Crystal beaches never turned me on.

(Bild via)

 

Viele Jahre lang habe ich mich gefragt, warum ich bin wie ich bin, und was genau nicht mit mir stimmt. Und ich weiß es bis heute nicht genau.

Wie wird man, wer man ist?

Von Zeit zu Zeit denke ich darüber nach, warum ich mich immer so schnell langweile, und ob das überhaupt stimmt, oder ob die Wahrheit eher die ist, dass es so wenige interessante Menschen auf der Welt gibt. Und warum ich mich immer irgendwie irgendwo dazugehörig fühlen wollte, und traurig war, dass ich es niemals tat, obwohl doch so vieles an so vielen Menschen so langweilig ist.

Denn irgendwie interessiert mich manchmal nicht, welche Filme ihr für am sehenswertesten haltet, welche anderen Menschen für liebens- oder verabscheuenswürdig, welchen Kuchen ihr gestern gebacken habt, welche Lebensmittel ihr aus welchen Gründen niemals auch nur ansehen würdet oder welchen Nagellack ihr heute tragt und warum andere Farben ganz untragbar sind. Es ist mir egal, und ich höre an euch hin und konsumiere eure Worte, die ich gleich wieder vergesse und mir nur anhöre, weil das dann wohl meine Pflicht ist, und von Zeit zu Zeit wundere ich mich darüber, dass jeder seine eigenen Informationen immer für am wichtigsten hält, immer ist die eigene Tragödie die größte, auch meine. Ich frage mich, warum ich genau so eine Langweilerin, so ein ganz normales Arschloch geworden bin wie alle, wann das geschah und ob es irgendwie hätte verhindert werden können und wenn ja, durch wen und was. Und warum ich dann selbst heute noch nirgendwo dazugehören kann, so wie die anderen Langweiler das doch auch tun. Jeder hat sich heutzutage irgendwo eingruppiert, aber ich stehe manchmal noch alleine da und scharre mit den Füßen und male mit der Schuhspitze einen Kreis um mich herum.

Dann stehe ich am offenen Fenster, amte ein und aus und denke darüber nach, dass ich mich mein ganzes bisheriges Leben lang mehr für Penisse als für Politik, mehr für Alkohol als für die Antifa, mehr für Bücher als für Börsenkurse und mehr fürs Feiern als für feministische Debatten interessiert habe, und dass das alles dazu beigetragen hat, dass ich heute die bin, die ich bin, und dass mich das ausmacht, trotz aller Armseligkeit. Dass das aber trotzdem nicht heißt, dass ich nicht selber nachdenke, meine Augen nicht offen sind und mein Verstand nicht eingeschaltet. Dass aber die Prioritäten einfach manchmal anders liegen, und die Langeweile vielleicht manchmal einfach in mir selbst.

Wenn es eine gute Seite am Erwachsensein gibt, dann ist es wohl die, dass man eines Tages einfach für sich selbst entscheidet und dann auch weiß, was man tut und warum, meistens. (Es ist mir egal, ob ihr euch für erwachsen haltet oder glaubt, ihr werdet ewig Kinder bleiben und euch selbst dafür feiert.) Und eines Tages entschied ich, dass das wohl schon ganz okay so ist, wie es ist, auch wenn ich es nicht verstehe. Denn die Wahrheit ist, dass ich wohl ein langweiliger Mensch bin, so wie alle und doch irgendwie anders, mit eigenen Interessen, die niemanden sonst interessierten, aber wen soll das interessieren, wenn nicht mich, und das tut es irgendwie nicht. Irgendwann setzte ich mich auf den Boden und schloss Freundschaft mit all meinen Neurosen, wie auch immer ihre Namen lauten und welche Sprache auch immer sie sprechen (nicht meine), jedenfalls sind sie so unhandlich und sperrig, dass sie in keine Schublade der Welt passen, und damit sorgen sie dafür, dass ich nirgendwo dazugehöre und dass das wahrscheinlich mein Leben lang so bleiben wird. Das macht aber nichts. Denn das Leben ist so. Vielleicht ist es Teil meiner Persönlichkeit, dass mich so vieles so schnell langweilt, vielleicht ist Langweile ein Grundpfeiler meines Daseins. Vielleicht ist das traurig, vielleicht tragisch, wahrscheinlich jedoch nicht mehr als eine bloße Tatsache.

Vielleicht nämlich stimmt ja auch gar nicht so viel nicht mit mir, wie ich immer denke. Vielleicht ergibt das große Ganze eines Tages Sinn, das Unperfekte, das Gelangweilte, vielleicht ist es gar nicht so unperfekt und gelangweilt wie es scheint, aus einer anderen Perspektive betrachtet, die ich erst noch einnehmen muss. Vielleicht erhalte ich eines Tages eine Antwort auf die Frage, warum ich so bin, wie ich bin. Solange sitze ich im Schneidersitz auf dem Fußboden und spiele Flaschendrehen mit meinen Neurosen. Wahrheit oder Pflicht. 

4 Gedanken zu “Crystal beaches never turned me on.

  1. Diesen Charm,
    dieses Poesiverständnis,
    diese Ausstrahlung,
    diese Intelligenz,
    dieser knackige Hintern…

    bleib so wie Du bist🙂

  2. neurosen hin oder her, man kann sich nur wünschen, dass du auch weiterhin mit dieser dir eigenen sprachlichen leichtigkeit deine gedanken fließen lässt …

    ein toller blog. großes kompliment!

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