Let’s go to the seaside.

Zandvoort again, nur dieses Mal nicht allein. Dieses Mal mit dir. Um die Stadt von ihrer Sommerseite zu sehen, die man, im Gegensatz zur kalten Vorfrühlingsseite, niemals für sich allein hat.

 Beim letzten Mal der Strand wie ausgestorben, gähnende Leere im kleinen Dorfkern, die Restaurants spärlich besiedelt, die Softeis-Verkäuferin mit den Händen in den Schürzentaschen an Fenster stehend, gelangweilt, mit ein wenig bittendem Gesichtsausdruck, hallo-kauft-doch-mal-was, doch die Menschen gingen vorbei, schnell, es nieselte, und man dachte an vieles, aber nicht an Softeis.

Dieses Mal Sonne ohne Wolken am Himmel, tausende Menschen vor Ort, um den Sommer am Meer zu erleben, wenn auch nur für ein paar Tage. Die Softeis-Verkäuferin schwitzt, gemeinsam mit zwei Kollegen, und wünscht sich in jedem Moment das langweilige März-Wochenende zurück, an dem ich sie durch die Scheiben des gegenüberliegenden Cafés beobachtete. Wie schön das damals war, im Regen. Vielleicht. Wer erinnert sich schon so genau – die Stadt sicher nicht, sie sieht aus, als habe es hier niemals einen anderen Zustand gegeben als den überfüllten. Sie gefällt sich gut in ihrer Rolle als Touristenstadt, mit überteuerten italienischen Restaurants und zahllosen Modeschmuckläden, sie versprüht diesen Charme, dem du und ich jetzt auch erlegen sind, an diesen Tagen, an denen sich keine Wolke am Himmel blicken lässt.

Morgens still am Strand sitzend, dann, wenn da noch kaum jemand ist, ist das Meer ganz nah. Während fleißige Menschen wie kleine Gespenster umherhuschen und Strandliegen überall gleichmäßig auf dem feinen Sand verteilen, sitze ich da und starre auf die Wellen und warte darauf, dass du aufwachst und mir Gesellschaft leistest. Als du kommst, bringst du Pfirsiche mit und wir schweigen uns an, als wir essen und die Wellen beobachten, die sich vor uns zurückziehen, um uns nicht zu stören in unserer hingebungsvollen Stille. Wie leer ein Kopf werden kann, wenn er aufs Meer sieht. Wie wenig man manchmal mitzuteilen hat, wenn man glücklich ist, außer wenn man sagen will, dass man glücklich ist.

Wie als ein Teil des Ganzen liegen wir am Strand, der sich zunehmend fühlt, liegen dort stundenlang, ich arbeite daran, meine Hautfarbe an meine Haarfarbe anzupassen, wir sprechen kein Wort und beobachten Menschen und lassen uns von fröhlich plappernden Menschen in Hot Pants mit Sonnencreme-Gratis-Proben versorgen. Mittagssonne, heiß und krebserregend, ich liebe sie sehr und werde das eines Tages vielleicht bereuen, aber das trifft auf einiges im Leben zu. Um uns vergnügt quietschende Kinder und kurz aufkeimender Neid, der sich sofort in Wohlgefallen auflöst, sobald aus den vergnügten Quietschen ein nölendes Quengeln geworden ist. In der Hitze fühle ich mich lebendig. Wenn ich die Hand ausstrecke, bist du da und schaust herüber und lächelst. Selbst wenn ich überlege, mir fällt nichts ein, was ich sonst noch brauchen könnte im Leben.

Du und ich also, und die Stadt, in der ich mich vor Wochen selbst wiederfand, sie bringt Stille zwischen uns, plötzlich ist klar, wie das ist, wenn man sich ohne Worte versteht, plötzlich verstehe sogar ich das Prinzip des Schweigens, wenn man abends dasitzt und 43er mit Wodka und Orangensaft trinkt und nicht sprechen muss, weil alles perfekt ist, so wie es ist, und Worte es auch nicht besser machen könnten. Das ist es wohl, das Bezaubernde an diesem Ort, damals wie heute: Dass oberflächlich nichts passiert. Dass man dasitzt und alles um sich herum einfach geschehen lässt. Dass sich alles, was geschieht, im Innern abspielt. Dass man nicht zum Notizbuch greifen muss, um Gedanken zu ordnen. Dass man sich selbst aufräumt. Dass einem klar wird, dass das Leben nett zu einem ist, und man das endlich auch so sehen sollte.

Als wir am Tag der Abreise aufwachen, ist draußen vor dem Fenster nichts zu sehen. Dichter Nebel liegt am Strand wie ein unverschämter Pauschaltourist und lässt uns nicht zum Meer vordringen. Als wolle uns die Stadt den Abschied leicht machen. Als wir losfahren, blicken wir nicht zurück. Es gibt nichts mehr zu sehen, das wir nicht gesehen hätten. Was wir mitnehmen, liegt in uns. Nur das Schweigen, das lassen wir zurück. 

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