Staplegunned

Do I have to spell it out for you//
Or scream it in your face//
The chemistry between us could destroy this place.

Meine krakelige Linkshänderschrift auf deinem Rücken. Sie schreibt Gedichte und vergisst die Absätze, so dass niemand sie versteht. Meine Damen und Herren, wir präsentieren: Die Liebe. Auf Hochglanz poliert und mit strahlendem Lächeln weilt sie mitten unter uns und jeder starrt sie an.

Die Liebe hat uns neu geboren und nimmt uns jeglichen Zusammenhang. In der Abstraktion finden wir Wahrheiten, die wir so lange suchten. Wie Brausepulver wirft die Illusion Blasen auf der Zunge der Realität. Die Abstraktion kleidet die Glücklichen ganz vortrefflich.

Let’s go out and make the road shake//got love to make//
I gotta leave with the morning light//got a book to write.

Schweigend sitzen wir im Gras. Die Hitze hat uns zwischen ihre dürren Finger genommen und betrachtet uns argwöhnisch, wie wir uns gegenseitig anhimmeln. Niemand sagt ein Wort. Das stille Einverständnis steht zwischen uns und breitet die Arme aus. Wie Bausteine passen die Umstände von Zeit zu Zeit zusammen.

Ohne Vorwarnung reiben wir uns wund zwischen unseren Fingern. Die Zeit ist immer nur so lang wie wir sie nicht brauchen. Mit ihrer erbärmlichen Subjektivität kratzt sie sich selbst die Augen aus. Wir stehen davor und sehen ihr beim Bluten zu.

-Warum können wir nicht einfach sein?, hast du gefragt.
-Weil das alles nicht so einfach ist, habe ich gesagt.

Dann ließen wir unsere Hände los, wir verließen uns und teilten nicht die Himmelsrichtung, in die wir gingen.
Weil das alles nicht so einfach ist:

I would like to buy you a gold canary.

Manchmal will ich deine Hand nehmen und mit dir weggehen.
Manchmal will ich dich an der nächsten Ecke stehenlassen und alleine weiterziehen.

Doch die Stille zerrt an mir  und sagt mir, ich soll mich zusammenreißen. Sie packt mich beim Schopf, sie reißt mir die Haare aus, sie schlägt ihre Fingernägel in meine Kopfhaut, sie wirft mich zu Boden. Sie befiehlt mir, mich hinzusetzen. Sitzen zu bleiben und abzuwarten. Und ich weiß nicht, wie mir geschieht und tue, was sie sagt und ich sitze und warte ab. Halte dem Druck stand. Man kann nicht immer vor allem davonlaufen, sagt die Stille.

So schnell entsteht Vergangenheit.

Plötzlich erkennt man es ganz genau, das Glück, plötzlich weiß man, wie es aussieht. Man erkennt seine feingliedrige Gestalt deutlich unter tausenden. Man streckt die Hand danach aus und streicht ihm durchs Fell. Das Glück ist ein wildes Tier, das zu dir kommt, wenn du ihm lang genug die Hand hinhältst, wenn du dich ruhig verhältst, wenn du leise bist. Es kommt über Nacht. Eines Morgens wachst du auf und es steht direkt vor dir, streckt dir seine kalte Nase ins Gesicht und streicht mit seinen langen Wimpern über deine Wange.

Wir können hier nicht sitzenbleiben, sage ich.
Doch das können wir. Das nennt man Liebe, sagst du.

Weatherman on the radio//Said there’ll be sunshine
And all the colors of the rainbow//Fell in my mind.

Wir sitzen da und unsere Beine baumeln über dem Abgrund. Aus heiterem Himmel sticht eine Biene ihren Stachel in meinen Fußrücken und geht leblos zu Boden. In stiller Bewunderung gedenke ich ihres schmerzhaften Ablebens und reibe auf der Einstichstelle einen Eiswürfel zu Wasser. Die Gänse stehen auf dünnen Beinen.

Ich habe komisch geträumt, sage ich. Jeden Morgen wache ich auf, und dann sind da Bilder in meinem Kopf, von denen ich nicht weiß, woher sie stammen.

Als die Schwäne verschwinden, kehren die Gänse zurück ans Wasser. Es sind so viele, dass wir bei dem Versuch, sie zu zählen, ganz alt und grau werden. Wir sind zuhause und ich koche Tee und du stehst am Fenster und erzählst den Gänsen unsere Geschichte. „Das nennt man dann wohl Liebe.“ Obschon ich sie schon kenne, höre ich zu, ohne müde zu werden.

Da ist diese Geschichte, die immer 2 Seiten hat. Am nächsten Tag gehen wir hinaus, wir fangen eine Gans, nehmen sie aus und braten sie uns zum Frühstück. Das Glück ist immer nur auf einer Seite. Wir beobachten den Regen und werfen Papierflieger auf die Straße. Wir verteilen Ohrfeigen an all die Menschen, die versuchen, uns ins eiskalte Wasser der Realität zu ziehen.

I will shake myself into your pocket.

Tausend kleine Tiere auf meinem Arm. Du rührst mich nicht an und beobachtest die Gänse. Ein zerquetschtes Insekt auf meiner Fingerkuppe, als ich nach deiner Hand greife. Bleib weg, Gans, sonst bist du die Nächste.

Neben uns fällt ein kleines Mädchen vom Baum. Sein Bein steht im komischen Winkel vom Körper ab. Sein Wimmern dringt auf schmerzhafte Art in unser Universum ein, verstört springen wir auf. Bis der Krankenwagen kommt, treten wir unschlüssig von einem Bein aufs andere. Die Gänse fauchen und kommen näher. Das Mädchen weint. Die Sonne brennt vom Himmel. Über uns ziehen keine Wolken vorbei. Sommersprossen, ganz viele, sagst du und deutest auf die Tiere auf meinem Arm. Das Glück ist immer nur auf einer Seite.

Als ich aufsehe, sind die Gänse weg. Das Mädchen ist weg. Die Sonne ist weg. Die Stille ist eingekehrt wie ein schmerzlich vermisster Liebhaber, leise und vorwurfslos und immer viel zu spät.

Blut tropft aus meiner Nase. Aus den Ohren, aus jeder Körperöffnung.
Aber nicht aus den Augen, sagst du. Ich werfe den Kopf in den Nacken. Das Schwindelgefühl hebt die Schwerkraft auf und wirft den Fußboden in die Luft. Dann ist alles still. Die stumme Entrücktheit kriecht in alle meine Poren und krallt sich darin fest.  Und während ich langsam hier verschwinde, tropft das Blut ins Leere. Komm, versuch,  mich einzufangen. Ich bin doch sowieso schon hier.

Das Glück kommt und holt uns ab. Wir gießen es in Tetrapaks und leeren es über unseren Köpfen aus. Wir berauschen uns daran wie Suchtkranke. Wir kippen es uns über die Füße und baden darin wie Könige. Ich hoffe, ich werde mich immer daran erinnern. Auch dann, irgendwann, wenn wir uns längst vergessen haben. Bis dahin zwingt das Glück uns, sitzen zu bleiben.

Ein Gedanke zu “Staplegunned

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