Nachtschatten

What I am to you is not what you mean to me
You give me miles and miles of mountains
And I’ll ask for the sea

Manchmal möchte ich gerne wieder weinen können. Aber da kommt nichts. Ich bin innerlich leergeweint, ausgeleert, vertrocknet. Ich sitze am Fenster, die Ambivalenz kriecht meine Speiseröhre hinauf. Schäumt in meinem Mund. Wirft Blasen auf meiner Zunge.

Ich bin doch auch nur ein pathetisches Arschloch wie alle anderen auch.

In dieser Nacht träume ich, alles ist wie früher: Ich unglücklich, du ein anderer. Du der, der auf mir herumtrampelt, ich die, die auf sich herumtrampeln lässt. Gute, alte Zeit. Und dennoch. Auch im Traum, keine Tränen, obwohl meine Augen ganz verkrustet sind, als ich aufwache.

Ich sitze am Fenster und hadere mit mir selbst und habe alles, was die Welt sich wünscht, was zu wünschen erwartet wird: Dass Glück immer und in jedem Fall die Erfüllung bringt, und plötzlich bist du erschrocken darüber, wie leer alles sein kann ohne Leid. Darüber, was dich wirklich glücklich macht. Denn die Realität in deinem Kopf ist eine andere. Im Kopf ist alles kompliziert, doch das Leben bietet dir Trivialitäten an, nach denen du niemals gefragt hast. Wie gut sie sich anfühlen, das willst du nicht wahrhaben. Du musst dich zwingen, sitzen zu bleiben.

Manchmal möchte ich wieder weinen können.

Wenn das so ist, dann liebe ich dich wohl nicht.

So weidest du mich aus, bis nur noch meine Hülle übrig bleibt und schrumpelig in sich zusammenfällt. Eines Tages werden wir um all das kämpfen, was wir jetzt so selbstverständlich besitzen, und auch um das, was wir noch besitzen werden, und wahrscheinlich werden wir alles verlieren. So wie alle anderen pathetischen Arschlöcher vor uns: Verlieren und von vorn beginnen, ein Neuanfang, auch wenn Neuanfänge immer nur Illusionen sind. Weil Herzen keine Schiefertafeln sind, Menschen nicht aus Kreide und Neuanfänge keine Schwämme.

Manchmal möchte ich wieder weinen können, und dann weine ich. In dieser Nacht nicht. In dieser Nacht träume ich, ich habe das Weinen verlernt.
Als ich aufwache, ist es noch Nacht. Die Fenster der Häuser auf der anderen Straßenseite sind dunkel und starren seelenlos zu mir herüber. Die Straße schwach beleuchtet, zieht ab und an ein Taxi vorüber. Die Nacht mit ihrer nichtssagenden Unproduktivität ist in vollem Gange. Ich gehe hinaus, laufe ziellos durch regennasse Straßen auf der Suche nach meinen Tränen. Jage meinen Albräumen hinterher. Versuche die Lücken zu füllen, die früher mit Traurigkeit gefüllt waren. Die sich inzwischen längst geschlossen haben wie abgeheilte Wunden.
Als ich nach Hause komme, liegst du da wie immer.
Ich lege mich zu dir und träume Zusammenhangloses von Shoppingcentern und Reisebussen in Tiefgaragen.

Auf der Straße geht die Nacht weiter. Betrunkene streiten sich und prügeln sich blaue Andenken um die Augen für den nächsten Tag. Ampeln springen von Rot auf Gelb auf Grün auf Gelb auf Rot auf Gelb auf Grün, ohne damit jemand Bestimmten zu meinen. Gelächter in den Seitenstraßen, und dann fährt doch noch ein Auto vorbei und jemand erbricht sich aus der geöffneten Beifahrertür. Quietschende Reifen und kichernde Mädchen und betrunken diskutierende Jungs. Rauchende. Trinkende. An parkende Autos pissende. Auf heruntergekommenen öffentlichen Toiletten fickende. Diejenigen, die schwankend auf Fahrrädern, die ihnen nicht gehören, in Schlangenlinien den Heimweg antreten. Und vorher noch am Dönerstand Schlange stehen. Das alles passiert ohne mich. Das alles weiß ich, ohne hinzusehen.

Ich kann nicht einschlafen, wenn du neben mir liegst. Ich schließe die Augen und warte, doch nichts passiert. Also starre ich geradeaus in die Dunkelheit und warte, dass sie von selbst zufallen. Als ich sehe, dass du wach bist, streckst du die Hand nach mir aus.

Wenn ich versuche, das Chaos in mir zu ersticken, versuche ich, dich zu meinem Komplizen zu machen, doch der willst du gar nicht sein. Doch wenn du mich nicht zum Bleiben zwingst, rinne ich eines Tages wie Sand zwischen deinen Fingern hindurch, und dann fragst du dich irgendwann, wo ich geblieben bin.

Und da ist es dann, das Überangebot an Gefühl, das die Tränen mit sich bringt. Und du bist damit allein und weißt nicht recht, wie du dich entscheiden sollst. Für das, was ich anzubieten habe, hast du keinerlei Verwendung.

Die Liebe ändert so vieles. Sie hat mich eingeseift, abgewaschen und mir Pausenbrot gemacht, noch bevor ich ein zweites Mal hingesehen habe. Das Leben krempelt dich manchmal ganz von alleine von innen nach außen, ohne, dass du dafür etwas tust. Das Leben kann ein Lügner sein, es hat mir damals so viel anderes versprochen und darunter war so wenig Gutes. Und dann verließ es mich und schickte einen Nachfolger, der sich mit so viel Glück schmückt, dass man kaum hinsehen will. Ich habe niemals Wert auf ihn gelegt und nie nach ihm gefragt, doch er ging nicht mehr fort.

In dieser Nacht träume ich, du bist so wie ich. Und jetzt möchte ich für immer hierbleiben, an dem Ort, an den du mich gebracht hast. Ich will hier gewaltsam fest getackert werden, doch du bist nicht der, der mich hier hält. Weil du so tust, als ginge dich das gar nichts an. Dabei bist du im Innern genauso ein pathetisches Arschloch wie ich. Doch du bist nicht so wie ich, denn du bist nicht ich.

Als ich dich am nächsten Morgen frage, warum du mich nicht liebst, lachst du nur. Und hältst mich fest, so gut du kannst. Du pathetisches Arschloch.

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