Zeit ist in Träumen sonderbar.

Die Uhr tickt. Manchmal kann ich sie ganz deutlich hören. Manchmal höre ich sie überhaupt nicht. Aber sie tickt, das tut sie wirklich. Und sie hört nicht damit auf.

Was ich meine, ist die Uhr im Wohnzimmer, das gleichzeitig Esszimmer und Lesezimmer ist. Der Ort, wo immer alles passiert. Wo man alleine sitzt oder zu zweit. Wo die Uhr tickt. Manchmal hört man sie so laut, dass ihr Ticken den gesamten Raum erfüllt, nicht wie das Ticken einer Bombe, sondern wie die Bombe selbst. Jedes Ticken eine Explosion. Zum Beispiel dann, wenn du mir gegenüber sitzt und wir uns nichts zu sagen haben und das Schweigen versucht, sich zwischen uns zu drängen, doch die Uhr, die schweigt nie und tickt lauter als zuvor.

16°C, sagt das Thermometer auf der anderen Straßenseite, als du gehst. Sechzehn Grad, die sich anfühlen wie dreißig. Ich sitze auf dem Balkon, über mir die Sonne, vor mir der Wein, und vor Trunkenheit falle ich fast über die Brüstung, als ich dir nachsehe. Als die Uhr stehenbleibt. Sechzehn gleich dreißig, und die Uhr sagt nichts, denn in der Hitze bleibt die Zeit stehen und läuft gleichzeitig viel schneller, ein Rennen gegen sich selbst, das sie gewinnen und verlieren wird. Die Wahrnehmung schlägt unvorhersehbare Haken im Kopf, taumelt mal vor, mal zurück. Immer der Wein. Ich sehe dir nach, wie du fortläufst, in der Hitze, oben vom Balkon aus, und die Uhr steht still. Vorbeiziehende Autos direkt vor mir auf der Hauptstraße, töten die Ruhe mit sicherer Hand, immer im Rudel. Dann, für ein paar Sekunden, gewinnt die Stille die Oberhand, bringt sich in Position, dann kündigt sich von weitem der nächste Linienbus an und der Moment ist dahin. Die Stille, ein theoretisches Konstrukt, denn eigentlich tickt immer die Uhr, ist immer der nächste Bus nicht weit, wacht immer gleich das nächste Baby schreiend auf.

Mein Kopf pulsierend von Wein und Sonne und Leere. Geschrei unter dem Balkon; vor dem drittklassigen Burgerladen in meiner Straße sitzen immer, wenn ich vorbeigehe, zwei fette Menschen und knutschen, als würden sie dafür bezahlt. Ich frage mich, ob die jetzt auch da sitzen, obwohl ich heute nicht vorbeigehe. Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, schon die nächsten Autos, ein alter Mann wird fast überfahren. Vollbremsung, ein lauter Knall, Feuerwehr, Krankenwagen, Rettungsdienst.
Ich sitze da und schaue zu und der Wein gluckst in meinem Bauch, die Uhr tickt nicht und du kommst nicht nach Hause. Es kann noch nicht so spät sein, die Sonne ist noch da, oder ist die auch stehengeblieben. Bleibt jetzt immer alles stehen, wenn du nicht da bist?

Siebzehn Grad, sagt das Thermometer. Eine Menschentraube bildet sich unter dem Balkon. Wenn ich falle, falle ich weich.
Mein Kopf zeigt Bilder: Die Welt ohne dich, die Welt im Stillstand. Alles eingefroren, Menschen bleiben einfach stehen, niemand rührt sich, bis es weitergehen kann, mit dir.
Der Wein: leer. Die Sonne: heiß. Ich stehe auf und gehe hinein. Die Uhr tickt nicht, und du kommst nicht zurück. Menschen auf der Straße, und du bist nicht dabei. Mehr Wein, bitte.

Achtzehn Grad, sagt das Thermometer. Achtzehn Grad, die sich nur noch anfühlen wie zwanzig. Kühl wird es, und du kommst nicht zurück. Ich gehe hinein und nehme die Uhr von der Wand und die Zeiger bewegen sich nicht, und ich halte mein Ohr an die Rückseite und das Ticken erfüllt meinen Körper und ist laut wie die Glocke eines Kirchturms und macht mich fast ohnmächtig. Die Uhr, wie kann sie weiterticken, wenn du nicht zurückkommst. Ich gehe hinaus und halte sie über die Brüstung und lasse los und Sekunden später ist sie nicht mehr als tausend Teile, die nicht mehr zusammenpassen. Die Menschen von unten schauen entgeistert nach oben. Ich gehe hinein und da ist sie, die Stille, in schönster Vollendung, und niemand wird an ihr zweifeln. Und du kommst nicht zurück.

Neunzehn Grad, sagt das Thermometer. 

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