Dies ist ein Liebesbrief. Ich sage es dir lieber gleich.

I must get my soul back from you
I am killing my flesh without it
(Sylvia Plath)

Als der Auslöser klickt, zuckt sie für einen kurzen Moment zusammen. Dann scheint alles vorbei zu sein. Sie hebt den Blick, blinzelt ins helle Licht, angelt nach dem mintgrünen Shirt und hält es sich vor die Brust.
-Wir sind noch gar nicht fertig, sagt er.
Sie betrachtet ihn mit zusammengekniffenen Augen. Mit den Augen eines misstrauischen wilden Tieres. Hingebungsvoll drückt er auf Knöpfe an seiner Kamera und beachtet sie nicht. Sie blickt zu Boden und wünscht sich weg, sehr weit weg. An einen Ort, an dem sie ihn nicht kennt.
Ein Schatten auf ihrem Gesicht, sein Finger an ihrem Mund. Das Pulver an ihren Lippen schmeckt bitter. Nur eine Bewegung mit der Zunge, einmal schlucken, dann ist es vorbei. Sie sieht zu ihm auf, sieht ihn lächeln. Sein Gesicht direkt über ihr. Sie will die Hand ausstrecken und ihn berühren, doch nichts passiert.
-Gleich haben wir es geschafft.
Sie lässt das mintgrüne Shirt zu Boden fallen und streckt die Arme von sich.

Geliebter junger Mann,

dies ist ein Liebesbrief. Ich sage es dir lieber gleich, weil du es vielleicht nicht ahnen konntest. Ein Liebesbrief ist ein altmodisches Medium, um altmodische Dinge zu sagen und altmodische Geständnisse zu machen, die man im richtigen Leben nicht über die Lippen bringt. Man kann Geständnisse auch auf die moderne Art machen: digital, mit Musik und Geldgeschenken. Dieses Geständnis ist so altmodisch, ich schreibe es mit Tinte und auf knittriges Papier und werde es vielleicht niemals über mich bringen, es dir zu überreichen. Denn vielleicht fehlt mir diese eine altmodische Sache, die man gemeinhin als Mut bezeichnet. Ich würde dir alles persönlich sagen, mit gesprochenen Worten, mit meiner eigenen Stimme, doch immer, wenn ich vor dir stehe, kommt kein Wort aus meinem Mund. Sitzen wir irgendwo nebeneinander, machen in meinem Innern kleine Menschen mit stumpfen Bastelscheren aus meinen Organen kleine Schnipsel, blutige Scherenschnitte mit ausgefransten Kanten. Manches Mal schnürt deine Anwesenheit mein Herz und meine Lungenflügel ganz fest zu einem kleinen Paket zusammen, so dass beide ihre Funktion für einige Zeit nicht mehr ausüben können. Manchmal bebt die Erde, wenn du neben mir stehst, dann möchte ich die Arme ausstrecken und mich an dir festhalten, dich berühren. Doch die Umstände teilen unser gemeinsames Dasein in zwei Hälften – Dich und Mich, und irgendwie ist da kein Uns.

Geliebter junger Mann, du siehst, wie es um meinen Geisteszustand steht: Dies ist ein Liebesbrief. Einer, wie er im Buche steht. Einer, wie du ihn vielleicht nie bekommen wolltest. Ich sage es dir jetzt gleich, weil ich an seinem Ende vielleicht vollständig meinen Verstand verloren haben werde.

Der Auslöser klickt. Klickt und klickt und klickt. Ihre Augen beginnen zu tränen, das helle Licht bringt sie zum Weinen. Gestern hat er angerufen, aus heiterem Himmel, wie ein guter, alter Freund, gefragt, wie es denn so gehe, sich nicht weiter für die Antwort interessiert. Ob sie morgen etwas Zeit für ihn habe.
Jetzt ist die Kamera auf sie gerichtet, starrt sie herausfordernd an, sie senkt den Blick, hört ihn Worte aussprechen, hört ihn sagen, dass sie so ein altmodisch geschnittenes Gesicht habe. Dass er altmodische Gesichter mag. Dass altmodische Gesicht unglaublich schön sind. Was es bedeutet, ein altmodisches Gesicht zu haben, das kann er nicht erklären. Sie wendet den Kopf, dreht sich nach links, nach rechts, hebt das Kinn – alles, wie er es ihr aufträgt. Auslöser der Kamera. Klick-klick-klick. Wunderschön, sagt er. Aber du musst dann jetzt gehen. War schön, dass du da warst.

Als die Hitze am größten ist, liegen sie nebeneinander nackt im Gras.
-Steig ein, hatte er gesagt und ihr die Tür seines Wagens aufgehalten. Sie hatte neben ihm Platz genommen und sie waren losgefahren. Wohin, das hatte sie nicht gefragt, niemals stellte sie Fragen, Fragen waren unangenehm, vor allem solche, auf die man keine Antwort wollte. Egal, wohin es ging, sie wollte niemals ankommen. Für immer wollte sie hier sitzen, der Stille schutzlos ausgeliefert, doch mit ihm an ihrer Seite, der ruhig ein- und ausatmete wie jeder andere Mensch auch, der ihr jedoch so viel mehr bedeutete. Sie hatte beschlossen, das Aussteigen zu verweigern, sobald sie am Ziel angekommen waren. Niemand konnte sie zwingen, auszusteigen. Wer sie mit Gewalt dazu bewegen wollte, aus dem Wagen zu steigen, würde es vielleicht bereuen. Bei der kleinsten Bewegung wollte sie augenblicklich auseinanderfallen, zerfallen in tausend Teile. Doch dann hatte er den Wagen auf einem schmalen Grasstreifen unweit des Flussufers geparkt, hatte sich ihr zugewandt und seine Finger um ihr schmales Handgelenk gelegt. Sie hatte kein Wort des Protests von sich gegeben und war ausgestiegen.
Und jetzt liegt sie neben ihm und hört ihm beim Atmen zu. Im Augenwinkel sieht sie, wie sich sein Brustkorb hebt und senkt. Zwischen den Fingern zerdrückt er Grashalme, er tut es, ohne hinzusehen. Seine Fingerkuppen färben sich grün. Die Kamera neben seiner linken Hand im Gras. Sie versucht, die Luft anzuhalten, um den Augenblick für immer festzuhalten, um die Zeit gefrieren zu lassen, sie will Bilder machen,  Momentaufnahmen, sie will in diesem Moment einschlafen, in ihm gefangen sein, er soll sie gefangen nehmen und für immer als Geisel halten.
Dann wieder die Kamera, wieder stiert sie ihr mit dem leblosen Auge ein Loch in den Bauch. Klick-klick-.klick. Er hat sich neben ihr aufgerichtet und betrachtet sie aufmerksam.
Sie sieht zu ihm hoch und blinzelt in die Sonne. Das Licht direkt hinter ihm, sie erkennt ihn nicht, es könnte jeder sein, der da neben ihr liegt. Sie will die Hand ausstrecken und ihn berühren, doch er will, dass sie still daliegt.

Geliebter junger M.,

dies ist ein Liebesbrief. Noch bin ich imstande, es dir zu sagen. Verliebt sein ist die Hölle, ich sage es dir, weil du es vielleicht nicht weißt. Verliebt sein schneidet dein Innerstes in Stücke, hilflos löst du dich auf in deine Einzelteile, achtlos wirfst du dich permanent selbst weg, alles für einen kurzen Augenblick, für ein Blitzlicht des Glücks, getaucht in den glitzernden Staub der Hoffnung. Ahnungslos kneifst du die Augen zusammen, du verschließt sie vor dem Unangenehmen, der Filter in deinem Kopf lässt Unschönes einfach verschwinden. Doch irgendwann endet die Reise der Verblendung, sie endet abrupt und wirft dich aus dem Wagen, dessen Rückbank du dir mit anderen Verliebten geteilt hast. Bitte steigen Sie aus. Nur noch eine Station, sagst du, nur noch ein paar Kilometer bis zum Ziel. Zwischendurch kurze Rast am Fahrbahnrand, Warten auf die Weiterfahrt mit verbundenen Augen und tauben Ohren und leergefegter Geduld. Und irgendwann weißt du, du solltest aussteigen, bald, sehr bald solltest du die Tür öffnen und flüchten, bevor du zu weit bist, um noch umzukehren.

Der Auslöser klickt, und wieder wünscht sie sich so weit weg. Warum sie es immer wieder tut, warum sie es sich wieder und wieder antut, warum sie immer und immer wieder nackt sein muss, das alles fragt sie sich nie. Sie greift nach einem Kleidungsstück und zieht es sich über den Kopf. Der Moment ist zu wertvoll, um ihn von vornherein abzulehnen, auch wenn sie sich hinterher fühlt, als habe er mit ihrem Körper den Boden gewischt. Er macht einen Schritt auf sie zu und nimmt ihr Gesicht in seine Hände. Mit dem Zeigefinger voll weißer Kristalle malt er einen schmalen Strich auf ihre Zunge. Der Schauer auf dem Rücken verursacht einen Krampf in ihrer Wirbelsäule.
-Wenn Menschen Uhren wären, hat sie ihm ein Mal gesagt, dann ginge es im Leben darum, die Uhr zu finden, deren Sekundenzeiger im gleichen Takt schlägt wie der eigene. Welcher Takt das ist, ist egal.
-Tick Tack, hat er gesagt und ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen. Du bist eine besonders schöne Uhr. Und eine besonders talentierte.
Der Auslöser klickt ein letztes Mal. Vom hellen Licht geblendet tastet sie nach ihrer Kleidung.
-Komm gut nach Hause, sagt er und bringt sie zur Tür. Worte scheinen aus ihrem Mund zu fallen, doch für andere Menschen sind sie nicht hörbar. Nachdenklich steht sie auf der anderen Seite der Tür und weiß nicht, wohin. Sie will nicht weg. Sie will niemals wieder hierher kommen.

Geliebter j. M.,

heute ist vielleicht der Tag, an dem ich den Verstand verloren habe. Die zu Kopf gestiegene Verwirrung als neue prinzipielle Geisteshaltung, einigen wir uns darauf: Sie lässt uns innerlich erzittern und äußerlich verfaulen, als runzlige Äpfel erleben wir den Sonnenaufgang, der uns am Schlafen hindert. Ich möchte meinen Stolz zurück, meine Würde, meinen Kopf. Lass mich hier nicht liegen als den fauligen Rest Mensch, den du von mir übrig gelassen hast. Lachend haben wir unsere Kleidung in Stücke gerissen, kopflos, ohne auch nur einen Moment über die Konsequenzen unseres Handelns nachzudenken. Augen zu, den Augenblick erleben, nicht weiter denken als zum nächsten Morgen. Doch so geht das nicht, wir können nicht immer und immer wieder die Fetzen unserer Kleidung vom Boden aufsammeln und so tun, als sei nie etwas gewesen. Wir marschieren auf der Stelle, die Sonne scheint uns auf den Kopf, wir kommen nicht voran. Worte verlieren sich in meinem Mund in Einzelbuchstaben, sie lösen sich auf wie Brausetabletten, Schaum tritt zwischen meinen Lippen hervor und tropft von meinem Kinn ins Leere, dahin, wo eigentlich so viel im Raum stehen sollte. Doch dort steht nur meine Vorstellung von deiner Zurückweisung, ich höre dich Worte der Ablehnung sagen, die du noch nicht ausgesprochen hast, ich will sie nicht hören und presse die Hände auf meine Ohren.  

Eines Tages ruft er an. Sie hört ihn leise Worte sprechen und verlässt das Haus. Im Krankenhaus irrt sie eine Weile durch die Gänge, bis sie sein Zimmer gefunden hat. Er liegt im Bett, die Kamera als unermüdlicher Wächter auf dem Nachttisch.
-Was ist passiert, fragt sie atemlos und weiß nicht, was sie tun soll.
-Herzverstümmelung, sagt er und dreht seine Handflächen nach oben. Seine Handgelenke sind eingepackt in schneeweißen Verband. Kennst du es, wenn man jemanden so liebt, dass man manchmal körperliche Schmerzen deshalb empfindet?
Tausend Messerstiche überall lassen sie zusammenzucken. Sie nickt schweigend. Wie weh ein gebrochenes Herz tun kann, selbst wenn es nicht das eigene ist.
-Weißt du, wenn Menschen Uhren wären… Du hast Recht damit. Er greift nach der Kamera. Aber nicht alle Menschen sind so schön wie du.

Der Auslöser klickt. Die Fotos von ihr, schwarz-weiß, sie, nackt auf einem durchwühlten Krankenbett, wird sie sich später an die Wand über ihrem Küchentisch hängen.

J. M.,

dies ist ein Abschiedsbrief. Ich sage es dir jetzt gleich. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, alle Worte gehen mir langsam aus. Die Monate sind ins Land gezogen, mit Stunden, Tagen, Wochen, die sich glichen wie ein Ei dem anderen. Es waren Monate, die ich an meinem Fenster saß und auf dein Gesicht wartete, das auf der anderen Seite der Scheibe auftauchen und mich hier abholen würde. Die Uhr tickt und tickt und tickt, und immer tickt sie allein. Ich werde nicht warten, bis sie irgendwann stehen bleibt, auch wenn ich es gerne würde. Warten ist keine Tätigkeit, man kann den Zustand des Wartens nicht ausüben, aber man kann sich ihm verschreiben, man kann sich ihm vollständig hingeben, man kann sich in ihm verlaufen und verlieren. Mit dem Blick auf den grauen Himmel gerichtet verbrachte ich die Stunden, Tage, Wochen mit Warten, die Minuten waren gefüllt mit allerlei Handlungen, ich lief umher, aß, trank, schluckte Pillen, redete, hörte zu, lachte, weinte. Im Hintergrund immer das Ticken der Uhr. Die Zeit verging. Nichts, was passierte, war von Bedeutung. Ich sah dich vor mir, ich hörte deine Stimme, hörte dich Worte sagen, die nicht das bedeuteten, was ich hören wollte. Und nun bin ich traurig und müde, die Augen sind mir zugefallen, ich dämmere im Halbschlaf vor mich hin und kämpfe halbherzig gegen die Leere, die sich in mir ausbreitet und die alles verschluckt, was ihr zu nahe kommt, die alles in Stille erstickt. Mein Herz schlug schneller, wenn du in der Nähe warst, jetzt scheint es ein ums andere Mal beinahe zum Stillstand zu kommen. Das Warten ist eine langsame Art der Hinrichtung. Ich kann nicht hier sitzen und auf die endgültige Vollstreckung warten. Mein Kopf ist angefüllt mit Erinnerungen, die meinen Verstand zum Erliegen bringen. Ich sperre sie weg und schließe sie ein, so schwer es mir auch fällt. Ich kann nicht ewig auf das Wunder warten, das du mir im Stillen immer und immer wieder versprichst. Egal, was es ist, ich kann nicht mehr warten. Wenn Menschen Uhren sind, müssen sie ihr Leben auf einem Ziffernblatt verteilen, das zu viel Platz bietet, um es mit Leere zu beleidigen. . Ich stehe auf und gehe los, ich gehe geradeaus und gehe von dir weg, und vielleicht merkst du es nicht und es tut dir nicht weh. Ich verlasse die Stadt und komme nicht wieder, um dich zu sehen. Es ist eine altmodische Art des Abschieds, ohne Worte, ohne Stimme, ohne Fragen, mit Tinte und auf knittrigem Papier.

Der Auslöser klickt, sie hört es durch die geschlossene Tür. Undeutlich dringen Stimmen zu ihr herüber, ein helles Mädchenlachen lässt sie leicht schwanken. Langsam schiebt sie den weißen Umschlag unter der Tür durch. Der Auslöser klickt. Sie dreht sich um und schließt die Augen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Dies ist ein Liebesbrief. Ich sage es dir lieber gleich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s