Der frühe Vogel fängt den Schmerz

Manchmal muss man einfach aufräumen. Ordnung schaffen im Kopf. In den Himmel schauen, der blau ist, mit einem Verstand der leer ist, manchmal.
Der Verstand, manchmal ist er einfach weg. Dann gehst du raus und denkst, du kannst alles so wie früher machen, weil früher so viel Leben war und heute so viel Alltag ist.

Früher, da fühlte es sich so leicht an, ein schweres Leben zu führen.

Früher, das ist der Geruch frischer Brötchen, wie du ihn nur ganz früh am Morgen riechen kannst, so früh am Morgen, wenn die Dunkelheit und die Helligkeit dir gleichzeitig Gesellschaft leisten, auf dem vertrauten Weg, den du langsam heimwärts schwankst. Barfuß, die Schuhe in der Hand tragend, noch ganz beseelt vom Bier, vom Schnaps, von fremden Menschen im dunklen Vorraum zur Damentoilette, von Händen dort, wohin sie nicht gehören, eigentlich, aber wo sie sich so gut angefühlt haben, und alles war egal, alles war erlaubt, denn du warst ja so frei und nichts und niemand konnte dir etwas anhaben. Und vorsichtig gehst du einen Schritt nach dem anderen vorwärts, die Füße schmerzen auf dem harten Asphalt, das Herz schmerzt auf dem Bett der Verwirrungen, das du dir selbst gezimmert hast. Und dann bist du zuhause und seufzt, weil du jetzt noch eine halbe Stunde schlafen könntest, bis du zur Arbeit musst, und weil immer alles so schmerzhaft ist. So kompliziert, dieses Leben, so schwer, und doch ganz genauso, wie du es gerne hast.

So ein schweres Früher, von heute aus gesehen gleicht es einem alten Brunnen, in den du hinabschaust und auf dessen Grund du je nach Lichteinfall ausgewählte Einzelheiten erkennen kannst, nur der Geruch, der ist immer gleich. Und eines weißt du schon, nämlich, dass das Früher jetzt nicht mehr dein Jetzt ist, und dennoch blickst du sehnsüchtig hinab, von Zeit zu Zeit, weil früher, da war mehr Schmerz, irgendwie, mehr Chaos, das du heute gerne zurückhättest, von Zeit zu Zeit, um dein Dasein mit Ereignissen zu füllen, die sich in schneller Abfolge wahllos aneinanderreihen. Manchmal willst du einfach wieder wissen, wie das war.

Und dann trittst du einen Schritt nach vorn und fällst kopfüber hinein, in dein persönliches Früher, in die entschärfte FSK-12-Light-Version, die du ausnutzt, millimetergenau bis zur Grenze des Erlaubten, und daran merkst du, das alte Früher, das kommt nicht zurück, das hat hier nicht auf dich gewartet, während du weg warst und dein Leben weitergelebt hast. Denn früher, als zuhause niemand war, der an dich gedacht hat, dem du wichtig warst, da war die Schwere leichter zu fassen, der Exzess schwerer zu verhindern. Da war das Prinzip der Selbstzerstörung ein einfacher Mechanismus, ein Pawlowscher Reflex, du gingst vor die Tür und wolltest dich selbst so hart abfucken wie möglich, wolltest auf jeder nur möglichen Ebene an die Grenzen des Erträglichen gehen, um dich darin selbst zu finden.

Früher, das ist heute ein zu klein gewordener Tanzschuh, in den du dich zwängst und in dem du dir nach spätestens zwei Stunden eingestehen musst, dass er dir nicht mehr passt. Und dann willst du umkehren, nach Hause gehen, ihn ausziehen und barfuß mit dem Menschen tanzen, der dort auf dich gewartet hat, ganz allein mit dem Menschen, der dir heute mehr bedeutet als alle, die da vorher waren, zusammen, und du willst ihm erzählen, was früher war. Und dann ist Früher nicht mehr als eine Ansammlung liebgewonnener Erinnerungen, um die du schützend die Arme legen willst, um sie nicht zu verlieren, und die du plötzlich dennoch auf Abstand halten willst.

Manchmal muss man einfach aufräumen. Ordnung schaffen im Kopf. In den Himmel schauen, der blau ist, mit einem Verstand der leer ist, manchmal.
Der Verstand, so schnell kommt er manchmal wieder. Dann siehst du deutlich vor dir, dass Früher gerne Früher bleiben will. Dass die Schwere nicht mehr über deinen Alltag herrscht. Dass Heute ein Geschenk ist, irgendwie.

4 Gedanken zu “Der frühe Vogel fängt den Schmerz

  1. Wenn du immer nur an das Morgen denkst, bleibt dir nichts als ein schrecklich leeres Gestern. Daher: Statt in der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir aus der Gegenwart, aus dem, was hier und heute ist, das Beste machen, und unser Möglichstes dafür tun, in Zukunft schöne Erinnerungen zu haben.

    Deine Text fügen sich in meine Gedanke wie ein Puzzle. !

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