Hinterhofromantik

Still sitzen wir, nebeneinander auf dem Balkon im Hinterhof, und niemand kann auch nur ein Wort sagen. Die Sonne scheint, aber das muss ein Irrtum sein. Alle haben gesagt, es wird regnen, den ganzen Nachmittag. Und dann regnete es auch, zehn, vielleicht fünfzehn Minuten lang, und deshalb sind da kleine Pfützen auf dem Hocker, auf dem meine Füße liegen.

Wenn du rauchst, dann ist die Stille irgendwie immer gerechtfertigt. Dann tut immerhin jemand etwas. Du rauchst, und ich starre. Geradeaus. Auf die gegenüberliegende Hauswand. Offene Fenster, wehende Vorhänge, ich überlege, aus welchem Fenster diese trübseligen französischen Chansons zu uns herüber wehen, aus welchem das Rauschen eines Staubsaugers. Vielleicht beides aus dem gleichen. Der Wind trägt den Geruch von Kartoffelpuffern heran, mit viel Öl in einer beschichteten Pfanne gebraten, auf jeder Seite eine bestimmte Anzahl von Minuten, solange „bis sie goldgelb sind“, wobei man sich nie ganz sicher sein kann, wann genau der schönste Goldgelbton erreicht ist. Zu schnell wird aus goldgelb goldbraun, aus goldbraun dunkelbraun und aus dunkelbraun noch schneller schwarz, wenn man es darauf ankommen lässt. Aber dann würde es jetzt anders riechen. Und selbst wenn. Ich mag sowieso keine Kartoffelpuffer.

Daran denke ich also, während du rauchst, und vielleicht denkst du das Gleiche, wahrscheinlich aber etwas ganz anderes, vielleicht sogar gar nichts. Du siehst in den Himmel, auf den Boden, aus den Augenwinkeln zu mir herüber, und als sich unsere Blicke treffen, zucke ich zusammen. Du atmest Rauch aus, es klingt wie ein Seufzen. Die Sonne ist so heiß, fast könnte man es unerträglich nennen. Auf der gegenüberliegenden Hauswand werden Fenster geschlossen, Vorhänge zugezogen, noch immer die gleiche Musik, das Staubsaugerrauschen, jetzt weiß ich, woher es kommt, nur ein Fenster ist übrig. Ein Frauengesicht mit einem um den Kopf gewickelten Handtuch erscheint kurz im Fenster und verschwindet wieder. Dann ist die Musik aus und deine Zigarette aufgeraucht, nur das Staubsaugerrauschen hält an. Und du senkst den Blick und suchst nach Worten, als lägen die richtigen dort auf dem schmutzigen Balkonboden verstreut. Und sagst nichts. Niemand sagt etwas, was auch.

Vorhin, da bin ich einfach gegangen, einfach abgehauen, du standest du in der Küche und sortiertest Geschirr in die Schränke, und ich warf die Tür hinter mir zu und rannte die Treppen hinunter und konnte dann schon nicht mehr, und dann setzte ich mich raus und es begann zu regnen und ich ging rein, kaufte mir einen Kaffee und verbrachte Stunde um Stunde damit, andere Menschen zu beobachten, so lange, bis der Regen aufhörte. Dann lief ich ziellos durch die Einkaufsstraßen, streifte durch Läden, überall Schlussverkauf, überall Gedränge, manchmal sah ich mein eigenes, blasses Gesicht in einem der Spiegel und fragte mich, ob ich vielleicht gar nicht so hässlich bin, wie ich mich immer fühle, und dann dachte ich, dass das egal ist und dass ich dennoch jeden, der mich nicht ebenfalls hässlich findet, für geschmacklos oder nicht ganz richtig im Kopf halte, und dass das so schon seine Berechtigung haben wird. Dann fragte ich mich, was das jetzt damit zu tun hat, dass gerade alles kaputt geht, alles um mich zerfällt, aus Gründen, die niemand versteht, vielleicht nicht einmal ich, dass ein anderes Aussehen die Situation nicht verändern würde, schon gar nicht verbessern, höchstens ein anderes Ich, eines, das nicht so kompliziert ist und nicht immer so unzufrieden mit der Welt, eines, das nicht ständig das Schicksal herausfordert, aus Angst davor, an Langeweile zu sterben. Und zur Ablenkung zog ich irgendetwas, ein Kleid, eine Tasche oder einen Schal, aus einem Berg von Kleidungsstücken und betrachtete es eingehend, um niemandem im Raum ins Gesicht sehen zu müssen. Um im Gedränge einfach unterzugehen.

Und jetzt, hier mit dir, sagt noch immer niemand ein Wort, und ich denke daran, wie viele Menschen einem an einem Nachmittag in einer Einkaufsstraße begegnen und wie viele von ihnen so leer aussehen und es wahrscheinlich auch sind, so viele Menschen und so wenig Emotion, versteckt hinter riesigen Einkaufstüten. Aber vielleicht bin ich auch nur neidisch, weil ich nie so große Einkaufstüten mit mir herumtrage. Und dann denke ich, mit wie vielen Belanglosigkeiten man sich beschäftigt, nur um die Gedanken an Wichtiges zu vermeiden, an das, was jetzt endlich ausgesprochen werden muss, und als du anfängst zu reden, betrachte ich die Haare auf deinem Unterarm, irgendwie blond und gold, genau der richtige Goldgelbton, und ich denke, vielleicht ist das hier das einzige, was richtig ist, die Kombination von dir und mir. Du weißt ja nicht, dass das so ist, aber ich weiß, dass du alles bist, was ich immer wollte, ohne überhaupt gesucht zu haben. Und wie du jetzt da sitzt und nach Worten ringst und mir erzählst, dass du denkst, du bist vielleicht nicht der Richtige für mich, da muss ich ein bisschen lachen, weil das so albern ist. Und als ich dir das sage, da lachst du ein bisschen mit, noch immer ist kein einziges unserer Probleme gelöst und dennoch fühlen wir uns, als habe es uns gerade jemand eine bombensichere Anleitung zur ultimativen Sorglosigkeit in die Hand gedrückt. Das Staubsaugerrauschen verstummt, neue Musik kommt aus dem offenen Fenster an der gegenüberliegenden Hauswand. Und wir sitzen da und lachen ein bisschen, weil doch irgendwie immer alles gut werden wird. 

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