Zandvoort. Ein später Reisebericht.

„Wir wünschen eine bezaubernde Reise.“

Zandvoort im März.

Einmal die Heimat verlassen, das Zuhause und alle geliebten, weniger geliebten und ganz und gar nicht geliebten Menschen hinter sich lassen, nur der eigene Kopf und das Meer und der Wind. Ein minimalistisches Pensionszimmer und ich. Für drei Tage alles hinter sich lassen: Alles bleibt zurück. Ich gebe die Schwermut an der Landesgrenze ab und als der Zug mich durch grüne Wiesen und an Pferdekoppeln vorbei durch die Landschaft bugsiert, ist der Kopf schon so leicht, dass ich ihn kaum noch spüre. Flucht ergreifen vor dem Alltag, das Konzept scheint zu funktionieren.

Angekommen. Das Gepäck im Zimmer abstellen und loslaufen, zum Strand sind es nur ein paar hundert Meter, ich laufe und das Herz hüpft, denn das Meer, das ist schon immer meine heimliche große Liebe, und es empfängt mich mit seiner wohltuenden Ruhe, winkt mir mit seinen gleichmäßigen Wellen zu und sagt rauschend Hallo, ein Rauschen, in dem ich mich auf der Stelle verlieren will. Ich laufe ein Stück, der Sand rieselt mir in die Schuhe, ich laufe weiter und friere und fühle mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder frei. Bei mir selbst angekommen.

Drei Tage für mich. Drei Tage frierend, aber nur mit mir selbst. Drei Tage nur das Nötigste sprechen, in Ermangelung eines gemeinsamen Nenners namens Sprache nur mit dem Finger auf Dinge zeigen, freundlich nicke ich, wenn man mich anspricht, auch wenn ich nichts verstehe. Die Menschen sind nett, auch wenn es draußen nieselt und ich drinnen sitze und schreibe und einen Kaffee nach dem anderen bestelle, nichts als Kaffee. Drei Tage ungefiltert alles aufschreiben, sei es schön oder schmerzhaft, drei Tage Zeit, um zu erkennen, was man wirklich will. Wie das Leben weitergehen soll. Als ob drei Tage dazu ausreichen würden. Am ersten Abend erlebe ich den schönsten Sonnenuntergang der Welt, gefühlt, beobachte unerschrockene Surfer, sitze auf einer Bank, bis die Sonne verschwunden, bis es dunkel ist und ich meine Fingerkuppen nicht mehr spüren kann.

So viele Erkenntnisse auf einmal. Wie viele Dinge tue ich nur, weil ich glaube, dass andere sie von mir erwarten?, die Antwort lautet: Jeden Tag viel zu viele. Plötzlich die Freiheit in den abgefrorenen Fingern zu fühlen, die Freiheit, alles zu tun, ohne auch nur eine einzige Rechtfertigung. Ein halber Tag, den ich nur im Pensionszimmer verbringe, eine ganze Flasche Rotwein trinkend, draußen ist es viel zu kalt. Bei wem muss ich mich entschuldigen?

Am zweiten Tag winkt mir der Verkäufer am Fischstand direkt am Meer freundlich zu, als ich vorbeigehe, ich winke zurück und lächle. Schon nach einem Tag bin ich überall das seltsame rothaarige Mädchen, das alleine unterwegs ist und nicht spricht und immerzu lächelt. Das die fragenden Blicke spürt und heimlich hinter vorgehaltener Hand darüber kichert.

Wieder am Strand sitzen, wieder frieren, wieder schreiben, versuchen zu denken, aber der Kopf ist so leer, wie mit Salzwasser ausgespült. Alles ist so leicht hier. Alles ist vielleicht überall so leicht, wenn man einfach mal weniger nachdenkt, in der Summe. Dann regnet es, und ich sitze drinnen im Café und beobachte Menschen, betrunkene Jugendliche oder junge Familien, welchen Unterschied macht das, alles wirkt so friedlich. Abends ziehe ich im Pensionszimmer die Schuhe aus und verteile Sand auf dem Boden und im Bett und überall.

Erkenntnisse, sie liegen überall verstreut herum, und man stolpert über sie hinweg, dreht sich um, hebt sie auf und steckt sie ein. Dass ich es liebe, hier allein, alleine hier zu sein, für mich, schreibend, was bedeutet: in meiner natürlichen Lebensform. Die Erkenntnis, wie viel alles wirklich wert ist. Wie sehr man so vieles unterschätzt, nur weil es immer da ist. Dass sich der Wert von Menschen nicht erhöht, nur weil man um sie kämpfen muss, weiß man dann, wenn jemand daher kommt, um den man nicht kämpft und der mehr Wert ist als alle anderen. Die Erkenntnis, dass ich dorthin zurück möchte, eigentlich wusste ich das auch zuvor, aber die Bestätigung könnte nicht größer sein.

Zandvoort ist eine Romanze, ein kurze Umarmung, um die ich trauere, als sie zu Ende geht. Drei Tage, in denen die Stadt mir viele Gesichter gezeigt hat. Regen, Sonne, Menschen. Sand in den Schuhen, Salzwasser im Kopf, gefühlt. Watte im Kopf, Leere im Hirn, alle Gehirnwindungen ausgespült und abgetrocknet, vorbereitet für alles kommende. Am dritten Tag nehme ich einen früheren Zug zurück, es regnet und ich friere noch immer, die Kälte scheint überall, nur in mein Herz dringt sie nicht vor. Ich schaffe es, dem Meer zum Abschied kurz zu winken, lege den Pensionszimmerschlüssel auf den Tisch neben die Kaffeemaschine, ziehe die Tür hinter mir zu. Am Bahnhof freundliche Menschen, wie gewohnt. Im Zug ein betrunkenes Pärchen, das ihren viel zu groß geratenen Hund auf dem Sitz sitzen und Dosenbier aus einer Plastikschale trinken lässt. Immer diese Sympathie für Alkoholiker. Der Zug fährt los und ich schaue zurück und gleichzeitig nach vorn und bin froh, hier gewesen zu sein. Denn es war eine ganz bezaubernde Reise. 

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