Enjoy the silence. Part I.

Manchmal entdecke ich dich, schlafend, auf dem Bauch liegend, auf den kalten Fliesen in der Küche. Du riechst nach Pommesfett und Schnaps und ich kann kaum glauben, dass ich es nicht einmal in diesem Moment schaffe, dich abstoßend zu finden.

Die Zeit ist ja ein hochsensibles Konstrukt, ist dann das erste, was du sagst, wenn du aufwachst, und höchstsubjektiv ist sie obendrein. Ich bin doch erst vor einer Sekunde hier hingefallen, und dennoch warte ich bereits seit Stunden darauf, dass du mich weckst.

In Wahrheit habe ich das nie getan, denn du, wie du da liegst, bist ähnlich theoretisch wie das Modell der Zeit. Ich bin immer dann am verliebtesten in dich, wenn du nicht da bist. Deshalb lasse ich dich ein ums andere Mal einfach liegen.

Aber manchmal, da finde ich dich und dann liegst du da, bewusstlos, auf den weißen Fliesen der Küche, mit dem Gesicht nach unten. Aus unbekannten Gründen hältst du unseren Kanarienvogel in der geballten Faust. Manchmal lebt er sogar noch. Den Kopf in der Schlinge zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, hackt er, bis in die Spitze jeder Feder den puren Überlebenswillen demonstrierend, auf jedes Stück Haut ein, das er erwischen kann, den Schnabel voller Blut. Bewusstlos wie du bist, bekommst du nicht mit, wie deine sich Finger in blutige Fetzen verwandeln.

Dann beuge ich mich zu dir herunter und biege deine Finger auseinander und der Vogel erwischt mich auf dem Handrücken und reißt mir einige Zentimeter Haut vom Leib. Es blutet, aber ich sehe nicht hin. Der Vogel plumpst aus deiner Handfläche auf den Boden, schüttelt sich, breitet die Flügel aus, fliegt zwei Runden im Zimmer und verschwindet, wahrscheinlich in irgendeine Ecke, oben auf dem Küchenschrank.

Erst jetzt fällt mir auf, wie trostlos alles ist. Der Vogel überlegt es sich anders und entkommt der Szenerie durch das gekippte Fenster. Ich sehe ihm nach, sehe, wie sein kreischend gelber Körper hinter der Glasscheibe immer kleiner und kleiner wird. Auf dem Küchentisch fünf eng beschriebene Bögen Papier, auf denen du mir erklärst, dass du mit meinem Schweigen nicht länger leben kannst. Der Raum ächzt unter deiner Anwesenheit, so laut, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich verstehe nicht, warum du da auf dem Boden liegst. Ich will dir einen Tritt versetzen und sagen, du Idiot, du hast vergessen, den Gasherd aufzudrehen. Stattdessen trete ich einen Schritt zurück und betrachte dich mit den Augen einer besorgten Liebhaberin. Du solltest mich dann mal sehen, wie ich da stehe, eine scharfe Sorgenfalte auf der Stirn, die Augen zusammengekniffen, die Hände wie zum Beten gefaltet, gleich nachdem dein Brief zu Boden segelte. Du wärst stolz auf mich, du würdest sagen, bleib so, warte, ich muss das fotografieren. Aber du kannst es ja nicht sehen. Du liegst ja lieber vollständig betäubt auf dem Küchenboden. Und schneller, als man denkt, ist der Moment dahin und ich sehe ratlos zu dir hinab und denke darüber nach, was ich nun mit dir anstellen soll. Ich überlege jedes Mal aufs Neue und weiß es doch nie wirklich. Ich bin so müde geworden, dich einzupacken und ins Krankenhaus zu bringen, wo sie dir den Magen auspumpen oder dir in Wasser aufgelöste Kohle einflößen, die aus nahezu allen deinen Körperöffnungen wieder herausschießt. Ich bin es leid, der Krankenschwester entschuldigend zuzuflüstern, mit verschwörerischem Unterton, dass ich dich nun einmal verrückt mache. Dass ich dich langsam, aber sicher in den Wahnsinn treibe mit allem, was ich tue und vor allem mit dem, was ich lasse. Dass ich dich einmal monatlich in diesem Zustand auffinde, mal in deinem eigenen Erbrochenen liegend, mal schlafend, und immer mit einem Strauß roter Rosen auf dem Tisch und einem Brief. Dass du immer wieder vergisst, den Gasherd aufzudrehen. Dass du wohl ein Trottel bist. Dass es aber sowieso mein Schweigen ist, das dich eines Tages umbringen wird. Ich aber eigentlich gar nicht weiß, wo das Problem liegt. Dass ich wahrscheinlich einfach durch und durch eine Bitch bin, wie man heute so sagt.
Und die Krankenschwester, jedes Mal: Es ist seine Schuld, wenn er bleibt.

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