nackter Phrasen und fanden ihren Platz im Raum nicht. Ich starrte auf dein rotes Haar und fühlte mich ertappt. Als du dann sagtest, du willst mich jetzt küssen, und als du dann so nahe warst und deine Hand in meinem Nacken und dein Gesicht so weiß und groß, da habe ich mich kurz gefragt, ob es jetzt auch weitergehen könnte, und auch, wie groß dein Penis ist und ob ich ihn jetzt gerne anfassen würde und ob er dann größer werden würde, und es wäre einfach gewesen, das alles herauszufinden, aber keiner der Gedanken reizte mich genug, keiner animierte mich zur Handlung, denn schließlich ist mir das alles einfach so passiert und ich wollte nichts dazu beitragen.

Und hinterher, jetzt, da habe ich festgestellt, dass das alles ganz schön unbedeutend war, schon am Tag darauf fühlte es sich so an, als sei gar nichts geschehen, im Spiegel das gleiche Gesicht, keine Falte mehr, aber auch keine weniger. Und da habe ich mich gefragt, warum macht man das überhaupt, und gleichzeitig aber auch, warum sollte man es bleiben lassen, wenn der Lauf der Geschichte sich nicht ändert, wenn doch sowieso nichts passiert, außer, dass ich jetzt weiß, dass dein Gesicht ein anderes ist, wenn es näher kommt, plötzlich siehst du ganz anders aus, und man muss schnell die Augen wieder schließen, um das Spiel zu Ende spielen zu können.

Ob ich Angst habe, hast du später irgendwann gefragt, Angst davor, etwas kaputt gemacht zu haben, aber so richtige Angst, die kenne ich eigentlich nicht. Ich erinnere mich an den Abend, an dem mir die Angst genommen wurde, sehr klein war ich da noch, drei, vielleicht vier Jahre alt.

Es heißt, in diesem Alter erinnert man sich nicht an Ereignisse, warum genau das so ist, das weiß niemand. Vielleicht, weil Gehirn und Sprache noch nicht weit genug entwickelt sind und das eigene Ich-Bewusstsein noch zu wenig ausgereift, aber sicher ist man sich nicht. Freud sagte, kleine Kinder seien so sehr mit sexuellen Tabus und Aggressionen beschäftigt, dass kein Raum mehr für Erinnerungen übrig bliebe, doch heute weiß jeder, dass das Quatsch ist. In meinem Fall jedenfalls, da ist die ganze Geschichte noch vollständig in meinem Kopf erhalten, von Anfang bis Ende, natürlich gibt es Lücken, hier und dort, auch wenn sie nicht sehr groß sind. Jedenfalls, ich war klein und meine Mutter war es, die mit mir Fahrrad fuhr. Sie vorne auf dem Fahrrad und ich hinten auf dem Gepäckträger im Kindersitz, festgeschnallt so wie sich das gehört, es war Abend und es regnete und wir waren unterwegs, wer weiß wohin, nach Hause vermutlich, denn es war spät und dunkel und kalt und vielleicht Winter, wer weiß das schon, jedenfalls, es regnete, die Welt schien unterzugehen, und wir fuhren an einer Reihe parkender Autos entlang, als ein Auto rückwärts aus einer Parklücke fuhr, direkt vor uns, einfach so, und da waren meine Mutter und ich und der Regen und dann war da ein kaputtes Fahrrad und meine Mutter am Boden liegend und ich mit dem Kindersitz hinfort geschleudert, festgeschnallt, gefangen, weinend. Und vermutlich war dann alles schwarz, schwarz und nass und kalt, aber das sind Spekulationen, denn daran erinnere ich mich nicht. Was ich weiß, ist, dass da dann plötzlich Menschen waren, sie kamen in einem roten Feuerwehrauto, Kollegen meines Vaters, der bei der Freiwilligen Feuerwehr war. Warum ausgerechnet die Feuerwehr kam, ich weiß es nicht, aber plötzlich war da dieses Gesicht über mir, ganz groß und weiß, mit Sommersprossen, ganz viele, wie viele kleine Flöhe, die auf dem Gesicht auf und ab hüpften, und das Gesicht von Büscheln roten, borstigen Haares gesäumt, und es lächelte und zwei Arme hoben mich hoch und trugen mich in das Innere des Feuerwehrautos. Da war es warm und trocken und da war auch meine Mutter, mit einer Wolldecke um die Schultern saß sie da, ihre Haare hingen ihr strähnig und nass in die Stirn, ihr kleiner Finger der linken Hand bildete gemeinsam mit dem Ringfinger einen rechten Winkel, und sie hielt den Arm wie einen Fremdkörper von sich gestreckt, und mehr war gar nicht passiert und doch sah meine Mutter traurig und müde aus. Aber das weiße Gesicht über mir lächelte nur und ich lag da und wusste nicht genau, was überhaupt geschehen war, nur, dass mir nichts passieren konnte, solange das Gesicht da war und lächelte.

So war das, damals, so hat das damals alles angefangen, so nahm die Geschichte ihren Lauf, die Geschichte, die erklärt, warum rotes Haar macht, dass Dinge mit mir einfach so passieren. So wie da jetzt dein Gesicht war und deine Haare, die borstig und rot sind, aber irgend etwas stimmt da nicht und da sind auch keine Sommersprossen, sondern nur ganz viel Weiß.

Und als du die Luft zwischen zwei Küssen zum Sprechen nutztest und mich fragtest, ob ich Angst habe, da erzählte ich dir diese Geschichte, die erklärt, warum ich keine Angst habe, weil ich glaube, dass irgendwie immer jemand kommt, der lächelt und dich hochhebt und fortträgt an einen Ort, der trocken ist und warm. Und die erklärt, warum ich in diesem Moment mit dir hier war, warum ich nicht Nein sagen konnte zu dir, weil deine Haare so rot und borstig sind und dein Gesicht so groß vor meinem. So ist das vielleicht, so oder auch ganz anders, aber das sagte ich dir so nicht, denn das hättest du nicht verstanden.

Denn was mich heute beschäftigt, ist, dass dein Gesicht nicht das Feuerwehrmanngesicht ist, das lächelt und mich ins Trockene bringt. Was ich befürchte, ist nämlich, das du eher der Brandstifter bist, der immer ein paar Streichhölzer in der Hosentasche hat, der aber dennoch nicht mehr kann als ein kleines Tischfeuerwerk zu entfachen, das sofort wieder erlischt, der große Waldbrand, der bleibt aus, für den sind andere zuständig, du nicht. Und was auch immer deine Aufgabe in diesem Spiel ist, auf jeden Fall bist du nicht der Feuerwehrmann, dir fehlt das Lächeln, dir fehlen die Sommersprossen, du rettest mich nicht, du bringst mich nur in Schwierigkeiten, und deshalb ist jetzt alles so, wie es ist, und wenn mein Telefon klingelt und dein Name auf dem Display erscheint, dann gehe ich nicht ran. Dann denke ich, wie weit weg heute schon wieder alles ist.

Wie wenig Erinnerung einem manchmal bleibt, an Dinge, die ohne Bedeutung sind. Alles, was bleibt, ist dein Gesicht vor meinem, so groß und weiß, und irgendwie leer. Und während ich so allein dasitze und nicht weiß, wohin mit meinen Händen, wohin mit meinen Gedanken, da verblasst die Erinnerung an dich wie ein müde werdendes Glühwürmchen, mehr und mehr, und ich versuche mich zu erinnern, an deine Hände und an deinen Mund, aber da ist nichts mehr als das Gesicht, das immer weißer wird. Und da denke ich, vielleicht bin ich heute mehr Kleinkind als damals. Viel zu sehr beschäftigt mit sexuellen Tabus und Aggressionen. Und als das Telefon klingelt und dein Name auf dem Display erscheint, da halte ich mir den Hörer ans Ohr und weiß, ich könnte jetzt auch Nein sagen. Stattdessen sage ich einfach nichts. 

3 Gedanken zu “Ich war das nicht.

  1. Ich glaube wir sind heute im Geiste zusammen auf Reisen gegangen.
    Manchmal gibt es Tage an denen, nun ich kann das schwer beschreiben und darum lasse ich es jetzt…
    Wie immer schreibst du wunderschön und deine Texte haben mich schon oft zum denken inspiriert.

  2. Ich komme noch einmal zurück denn
    zum Schweigen fehlen mir auch die passenden Worte.
    Schwerelos fühle ich mich irgendwie gerade wenn ich diesen Text lese,
    schwerelos,
    als ob ich einfach durch das Leben schweben würde.
    Es ist irgendwie ein eigenartiges Gefühl.
    Ich weiss nicht was ich damit anfangen soll.

    Die Ursache ist erkannt; Deine Texte hauen mich echt um. Bin begeistert. Intelligent und eigenwillig geschrieben, kein Mainstream.

    Auf alle Fälle wünsche ich Dir eine schöne Woche.

  3. Ich frage mich, ob jeder Mensch so etwas erlebt haben muss; etwas, das einem die Angst nimmt. Und ob man das auch vergessen haben kann, und deshalb glaubt man nicht, dass man aufgehoben und gerettet wird.

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