Was am Ende zählt.

Turn me back into the pet that I was when we met.
I was happier then with no mind-set.

Und dann, eines Abends, da stehst du vor einer riesigen Bühne in der vierten Reihe und The Shins haben sich ihre Songs für heute ganz allein nach deinen Wünschen ausgesucht, so scheint es, und dann springst und tanzt du, als ginge es um dein Leben, weil du gar nicht anders kannst, obwohl du kaum noch stehen kannst, weil deine Füße brennen und dein Rücken schmerzt, und der Mensch direkt vor dir hasst dich nach nur zwei Minuten, weil du ihm alle Texte Wort für Wort laut und schräg ins Ohr schreist, und von all den anderen bist du in genau diesem einen Moment das glücklichste Mädchen von allen. Weil alles so ist wie es sein soll.

Und dabei fällt dir dann plötzlich auf, wie sehr du manchmal die alten Tage vermisst, als dir die Ziellosigkeit, die Unvernunft und die unkontrollierte Gefühlsverwirrung noch aus jeder Pore strömten, als das Chaos den Alltag bestimmte, als es egal war, was morgen kam, weil heute sowieso nur ein Produkt des Zufalls war.

Und du denkst dir, eigentlich sollte es doch die Aufgabe eines jeden Einzelnen von uns sein, an jedem einzelnen Tag diese Bühne zu rocken, die sich Leben nennt, ganz gleich, wie sie aussehen mag. Am Ende des Tages ist es doch unsere gottverdammte Pflicht, lebendig zu sein und dafür zu sorgen, dass das Leben seinen Namen verdient. Nur wird das schwieriger, je länger man lebt, denn im Gegensatz zu früher hat man heute plötzlich tatsächlich etwas zu verlieren. 

Und eines Tages, so erzählt man sich, da werde man wohl tatsächlich über das alles hinweg kommen. Eines Tages, so sagt man mir, da werde ich zuhause sitzen, abends, aus dem Fenster sehen, und da werde ich denken, eigentlich war das alles nur in meinem Kopf, die ganze Zeit. Die ganze Welt da draußen, sie funktioniert auch so gut ohne mich, vielleicht muss ich nicht alles gesehen haben, um zu wissen, dass es da ist, und dann werde ich darüber nicht traurig sein und nichts weiter tun, als die Straße vor dem Fenster zu beobachten und der Frau, die ihren Hund auf auf den Gehweg scheißen lässt, hinterher zu schreien, was sie sich denn eigentlich einbildet, und das wird dann mein Leben sein, und ich werde vielleicht trotzdem zufrieden sein, vielleicht aber auch nicht, weil man das dann nie ist, und ich schon gar nicht. Man will doch immer alles, aber wenn man immer zu sehr alles will, dann hat man am Ende vielleicht gar nichts, und so wird mir das vielleicht auch ergehen.

Aber vielleicht hat man Ende auch einfach viel zu wenig ausprobiert hat, weil es zu viele Tage gab, an denen man einfach nur funktionierte, anstatt sich lebendig zu fühlen, so wie sich das gehört. So vieles gehört zum Leben: Die schlechten Zeiten, die kenne ich jetzt schon, jetzt kommen mal die guten, doch hätte mir vorher jemand gesagt, wie langweilig die manchmal sein können, dann hätte ich vielleicht von vornherein darauf verzichtet, wenn glücklich sein sich auf Dauer manchmal ein bisschen wie Tiefschlaf anfühlt, wie eingeschlafene Füße, aber wenn man es mal ist, dann will man es trotzdem irgendwie bleiben. Was genau stimmt denn nicht mit mir, dass ich die schlechten Zeiten manchmal vermisse, weil man doch niemals sonst das Leben mehr fühlt als in dem Moment, in dem jemand den Finger in die Wunde legt. Zu einfach wäre es, jetzt alles wieder alles kurz und klein zu schlagen, aber das geht ja auch nicht, weil das wird man ja eines Tages bereuen. Und sich dann wieder lebendig fühlen. Das Leben, es ist kompliziert und paradox, denn solange man handelt, kann man eigentlich immer nur alles falsch machen, und macht damit alles richtig. Es muss doch einen Weg geben, all diese Leben zu leben. Es muss.

Denn am Ende zählt nicht, ob du schweißgebadet, ungewaschen, mit schmerzenden Füßen und Dreck unter den Fingernägeln betrunken die Hände in die Luft werfend den Moment deines Lebens erlebst, mit Musik, die dir von deinem eigenen Leben erzählt, am Ende zählt nicht, ob dir jemand, der das nicht darf, an die Brüste fasst und du das, obwohl du das nicht darfst, für einen kurzen Moment sogar ganz in Ordnung findest, weil es dich an früher erinnert. Am Ende zählt nicht, ob du zuhause sitzt, alleine, aus dem Fenster siehst und dein Herz sich selbst zerreißt, weil es an etwas hängt, an dem es nicht hängen sollte. Und am Ende zählt auch nicht, warum und mit wem du glücklich bist und ob das für immer ist. Denn egal, wie du das alles gestaltest, egal, was auf deiner Bühne passiert, die sich Leben nennt, egal ob gut oder schlecht, ob traurig oder witzig, schwarz oder weiß, heiß oder kalt – was am Ende zählt ist, dass du dich lebendig fühlst. Und daran führt kein Weg vorbei.  

2 Gedanken zu “Was am Ende zählt.

  1. Tja, und dann ist er da, ein Abend im Juni, und Du stehts vor der Bühne und Wolfmother spielen Apple Tree, und irgendwie ist es gut, auch wenn dem ganzen der Kick etwas fehlt und Du weißt, dass das nicht das Einzige ist, was nicht so ganz stimmt, aber es ist Dir egal, denn tief in Deinem Inneren bist Du wieder ganz Du selbst, auch wenn es lange gedauert hat und Du irgendwann in Deinem früheren Leben, dass jetzt weit weg ist, nicht wusstest, ob Du je wieder zu Dir finden und der Alte werden würdest und ob Du dieses Festival und dieses Wochenden unbeschadet hinter Dich bringen könntest, aber Du wolltest es Dir beweisen und hast gesagt „Scheiß drauf!“ und gedacht „Lieber mit wehenden Fahnen untergehen als zu kneifen“.

    Und jetzt bist Du Dir sicherer als je zuvor wieder der Alte zu sein, weil Du wieder genau so tickst wie eben nur Du tickst und Du kannst es beweisen, der ganzen Welt, vor allem aber Dir selbst, denn eben, als Johannes Madsen seine unglaublich peinliche, unglaublich platte und unglaublich polemische „Rede“ hielt, in der er grandios scheiterte mit dem Versuch, irgendwie Atomlobby und Nazis in einen Satz zu quetschen und die ganze Meute munter jubelte, weil Sie das eben immer tun ohne irgend etwas zu hinterfragen, standest Du da und hast Dir ausgerechnet, was dieser Musiker wohl schon an Strom verbraucht hat in all den Jahren, für E-Gitarre, Boxen, Verstärker und all das Equipment, das auch im schönen Wendland seit jeher nicht mit Wasserkraft betrieben wird, und ob er denn von seinen Tantiemen schon fleißig in soziale Projekte investiert hat, die Jugendlichen im Osten Alternativen wie Jugendclubs oder andere Freizeitmöglichkeiten bieten, und Du kanntest die Antwort, musstest nicht mal 2 Sekunden nachdenken, weil Du endlich wieder die Freiheit über Deinen Geist hast und Du musstest lachen, weil wirklich Niemand sonst solche Gedanken hatte und das hat Dich froh gemacht auch wenn Du Dir sicher warst, dass das kein Mensch auf dem Gelände verstanden hätte, aber so tickst Du eben wenn Du Du bist und Du wolltest schon seit Du denken, also wirklich denken, konntest, nie anders sein.

    Das, was es damals mit Dir machte hast Du niedergekämpft, besiegt und überwunden, hast nicht aufgegeben, selbst als alles so ausgesehen hat als ob es ein ewiger Kampf wäre und Du nicht mal mehr wusstest, warum Du immer noch weiter machst. Und Du weißt heute, all das Gerede, dass man stärker wieder kommt ist quatsch, man kommt nicht stärker, wohl aber anders zurück, mit Narben aber immerhin Lebendig und mit dem Gefühl, dass man noch steht und alles wieder selbst in der Hand hat und das keine biochemischen Prozesse in der Hülle aus Haut, Haaren, Knochen, Fleisch und Blut Dich mehr blockieren oder aus Dir dieses jämmerliche Wrack machen, und Du weißt, dass Du es Dir verdient hast.

    Dein Kopf ist wieder klar, Dein Verstand wach und als Du 3 Stunden zuvor bei „Headphones“ von Disco Ensemble „And when I’m tired of walking alone I put my headphones on And when it’s time to get out of it all I put my headphones on And when it feels like everything’s wrong I put my headphones on And when it’s time to get out of it all I don’t want to listen to the static on the radio“ Deine Stimmbänder bis zum Äußersten gequält hast hast Du auch dort gespürt, dass es eigentlich auch schon lange wieder wahr ist. Du bist wieder der gottverdammte Mittelpunkt des Universums um den sich alles dreht, das schwarze Loch zu dessen Zentrum alles drängt und irgendwie ist da nichts in Dir außer Dankbarkeit, dass das Chaos und die Hilflosigkeit und das Fremdbestimmtsein der Vergangenheit angehören während Du im hier und jetzt Dein Leben wieder als einzig maßgebende Größe selbst bestimmst.

    Du atmest ein, Du atmest aus, atmest ein, atmest aus – und dann beginnt „Joker and the Thief“ und Du weißt, dass es in genau diesem einen Moment und an diesem Ort für etwas mehr als 4 Minuten völlig OK ist die Kontrolle zu verlieren weil Du danach trotzdem Du selbst sein wirst und nichts mehr das ändern kann!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s