Die Landschaft ist hier.

Die Landschaft ist hier. Schade, dass du nicht wunderschön bist.“
(David Foster Wallace)

Vom Balkon aus hört man die Kühe muhen, die Glocken um ihre Hälse klingen hell und ungleichmäßig, ein wunderschönes Kuhkonzert. Ich sitze auf der morschen Holzbrüstung, du auf einem Stuhl daneben, wir trinken Kaffee, in der einen Hand halte ich die Tasse, in der anderen streiche ich dir durchs Haar. Vor uns erst Kühe und Wiese, dann Berge, die sich in den wolkigen Himmel strecken, als gäbe es dort etwas umsonst.

Die Sonne kommt langsam.
– Aber sie kommt, sagst du und siehst verlegen zu mir hoch.
 Sie muss kommen, sage ich und drehe das Gesicht in die andere Richtung, ohne meine Hand aus deinen Haaren zu nehmen. Keine Menschenseele in der Nähe sonst, so scheint es. Unten auf dem Parkplatz ein einzelnes weißes Huhn, das zwischen den Autos herumwackelt und nach Essen sucht. Als du deine Zigarette nach unten schnippst, kommt es herbeigerannt, noch nie habe ich ein Huhn so schnell rennen sehen (eigentlich habe ich überhaupt noch nie ein Huhn rennen sehen), und sucht mit großem Enthusiasmus nach der heruntergefallenen Nahrung, ohne sie jemals zu finden.

Wie halten die Menschen hier diese Ruhe aus?
Warum bin ich hier?

– Vielleicht wird man auch verrückt, wenn alles, was man den ganzen Tag hört, das Klingeln von Kuhglocken ist, sage ich.
– Vielleicht wird man auch verrückt, wenn man immer wieder darüber nachdenkt, wann man verrückt wird, sagst du.
– Dass ich irgendwann verrückt werde, weiß ich ja schon, sage ich. Ich suche nur noch nach dem perfekten Zeitpunkt.

Während du losläufst und ich dasitze und warte, dass du zurückkommst, zeigt sich tatsächlich der blaue Himmel, gelassen schütteln ihn sich die auseinanderdriftenden Wolken aus dem Ärmel. Ich starre auf die Berge und lausche und noch immer nichts als Kuhglocken. Drei schwarze Hühner weit entfernt auf der Wiese, so stummgeschaltet, als habe allein mein Kopf sie auf den Rasen projiziert.
Aber die Sonne kommt.
Nach einer Überdosis Stille verträgt man eine lärmende Gruppe von Menschen wahrlich schlecht, vielleicht ist das das Problem mit mir, denke ich.
Was sicher ein Problem ist, ist die große Spinne, die plötzlich an der Wand neben meinem Kopf sitzt und wegen der ich beinahe von der Brüstung kippe. Manchmal steckt die größte Aufregung doch im Detail.
Als ich mich wieder beruhigt habe, kommt ein Mann mit zwei graumelierten Cocker Spaniels aus dem Haus, steigt in eines der Autos und fährt los. Die beiden Hunde bleiben ein Stück entfernt stehen. Etwas ratlos schauen sie zu, wie der Wagen sich entfernt und beschließen dann, ihm ohne Eile zu folgen. Alles funktioniert hier anders als man es kennt und ich wundere mich über dieses Paralleluniversum, in dem kaum jemand meine Sprache zu sprechen scheint.

Wenn man für ein paar Tage irgendwo in einem abgelegenen Ort ist, mit wenigen Menschen in einem Haus, das für viele Menschen gedacht ist, und wenn dort dann alles so beklemmend still ist und man kaum etwas tut als ruhig dasitzen, lesen und die freie Zeit konsumieren wie ein besonders gutes Stück Kuchen, von dem man kein zweites bekommt, dann wartet man eigentlich doch irgendwie die ganze Zeit darauf, dass etwas spektakuläres geschieht. Man wartet auf einen irren Amokläufer, der ganz klischeebeladen mit fettigen Haaren, einem zu großen Merchandising-Shirt seiner liebsten Death-Metal-Band und nicht zuletzt einem Maschinengewehr ausgestattet in den Speisesaal einläuft und zuerst die friedliche Stille, danach jeden einzelnen von uns gnadenlos niedermäht.
– Du solltest weniger Ballerspiele spielen, sagst du.
Oder man wartet auf ein paar durchgeknallte, bis ins Mark hässliche und aufs Schlimmste entstellte Hillbillys, die aus den Bergen herunterkommen, die zuerst die Küche plündern, sich anschließend im Haus verstecken und einem nach dem anderen von uns heimtückisch auflauern und in die Berge verschleppen, die Männer als Nahrung und die Frauen zur Sicherstellung des Bestandes.
– Tu mir einen Gefallen und schau weniger Splatterfilme an, sagst du.
Und fast ist man ein wenig enttäuscht, wenn nichts davon eintritt, böte sich doch endlich einmal die Gelegenheit, die eigene Heldenhaftigkeit unter Beweis zu stellen, oder zumindest um zu probieren, ob man überhaupt welche besitzt. Was ich leider bezweifle. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass nichts geschieht.
Vermutlich hast du auch Recht damit, ich sollte weniger Killerspiele, Horrorfilme und Nachrichten konsumieren, und weniger nachdenken obendrein.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich, dass jemand an den Ast eines Baums direkt vor unserem Fenster einen weißen Faden gebunden hat, an dessen Ende ein faustgroßes, vermutlich von einem Kind gebasteltes weißes Gespenst im Wind hin und her schwebt. Eine weitere Idee: Es könnte auch spuken hier drin.
– Ich werde dir ab jetzt nicht mehr zuhören, sagst du.

Also gehe ich hinaus und besuche die Minischweine-Farm mit den kleinen Baby-Minischweinen, rosa und schwarz sind sie, und gut gelaunt, ihrem Quieken nach zu urteilen. Und ich denke darüber nach, ob wir nicht vielleicht die wahren Attentäter sind, wenn wir kleine und große Schweine essen, und schwarze und weiße Hühner und buntgescheckte Kühe.
Doch da kommst du auch schon hinter mir her und sagst, die anderen warten schon, gleich gibt es Essen, und ich frage mich ein weiteres Mal, was mit mir eigentlich nicht stimmt. Die Sache ist ja die: Im Laufe der Jahre bin ich gar nicht, wie ich von Zeit zu Zeit vermute, sozial verträglicher geworden. In Wahrheit bin ich immer noch der gleiche Freak wie früher, nur ist es mir heute im Grunde genommen gleichgültig. Noch dazu bin ich heute in der Lage, den Freakgehalt der anderen abzuschätzen, und oft, wenn ich so um mich schaue, stelle ich dann fest, dass ich so schlecht eigentlich gar nicht dastehe.

Also sollte ich mich jetzt vielleicht besser fragen, warum ich nicht in der Lage bin, die Zeit hier als das mitzunehmen, was sie ist, Urlaub nämlich, aber dann verzweifle ich an der Tatsache, dass ich dazu nicht fähig bin, und damit einhergehend muss man wohl auch noch die Frage stellen, ob es wirklich so ein tief sitzendes Grundbedürfnis ist, immer 20 verschiedene Kombinationen Frozen Joghurt und den nächsten Starbucks-Kaffee mit Sojamilch in Reichweite, das Internet immer sofort griffbereit zu haben, und ob die Befriedigung dieser Bedürfnisse wirklich immer und jeden Tag gewährleistet sein muss.
Aber wahrscheinlich ist das Problem eher, dass ich fortlaufend unter meinem eigenen Fragenbeschuss stehe und mich niemals selbst in Ruhe lassen kann. Kein Sachverhalt in mir selbst, der nicht mit meinem Gewissen ausdiskutiert werden muss.

Nichts mit sich selbst anzufangen zu wissen ist so, wie in einem selbst gebauten Gefängnis zu stecken. Man wird festgehalten in diesem einen Körper, den man sich nicht ausgesucht hat und der sich an einem Ort seiner Wahl aufhält, einem Ort, an dem einen manchmal eine Gänsehaut überzieht oder ein wohliger Schauer oder einfach gar nichts, weil außen nichts passiert und innen auch nicht. Fakt ist, man steckt jetzt da drin und muss eine Beschäftigung finden, die außen und innen gleichermaßen zufriedenstellt, und das ist manchmal nicht so leicht. Sind die Möglichkeiten auch noch so zahlreich vorhanden, es gibt sie, diese Momente, ganze Tage, manchmal Wochen, da ist keine Möglichkeit auch nur ansatzweise eine wählbare Option. Lesen – zu anstrengend und uninteressant, Schreiben – zu innerlich aufwühlend, Sport – zu viel Sonne draußen, Gespräche mit anderen Menschen – vorher lege ich manchmal lieber eine Gesichtshälfte auf eine heiße Herdplatte. Nein, nichts ist gut genug für den heutigen Tag, und aus Mangel an Entscheidungsfreude macht man lieber nichts und starrt Löcher in die Luft, bevor man beschließt, aufzustehen und herumzuspazieren, genau dort, wo keine anderen Menschen sind, wo die Interaktion nicht mehr ist als bloße Einbildung.

Als ich zurückkomme, liegst du im Bett und starrst an die Decke und erlebst innendrin deine eigene Gefängnissituation oder auch nicht.
Und als ich mich zu dir lege, mit meinem Kopf an deiner Schulter, weiß ich wieder, warum ich hier bin. 

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