Du bist so schön, wenn du nicht weinst, Baby.

Am Anfang war der Plan.
Am Anfang waren wir nicht wir. Im Schneidersitz, eine Decke über den Schultern, in der Hand eine stumpfe Bastelschere, mit der wir uns die Haare fransig schnitten, und dann darum weinten, weil es ein halbes Leben dauerte, bis sie nachgewachsen waren. Weil die Zeit dahinschlich und uns als Gegner erschien. Weil sie nicht wollte, dass wir erwachsen wurden. Und wir weinten, weil wir dachten: Da kommen wir doch niemals raus.

Am Anfang waren wir nicht wir. Da waren wir nur rohe Masse. Dann kamen die Lebenspläne, die wir uns selbst in die Hände legten. Wir formten sie so, wie wir wollten, und trugen sie mit uns fort. Und wuchsen. Wir wuchsen und wuchsen: an uns, an den Aufgaben, an den Umständen. Wir wuchsen in den Himmel, und mit uns wuchsen die Erwartungen. Wir sahen nicht zurück, denn manchmal gab es Scherben, die wir nicht zusammenkehrten, weil immer jemand da war, der das für uns tat. Manchmal blieben wir stehen, vielleicht nur zum Luftholen, vielleicht, weil wir die Orientierung verloren hatten, und dennoch niemals lange, denn die Ziele waren nicht erreicht, noch lange nicht, so dachten wir. Und sie änderten sich und wir kamen vom Weg ab und machten Umwege und verliefen uns und fanden wieder zurück. Und der Weg erschien unendlich. Und wir weinten, weil wir dachten: Wir kommen niemals an.

Und wir waren ganz außer Atem, das waren wir immer. So sehr außer Atem, dass wir kaum bemerkten, dass wir die Ziellinie überschritten. Wir blickten uns um, da flatterte sie im Wind. Und die Hände voller Erfolg standen wir da und wussten nicht so recht, wie uns geschah. Zum ersten Mal seit so langer Zeit standen wir, der Atem stand uns in kleinen Wölkchen ums Gesicht, und der Stillstand schien so gut und schon nach kurzer Zeit so unerträglich. Und wir weinten, als wir fragten: Wo ist die Zeit nur hin?

Wohin laufen wir jetzt weiter? Stumm stehen wir jetzt da und kratzen uns am Kopf. Treten von einem Fuß auf den anderen und wundern uns über die Welt, weil plötzlich alles erreicht ist, was wir wollten, und stellen plötzlich fest, dass das ganz schön wenig war. Dass wir vielleicht viel zu genügsam waren. Dass das ja gar nicht ausreicht für ein ganzes Leben. Dass wir dachten, wenn wir erstmal hier sind, geht alles von alleine weiter. Dass alle anderen an uns vorbeiziehen, weil ihre Pläne größer sind. Und wir uns schon jetzt zufrieden geben, weil wir uns niemals vorstellen konnten, überhaupt an diesen Punkt zu gelangen. Weil wir immer dachten: Das schaffen wir doch nie. Und jetzt bewegt sich alles um uns herum und wir stehen einfach da. Weil wir niemals weiter dachten als bis heute. Weil die Welt sich weiter dreht und jetzt eine Entscheidung von uns verlangt. Und wir weinen, weil wir ratlos sind: Wohin soll es jetzt gehen, bitte?

Und wir setzen uns hin und nehmen einen Stift in die Hand und malen Kreise auf ein Blatt Papier, dorthin, wo eigentlich neue Pläne stehen sollen, wo wir neue Ziele aneinanderreihen, in eine sinnvolle Ordnung bringen wollen. Und wir wissen nicht, wohin mit uns, und weinen.

Wir sind so schön, wenn wir nicht weinen. Das sind wir allesamt.
Wir sind so hässlich, wenn wir zweifeln.
Wir sind so zerbrechlich, wenn wir dasitzen und versuchen, Pläne zu schmieden, und versuchen, unsere Zukunft zu skizzieren, sie auf einem Blatt Papier unterzubringen, und so gnadenlos daran scheitern. Denn vielleicht wird die Zukunft alle Grenzen sprengen, die wir kennen. Sie passt auf keinen Notizblock, sie wird ausgefranste Ränder und angeschmorte Seiten hinterlassen. Sie wird uns nicht verraten, was sie mitbringt. Sie wird einfach kommen. Und eines Tages laufen wir durchs nächste Ziel. Und weinen nicht, weil wir wissen: Es wird weitergehen.

2 Gedanken zu “Du bist so schön, wenn du nicht weinst, Baby.

  1. Vielen Dank neue Kollegin. Auch für den poetischen Text über das Gehen, Stehen, Leben und Weinen. Ich finde ja, dass wir auch schön sind, wenn wir weinen. Solange wir es mit Würde tun.

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