A place like home.

 

Five little rooms
One for each of my husbands
One for each of my bridegrooms
And their prostitutes
And their children.

 

Du hast mich mitgenommen und mich zu dir nach Hause gebracht.  Zu euch nach Hause.
Du hast mich ausgezogen und hingeworfen.

Auf deinem Bett liegend, eurem Bett, hast du mich konsumiert wie billiges Fast-Food, einen Cheeseburger mit Pommes, dazu billigen Rotwein mit Schraubverschluss.
Dann bist du eingeschlafen, satt und zufrieden, du hast dich weggedreht und mich ausgeschaltet, auf lautlos gestellt wie einen alten Fernseher, auf dessen Bildschirm uhrzeitbedingt nur noch Werbung für Telefonsex-Hotlines zu sehen ist. Für einen Moment ist alles still gewesen.
Dann hast du leise im Schlaf zu röcheln begonnen.

Und nun stehe ich auf. Ich schaue neben mich und sehe dir zu, wie sich dein Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt. Vorsichtig setze ich die Füße auf den Boden und belaste sie mit dem Gewicht meines Körpers, so langsam, als müsse ich erst testen, ob sie der Belastung standhalten.
Auf dem Weg nach draußen lässt mich ein feuerrotes Spielzeugauto stolpern und bringt mich beinahe zu Fall. Der Dielenboden knackt. Leise sein, das Kind schläft nebenan – deine Worte hallen in meinem Kopf nach wie ein künstlich erzeugtes Echo. Ich überquere den Flur Richtung Badezimmer und schließe die Tür hinter mir. Auf der Ablage vor dem runden, sorgfältig geputzten Spiegel drei Zahnbürsten: Zwei für Erwachsene, eine blaue, eine rote. Daneben eine in zitronengelb kreischende Kinderzahnbürste. Eine Pinzette, ein Stück Seife, ein teures Parfüm. Irgendwo dazwischen ein knallroter Lippenstift. Ich nehme ihn in die Hand, ich nehme den Deckel ab  und drehe den Lippenstift so weit heraus, wie ich kann. Nachdem ich in großen Buchstaben FUCK YOU quer von links unten nach rechts oben auf den Spiegel geschrieben habe, ist nichts mehr von der klebrigen tiefroten Masse übrig. Ich werfe die Reste zu Boden, setze mich daneben und vergieße eine Handvoll Tränen, die lautlos im flauschigen zartrosa Badezimmerteppich verschwinden. Meine Augen fallen zu, die Zeit, die nun vergeht, erscheint mir nicht länger als eine, vielleicht zwei Sekunden. Als ich die Augen öffne, scheinen die ersten Sonnenstrahlen des Tages von draußen herein und weisen damit freundlich, aber in aller Deutlichkeit auf die sich langsam breit machende Überflüssigkeit der weiterhin fleißig leuchtenden Glühbirne in ihrer ausgefallenen, im Stil der 70er Jahre blumenförmig gestalteten Fassung hin.

Als ich an mir heruntersehe, begegnet mir meine eigene Nacktheit wie ein alter Bekannter, der mich nach dem Weg zu seiner Kleidung fragt. Ich stehe auf und werfe keinen Blick in den Spiegel, als ich die Tür zum Flur öffne, liegen einzelne Kleidungsstücke in gleichmäßigen Abständen voneinander vor mir auf dem Boden, als seien sie eigens für mich dort drapiert worden. Als habe jemand versucht, mir mit ihrer Anordnung eine geheime Botschaft zu senden oder den Weg nach Hause zu weisen. Eins nach dem anderen sammle ich sie auf, mit einem Arm voll weichem Stoff bleibe ich in der Tür zum Schlafzimmer stehen und betrachte dich mit einer Mischung aus Misstrauen und Abscheu. Ein letztes Mal. Du liegst direkt vor mir und bist doch so weit entfernt, ich könnte den Arm ausstrecken und nach dir greifen und würde dich dennoch niemals erreichen. Du bist so fremd wie ein zufälliger Sitznachbar im Zug, die Umstände dehnen den Abstand zwischen dir und mir ins Unendliche, ratlos lassen sie uns zurück, machtlos kann ich nur dabei zusehen, wie du ob der sich stetig vergrößernden Entfernung immer kleiner wirst, bis du schließlich ganz verschwunden bist.
Du bekommst von alledem nichts mit, tief und fest schläfst du deinen Rausch aus. Alkoholisiert kann man keine Tiefschlafphase erreichen, heißt es, und du beweist das Gegenteil.

So leise wie möglich gehe ich an dir vorbei und öffne den Kleiderschrank: Eine Hälfte Damen-, eine Hälfte Herrenbekleidung, sorgfältig sortiert wie in einer kleinen, liebevoll eingerichteten Boutique für französische Designermode. Umständlich falte ich das Kleid, das ich im Arm halte, auseinander und hänge es auf der Damenbekleidungsseite auf einen freien Bügel auf der Kleiderstange zwischen die restlichen Kleider. Es sieht aus, als habe es schon immer einen festen Platz in diesem Schrank. Als habe es nie woanders hingehört.
Meine Unterwäsche lege ich ordentlich in die entsprechende Schublade, danach wähle ich konzentriert ein neues Kleid aus der sich darbietenden Auswahl im Schrank und ziehe es an. Es passt so perfekt, als sei es eigens für mich maßgeschneidert worden. Als gehöre es rechtmäßig mir. Genauso wie du.
Als ich die Schranktür schließe, sehe ich im Spiegel eine mir fremde Person in einem grünen engen Kleid und mit Misstrauen in den Augen. Ihre Haut ist fahl und ihre Haare ungekämmt. Ich drehe mich weg und lasse sie alleine dort stehen.

In der Küche räume ich das dreckige Geschirr aus der Spülmaschine und stelle anschließend sauberes hinein. Dabei frage ich mich, was ich hier tue und warum, wer ich bin, woher ich komme und wohin ich eigentlich gehöre. Als ich auch nach mehrmaligen Stellen dieser Fragen keine Antwort erhalte, wird in meinem Kopf der Vorhang vor der Bühne meines Verstandes unter tosendem Applaus vollständig heruntergelassen. Zurück bleibt eine Schneise der emotionalen Verwüstung, der ich nicht mehr Herr werden kann. Ich gehe in die Knie und sammle unterschiedlich große Glasscherben vom Boden auf, die wir vor ein paar Stunden selbst produziert haben, indem wir unter Einsatz unserer bloßen Körper den Tisch von der Belastung von vier fragilen Weingläsern und einer Karaffe befreiten. Mitten auf dem Tisch häufe ich die Scherben zu einem kleinen Berg auf. Der Scherbenhaufen der letzten Nacht, die letzten Zeugen, die wir gekonnt vernichteten wie Profikiller. Für einen kurzen Moment möchte ich mit beiden Händen hineingreifen und mir die Finger damit zerschneiden wie Papier mit einer Bastelschere. Stattdessen öffne ich den Kühlschrank, hole Wurst und Käse und Butter heraus, in einem rechteckigen Kasten finde ich ein Vollkornbrot, von dem ich dicke Scheiben abschneide: Das Kind braucht Pausenbrote für den Kindergarten. Vier Stück davon packe ich ordentlich in Alufolie wie ein Geschenk in buntes Papier.

Das Weinen des Kindes auf der anderen Seite der Wohnung zerschneidet die um mich herum entstandene Stille mit der Schärfe eines Teppichmessers, ich fühle mich wie aus dem Nichts heraus angeschossen und für kurze Zeit schwer verwundet. Wie ein aufgeschrecktes Reh stehe ich da, das grüne Kleid um mich herum wie eine Armee von Soldaten im Kampf gegen die Verlogenheit.
Am Knacken des Dielenbodens erkenne ich, dass du wach bist und dich auf den Weg machst, nach dem Kind zu sehen. Leise höre ich deine Stimme meinen Namen aussprechen, undeutlich und mit einem Fragezeichen versehen. Ich tippe in den Flur, nehme einen zum grünen Kleid passenden Mantel vom Haken und ein paar dunkelbraune Wildlederstiefel vom Boden und verschwinde heimlich wie ein Flaschengeist, der sich urplötzlich in Luft auflöst. Auf der Straße vor deinem Haus angekommen beginne ich zu rennen, als könne ich der Gefangenschaft im luftleeren Raum zwischen zwei Identitäten durch größtmögliche Geschwindigkeit entkommen.

Und nun finde ich den Weg nach Hause nicht. Zwei Kreuzungen von deinem Haus entfernt verlangsame ich meinen Schritt, rennen ist zwecklos, es gibt keinen Ausweg. Die Stiefel sind zu klein und scheinen meine Füße zu zerquetschen, pulsierend leisten meine Zehen verzweifelt Widerstand und lehnen sich gegen die Umstände auf, doch gegen das teure italienische Leder sind sie machtlos. Ich gehe vorsichtig einen Schritt nach dem anderen. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, laufe mal links, mal rechts, mal geradeaus. Die Straßen scheinen keine Namen zu haben und ähneln einander wie eineiige Zwillinge. Ich überquere eine weitere Kreuzung, dann noch eine. Außer mir scheint niemand unterwegs zu sein, überall bin immer nur ich. Ich fühle mich, als sei ich vollständig allein auf der Welt.

An einer Bushaltestelle setze ich mich auf eine Bank und halte den Atem an. Stunden scheinen vergangen zu sein, seit ich vor dir geflüchtet bin. Drehe ich den Kopf nach links, ist in der Spiegelung der Glasscheibe des Haltestellenhäuschens die fremde Person im grünen Kleid zu sehen. Sie sitzt auf der gleichen Bank wie ich, hat die Beine übereinandergeschlagen und sieht aus, als irre auch sie bereits eine halbe Ewigkeit lang auf der Suche nach ihrem Zuhause durch die Straßen. Müde und desinteressiert wende ich mich von ihr ab, stehe auf und setze meinen Weg fort. Am nächsten Altkleidercontainer bleibe ich stehen, ich ziehe die Stiefel aus, werfe sie hinein und gehe barfuß weiter. Der Boden ist kalt und hart und ich beginne zu frieren. Die Erinnerung an die vergangenen Stunden treibt mir in regelmäßigen Abständen Tränen in die Augen. Es ist eine einzige große Erinnerung an dich und mich, den Tisch, das Bett, das Badezimmer, die fünf Räume, die in ihrem Zusammenspiel ein Zuhause, eine Heimat, einen Zufluchtsort für drei Menschen, zwei große und einen kleinen, ergeben, einen Ort, an dem für jemanden wie mich kein Platz reserviert ist. Ich bin weder willkommen noch akzeptiert, ich werde nicht geduldet und kann mir alle Bemühungen um Obdach sogleich sparen. Und dennoch hast du mich mitgebracht und hereingebeten, für die Länge einer halben Nacht war ich ein gern gesehener Gast, solange ein Platz im Gefüge der Familie frei war.
Auf der Suche nach einem Taschentuch greife ich in die linke Manteltasche und umschließe mit meinen Fingern einen metallenen Gegenstand. In der Spiegelung eines Schaufensters steht die fremde Frau im grünen Kleid und zieht einen Schlüsselbund aus ihrer Manteltasche. Für einen Moment sehe ich sie erstaunt an, dann drehe ich mich um gehe den Weg zurück.

Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, höre ich Stimmen auf der anderen Seite der Tür. Ich trete in den Flur und bewege meine nackten Füße vorsichtig auf dem Dielenboden vorwärts. Am Küchentisch sitzen zwei große und ein  kleiner Mensch und starren mich mit weit aufgerissenen Augen entgeistert an. Mit einem lauten Klirren lasse ich den Schlüsselbund zu Boden fallen.

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