Jeder ist ein Seiltänzer.

 

„And if I die today, I’ll be the happy phantom.“
Tori Amos

Einmal, als Kind, stolperte ich auf der Terrasse meiner Eltern über einen herumliegenden Gegenstand. Ich fiel hin, traf mit meinem Gesicht die Türschwelle zum Wohnzimmer und begann aus Mund und Nase zu bluten. Nachdem das Blut abgewaschen war, sagte der Arzt, um ein Haar hätte ich mir das Nasenbein ins Hirn geschoben.

Ein paar Jahre später biss mir mein Pferd bei der abendlichen Fütterung aufgrund aggressiven Futterneids ein Stück Fleisch aus dem Hals. Dabei wollte ich ihm eigentlich gar nichts wegessen. Nach der Notbehandlung sagte der Arzt, es habe meine Halsschlagader nur knapp verfehlt. Um ein Haar.

Dann, wieder Jahre später, schluckte ich im Affekt, aus Wut auf meine Mutter, aus Verzweiflung über mein Leben und die restliche Welt, den vollständigen Inhalt einer ganzen Packung Antidepressiva: auf meinem Bett sitzend, einfach so, fand eine Pille nach der anderen ihren Weg durch meinen Mund und meine Speiseröhre in meinen Magen, jede einzelne von ihnen stürzte ich mit einem großen Schluck Wodka herunter. Nach einer Nacht im Krankenhaus, unter ständiger Beobachtung stehend, und einer angemessenen Dosis in Wasser aufgelöster Kohle, blieb von all dem nichts übrig als die bloße Erinnerung, eine amüsante Anekdote ohne Pointe, aus der ich nichts lernte.

Ein paar Jahre zuvor: Wieder das Pferd, das vor Angst vor einem aus dem Gebüsch aufflatternden Vogel die Vorderbeine in die Luft warf, viel zu jung, um zu wissen, wie man den eigenen Körper richtig ausbalanciert, verlor es das Gleichgewicht, stürzte seitwärts um und begrub mich beinahe unter sich. Um ein Haar. Noch heute habe ich den riesenhaften Pferdekörper vor Augen, wie er nur wenige Zentimeter neben mir auf dem Boden aufschlug.

Und dann, viele Jahre später, fast zwei Jahre ist es jetzt her, wuchs ein Abszess in meinem Hals mit solcher Geschwindigkeit, so dass ich plötzlich keine Luft mehr bekam und beinahe erstickt wäre. Erst im Aufwachraum, nach der OP, begann ich, noch im Delirium, zu realisieren, was hätte passieren können. Um ein Haar.

Ein Wunder ist es vielleicht, dass ich heute noch hier bin. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht geht es nicht mir allein so. Vielleicht ist jeder mal ein Seiltänzer. Vielleicht kann jeder Mensch auf dieser Welt eine Handvoll dieser Geschichten erzählen: Geschichten, die ganz nah an an einer Grenze spielen, an einem Abgrund, über den man, die Augen geschlossen, mit ausgestreckten Armen das Gleichgewicht haltend, auf Zehenspitzen balanciert, diese Geschichten, die irgendwie gut ausgehen, ohne dass man jemals erfährt, warum. Geschichten, aus denen man irgendwie immer wieder herauskommt. Mit einem blauen Auge. Manchmal sogar ohne.

Und anstatt darüber fröhlich zu sein, dass wir noch da sind, oder uns darüber zu wundern, füllen wir unsere Zeit viel lieber damit, uns über all das zu beklagen, was nicht so gut läuft im Leben, unserer Meinung nach, weil das ja viel ergiebiger ist, und optimiert werden muss ja eigentlich immer. Und wenn mich jemand heute fragt, ob ich glücklich bin, dann denke ich viel zu lange nach, obwohl die Antwort auf der Hand liegt, ist einfach Ja sagen keine Option, zuallererst müssen alle Möglichkeiten des Unglücks auf einer Liste weggestrichen werden, eine nach der anderen, und wenn dann keine mehr übrig ist, na ja, dann ist man wohl glücklich, komisch, hätte man jetzt gar nicht so gedacht, weil eigentlich stimmt doch immer so vieles nicht im Leben, nochmal nachdenken. Und überhaupt: Was ist überhaupt mit glücklich gemeint, und welchen Zeitraum umfasst das, wie lange muss man sich schon glücklich gefühlt haben, um das von sich behaupten zu können, oder gilt das etwa immer nur für den Moment, und dann bin ich vielleicht gerade unglücklich, weil die Zahnpasta alle ist und ich ohne Zähneputzen ins Bett muss. Was ist das, das Glück, wie sieht es aus und woher kommt es und wohin geht es und kann man das überall mit hin nehmen?

Ich glaube ja, das Glück ist eine Frage der Perspektive, und es hat viele Formen und Farben und manchmal ist es vielleicht ein Tauschgeschäft, manchmal bekommt man es aber einfach geschenkt oder geliehen, und niemals sieht es immer gleich aus und niemals ist es gleich schwer oder leicht. Vogelgezwitscher, ein Erdbeereis, Sonne, die in unser Zimmer scheint, tolle Menschen, die um uns sind und nicht mehr weggehen. Das Glück kann überall sein. Ich glaube, es ist da, bei jedem von uns, es liegt in dir und dir und dir und dir, aber es ist auch ein bisschen menschlich, denn wenn man es ignoriert, dann geht es einfach weg, denn was soll es da, wo man es nicht beachtet. Also sollten wir ihm vielleicht einfach mehr Aufmerksamkeit schenken. Dann bleibt es vielleicht bei uns. 

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2 Gedanken zu “Jeder ist ein Seiltänzer.

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