Sunday Secrets

Man, I didn’t invent the rainy days. I just own the best umbrella. 

Während du dich mit mir langweilst, sitze ich da und bearbeite meine Fußnägel mit einer Bastelschere. Langeweile, du niemals vermisster Zeitgenosse. Keine Ahnung, warum das Leben an dir als Begleiter festhält.
Rechtzeitig, bevor du uns töten kannst, schneidet die Schere ein Stück Fleisch von meinem großen Zeh. Ich muss lachen, du nicht. Es tut gar nicht weh, auch dann nicht, als du ein Pflaster fest um die Wunde wickelst. Dann pulsiert es.
Das Telefon, laut und schrill und störend. Hallo. Ja. Nein. Bitte ruf hier nicht mehr an. Mit schiefem Mund siehst du zu mir herüber. Aber was kann ich dafür. Nichts, sagst du. Ist schon gut, sage ich. Der Heiligenschein um deinen Kopf ist nur ein Schattenspiel des Zufalls, wir wissen es beide. Hättest du diesen Teil von dir beerdigt, wären wir jetzt beide nicht glücklich.
Wenn wir aus dem Fenster sehen, sind die Menschen klein wie Ameisen.
Ich habe eine Ameisenphobie. Spinnen sind okay? Spinnen sind okay. Spinnen, Schlangen und Langeweile. Manchmal bin ich bestürzt, wie schlecht wir uns kennen.
Wir müssen in ein fremdes Land fahren, aber meine Haut wird auf keinen Fall brauner werden, als sie ist. Röter vielleicht.
Das ist gar kein richtiges Wort, röter, sagst du.
Und während wir selbstverliebt und selbstvergessen aneinander vorbeireden, zieht sich draußen der Himmel zu. Deine kindliche Unsicherheit wirft Steine nach meinem Selbstvertrauen. Die Tristesse strömt uns aus den Poren. Immer sitzen Tiere auf deinem Kopf, weil deine Haare so rot sind, sagst du. Wir gehen hinaus unter den schwarzen Himmel. Gelbes Licht wirft sich an Häuserwände und prallt an ihnen ab.

Ich habe manchmal Angst, sage ich. Ich bin immer so glücklich, während um mich herum alles zerfällt. Vielleicht sauge ich das Glück ganz ein und lasse nichts für andere.
So glücklich bist du nun auch wieder nicht, sagst du.
Doch.
Na gut.
Glück währt ohnehin nie lange. Wenn es von Dauer ist, heißt es Zufriedenheit.
Deine Worte sammeln sich in der schweren Luft und bringen meinen Kopf fasst zum Platzen. Der Regen wird gleich da sein.

Wir laufen. Eine alte Frau auf der anderen Straßenseite winkt uns freudig zu, aber wir wissen nicht warum. An der Tankstelle kaufen wir Bier und Schnaps und Kekse. Die Kassiererin teilt mir ungefragt mit, wie grässlich sie meine Haarfarbe findet. Es ist genug Zeit, sich über ihre schamlose Offenheit zu freuen, bevor meine Aufmerksamkeit in die gegenüberliegende Ecke des Raums schwappt. Da stehst du. Ich beobachte dich und den Stapel Zeitschriften in deinem Arm. Die Langeweile. Das Leben. Wenn ich alleine bin, stelle ich mir vor, wie spannend es mit dir ist. Mit dir oder sonst jemandem. Dann sitzen wir am Flussufer, wo wir immer sitzen, und du wirfst Steine ins Wasser, wie um damit Fische zu erschlagen. Ein paar Meter weiter eine Handvoll kichernder Gören mit einem Musikhandy. Erschlag doch lieber die. Dafür brauchen wir größere Steine, sagst du, aber für dich würde ich welche auftreiben.
Auf dem Rückweg ist die alte Frau verschwunden, vermutlich vor dem Regen geflüchtet.

Wir könnten alle Poster von deinen Wänden reißen, schlage ich vor. Und dann machen wir Fußabdrücke auf die Tapete, da wo es geht.
Phantastisch, sagst du. Ich würde mich dann wieder melden, wenn ich nochmal  mit dir schlafen will. Nachts, mit 3 Promille.
Und während du das sagst, werde ich so traurig, als sei das gar kein Scherz gewesen.
Sunday secrets, I don’t wanna know.

Meine letzte Gelegenheit zu Sex mit einem Fremden habe ich einfach verstreichen lassen, sage ich später irgendwann, als ich das Pflaster von meinem Zeh wickle. Darunter ist alles rot und klebrig und tut nicht weh.
Das ist alles deine Schuld.
Das tut mir leid. Aber wie konnte es so weit kommen?
Ich weiß es nicht. Aber so erstrebenswert schien es mir nicht zu sein.
Was wäre passiert?
Nichts. Das, was immer passiert. Wir hätten uns zum Ficken getroffen und danach nie wieder gesehen. Das hätte sich doch nicht gelohnt.
Wäre es denn nicht gut gewesen?
Doch. Vermutlich schon.
Dann hast du wegen mir darauf verzichtet?
Nein. Vermutlich nicht.
Das ist sehr nett.
Ich bin nun mal kein guter Mensch, ich habe es dir gleich gesagt.
Und langsam glaube ich es.

An manchen Tagen ertrage ich keine Nähe. Dann gehe ich hinaus in den Regen und bleibe dort so lange, bis meine Haut ganz aufgeweicht ist und niemand mich mehr anfassen will. Meine Mutter hat immer gesagt: Wer weint, der ist hässlich. Wenn man viel weint, ist man für immer hässlich. Wenn es in meinem Kopf zu langweilig wird, setze ich mich auf den Boden, sehe Bilder aus meiner Kindheit an und sage Gedichte auf über meine eigene Hässlichkeit.

Heute ertrage ich deine Nähe, besser als an anderen Tagen. Wir feiern die Anwesenheit der Ambivalenz mit Korn und Keksen. Wenn ich anfange zu reden, höre ich nicht mehr auf. Die Ambivalenz, sie verlässt mich nie: Alles Normale ist karge Ödnis, ein Ort, an dem ich nicht sein will. Alles, was trivial ist, will ich von mir abschütteln. Und dann fällt mir immer Neues ein: Zu abnormal darf es auch nicht sein, wir wollen doch alle auch ein bisschen so sein wie die Anderen, um nicht aus dem Rahmen zu segeln wie tote Blätter von einem Baum.
Und in diesem Moment ist mir deine ungeteilte Zuneigung zuviel, sagst du. Geh weg von mir.

Jetzt nervt sie dich also, meine Ambivalenz. Die Kunst, stundenlang ohne Unterbrechung zu reden, Worte, Sätze, Details zu zerpflücken, sie auseinander zu reißen sie mir anschließend einzeln in die Haare zu schmieren, nur um mich einen Moment später für Tage zu verschließen. Die Tendenz, im richtigen Moment die falschen Dinge zu tun. Dich anzufassen, wenn du allein sein willst. Dich zu ignorieren, wenn du meine Aufmerksamkeit brauchst. Zu lachen, wenn du traurige Geschichten erzählst. Zu schreien, wenn um uns alles still ist. Unglücklich zu sein, wenn alles gut ist.

Eines Tages wirst du aufwachen und all das vermissen.

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