Eigentlich ist eigentlich kein Wort.

Eigentlich sagt man das ja eigentlich nicht so, aber eigentlich hast du doch alles richtig gemacht, sagst du zu dir. Du sagst es dir immer und immer wieder, sagst es dir laut, sagst es dir leise, sagst es dir so lange, bis es sich als Melodie in deinen Kopf zementiert, bis die Worte in deinen Eingeweiden einen Tanz aufführen, bis sie ganz und gar unglaubwürdig wirken, obwohl sie eigentlich ganz und gar wahr sind. Denn eigentlich ist das so: Eigentlich hast du alles richtig gemacht.

Eigentlich hast du doch alles richtig gemacht, das sagen dir auch die anderen und finden alles ganz toll, obwohl sie rein gar nichts verstehen. Und du siehst sie an und weißt, sie haben Recht, aber irgendwas kann doch da trotzdem nicht stimmen, Dinge richtig machen, das tun doch immer die anderen.

Denn manchmal, da glaubst du dir selbst einfach nicht. Irgendwie, wenn du deine Gedanken nicht ordnen kannst, weil sie einfach alle immer lose in deinem Kopf herumfallen, wenn du dann wie durch einen kilometerlangen Tunnel fährst, um dich herum alles nur betonfarben, und alle deine Gedanken sind so sperrig und durcheinander und du versuchst sie zu halten, alle, sie in Sicherheit zu bringen, an einen Ort, wo du sie ablegen und in Ruhe ordnen kannst, wo du sie vor dir auf den Tisch legen und in Ruhe sortieren kannst, so lange versuchst du sie zu halten, sie über dem Kopf zu balancieren, und gleichzeitig musst du dich auf die Straße konzentrieren, darauf, nicht von der Fahrbahn abzukommen, und das alles ist so viel gleichzeitig und deine Arme werden schwer und am Ende kannst du nur hoffen, dass alles, was wichtig ist, dass das alles noch da ist, wenn du auf der anderen Seite des Tunnels herauskommst. Dass auf dem Weg nichts verlorengegangen ist.

Jetzt ist das wohl einfach so, eigentlich hast du also alles richtig gemacht, denkst du, jetzt akzeptier das doch endlich mal, und dann stehst du doch wieder im Supermarkt und findest dich wieder, irgendwo zwischen Hass-Avocados und körnigem Frischkäse, und du starrst Männern und Frauen mit Kinderwägen mit großen Augen hinterher, mit einem komischen Gefühl im Bauch und einem Ticken im Kopf, dich fragend, ob du vielleicht doch an einer Kreuzung falsch abgebogen bist, das erste Mal vielleicht damals, als du einfach lieber in einer nach Pisse stinkenden Unterführung mit einem wildfremden Menschen gevögelt hast, sonntags morgens um 6 Uhr 30, mit gefühlt 5 Promille, als dir das klug erschien, klüger jedenfalls als einfach nach Hause zu gehen, nur du und deine Würde, so wie sich das gehört. Und dann denkst du daran, wie gut das Leben eigentlich auch damals schon war, von heute aus gesehen, als du einfach alles getan hast, was du wolltest, ohne Ziel und ohne Sinn, und wie genau das dann dennoch Sinn ergab, und wie du wusstest, so kann das nicht für immer gehen, allem Spaß und aller Spannung zum Trotz, und wie du dann irgendwie noch die Kurve bekommen hast, wie du zielstrebig abgebogen bist in die Straße der Normalität, auf der, entgegen anders lautender Behauptungen, sehr wohl Blumen wachsen können. Und das alles nur, um sie jetzt zwar vielleicht nicht ganz zu verlassen, jedoch zumindest auf einen Seitenarm auszuweichen. Und wozu, um die eigene Identität zu wahren, weil man ja jetzt weiß, wer man ist, und man ist halt so, man will das machen, man kann nicht anders, man will Dinge erleben, man will immer alles wissen, alles anfassen, alles erleben, das muss doch alles so. Und genauso ist es: Das muss so.

Denn eigentlich machst du Dinge richtig, merkst du plötzlich, und das nicht erst seit gestern. Das Leben, so wie du es immer haben wolltest, irgendwie hat es längst begonnen und du hast das gar nicht so richtig gemerkt, du warst so beschäftigt damit, unzufrieden zu sein mit dir selbst, dass du deine eigene Freiheit nicht wahrnahmst, dass du gar nicht gemerkt hast, dass du das Richtige tust, einfach nur weil du es kannst. Weil du heute die Stadt verlassen kannst, einfach so, weil du morgen schon woanders sein kannst, das ist die Freiheit, die du wolltest, die Freiheit, das Leben zu leben, wie es kommt. Die Freiheit, dich selbst zu beglückwünschen, dich selbst verdammt cool zu finden, wen interessiert das schon, ob das andere auch so sehen.

Eigentlich hast du also ganz schön viel richtig gemacht, merkst du plötzlich, ganz schön viel, wenn auch nicht alles. Eigentlich, da kann man ja vorher gar nicht wissen, ob man das Richtige tut, aber vielleicht ist das auch nicht das, worauf es ankommt.

Eigentlich hast du alles richtig gemacht. Und nur du selbst weißt, was richtig heißt.

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