Enjoy the silence. Part II.

(Part I hier)

Slip away, so break it to you softly
Will you lay a curse to my name?
Fly away, fly today

Manchmal, da entdecke ich dich in meinem Traum. Ich träume, du kommst zu mir und dein Körper ist ganz warm und du kommst her und bewegst dich in meinen Armen und wenn du kommst, halte ich dir den Mund zu und Stille erfüllt den Raum. Die Stille gebietet dem Wahnsinn Einhalt. Nur die Stille kann so tun, als seien wir, du und ich, uns ganz nah. Alle Möbel, jeder Platz, der nicht ausgefüllt wird, jede Lücke, die leer bleibt, alle sind sie Zeugen unserer Distanz. Nichts kann uns dichter zusammenrücken lassen als Worte, die nicht gesagt werden, zwei geschlossene Münder, ein ruhig fließender Atem, der nicht durch Sprache ins Straucheln kommt. Worte stehen unausgesprochen in Schlaufen um unsere Köpfe und wir verheddern uns in ihnen, wir strangulieren uns mit unserer eigenen Logorrhoe. Mit der Kette aus Worten, die uns unkontrolliert aus unserem Kopf schießen, wenn wir nicht aufpassen.

Manchmal wird man doch verrückt, sagst du, als du aufwachst und ich bei dir sitze, und du fragst: Wo ist der Vogel. Eben war er doch noch hier in meiner Hand.
Der Vogel ist tot, sage ich. Er flog davon. Er roch die süße Freiheit und ging an ihr zugrunde. Er erstickte an ihrer Belanglosigkeit. Die Freiheit ist nicht die Erlösung, für die wir sie gemeinhin halten. Den Heimatlosen gehört unser ganzes Mitgefühl, doch inzwischen gehören wir längst selbst zu ihnen.

Ich begleite dich hinaus, du bist noch ganz weiß im Gesicht. Die Sonne schmeckt zu leise. Der Nebel schirmt uns ab und blendet alle Sinne. Du gehst langsam, manchmal bleibst du stehen und schaust um dich. Um die Zeit zwischen den Schritten mit Taten zu füllen, sage ich leise Gedichte vor mir auf. Wenn ich dir sage: Für dich werde ich alles tun … Ach hör doch auf, sagst du. Das wirst du niemals zu mir sagen. Die Arroganz, mit der du auf andere herabsiehst, wird eines Tages lautlos dein Rückgrat brechen.

Manchmal finden wir einen toten gelben Vogel auf dem Heimweg. Er stinkt und sein Bauch ist aufgebläht und seine Augen sind ganz leer und die Hitze macht, dass er sich in seine Einzelteile auflöst. Wochenlang wartet man auf die Sonne, sagst du, und kaum ist sie da, hält man es nur schwer mit ihr aus.
So ist das ja auch mit dir und mir, sage ich. Unser ganzes Leben lang warten wir auf jemanden, der all unseren Erwartungen entspricht, und kaum ist er da, bereitet uns seine Anwesenheit von Zeit zu Zeit körperliche Schmerzen. Und dann strecken wir doch lieber wieder nur die Hände nach dem eigenen Spiegelbild aus, weil es das einzige ist, das keine Widerworte gibt. Denn der eigene Körper gehört uns meist voll und ganz und ohne Kompromisse: Ich wäre immer lieber im Geräusch als in der Gestalt, lieber in der Stille als im Schatten. In der Stille feiern wir uns selbst, im Schatten kriechen wir auf allen Vieren dem Licht entgegen, das niemals kommt. Wir werden niemals zufrieden sein mit uns und der Welt, die uns umgibt. Die Möglichkeiten sind zu vielzählig, als dass wir uns für eine entscheiden könnten.

Wir heben den toten Vogel auf und legen ihn zuhause in einen Schuhkarton und begraben ihn im Garten. Den Karton auf dem Schoß, sitze ich im moosigen Gras, das seufzend unter meinem Gewicht nachgibt, und beobachte dich, wie du mit den Händen Erde zu allen Seiten schaufelst, immer die gleiche Bewegung, so ineffektiv ausgeführt, dass wir morgen vielleicht noch immer hier sitzen. Die Zeit scheint stehengeblieben. Ich weiß nicht, wann diese Leidenschaft für das Unperfekte begonnen hat. Aber du bist vollständig unperfekt und in diesem Moment, mit einem toten gelben Vogel auf dem Schoß, liebe ich dich vollständig dafür, und könnte jeden unperfekten Augenblick meines Lebens genau hier an dieser Stelle verweilen. Das Unperfekte vereint uns auf das Unperfekteste: Zu- und Abneigung in ihrer hässlichsten Kombination. Die Stille, unperfekt gemacht durch leise dahingehauchte, laut herausgeschriene, unverständlich ausgesprochene, im falschen Moment gebrauchte Worte.

Als du die letzten Brocken Erde auf den Karton wirfst, regnet es. Die Sonne hat sich leise aus dem Staub gemacht und hat die Stille mit sich genommen. Das Rauschen des Regens erfüllt die Luft. Der gelbe Vogel ist tot, wie alle vor und nach ihm.

Manchmal, da entdecke ich dich in meinem Traum. Ich träume, du kommst zu mir und dein Körper ist ganz warm und du kommst her und bewegst dich in meinen Armen und wenn du kommst, halte ich dir den Mund zu und Stille erfüllt den Raum. Denn nur die Stille gebietet dem Wahnsinn Einhalt.

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