Driftwood. No fairytale.

 

Is it over cause you feel no pain?

 

Niemals bin ich neben dir aufgewacht, niemals bin ich neben dir eingeschlafen. Jedes Mal lag ich neben dir und war hellwach. Hellwach war der Raum, hellwach war mein Kopf, hellwach waren alle meine Gedanken, die Sonne und deine Anwesenheit erhellten alles und ließen mich innerlich leuchten.

Eingeengt in die Kabine einer öffentlichen Toilette denke ich an diesen Moment zurück, jetzt, genau in diesem Augenblick. Zarte Hände betrunkener Mädchen trommeln von außen an die Tür. Andere wollen auch. Ich sinke auf dem dreckigen Boden in mich zusammen und ziehe die Knie an den Körper. Die letzten Ausläufer der Musik dröhnen pulsierend in die Kabine und lassen mich meinen eigenen Herzschlag vergessen.

Es war der Moment, der alles veränderte, alles in mir und um mich herum. Mit offenen Augen und den weit geöffneten Fenstern meinen Bewusstseins daliegend umschloss ich jede Sekunde mit dir einzeln mit beiden Händen, um sie festzuhalten. Doch eine nach der anderen bahnte sich ihren Weg zwischen meinen Fingern hindurch in die Freiheit und zerplatzte im Zwischenraum zwischen Raum und Zeit wie eine Seifenblase. Während ich dalag und die Muttermale auf deinem Rücken zählte, als könne mir ihre Summe Antworten auf all meine Fragen geben, befestigtest du unbemerkt leichte rosafarbene Fäden an meinen Hand- und Fußgelenken, deren Enden du fest in deinen Händen behieltest. Gehorsam stand ich auf und begann zu tanzen. Immer so, wie du es wolltest. Immer nur, um dir zu gefallen. Ich tanzte und hörte nicht auf, ich legte keine Pause ein, auch wenn du gar nicht hinsahst, was meistens der Fall war. Wochenlang tanzte ich, tanzte nach links, tanzte nach rechts, ich probierte waghalsige Sprünge und drehte schwindelerregende Pirouetten, und immer imitierte ich stets die Bewegungen einer anderen Person. Einer, der du gerne zusehen würdest. Einer, der du diese Blicke, diejenigen, die damals alles veränderten, immer schenken würdest, auch wenn du nicht betrunken bist. Einer, die du lieben könntest. Jeden Schritt habe ich gern für dich getanzt, auch wenn meine Füße brannten und meine Beine schmerzten. Ich habe nur für dich getanzt. Ich habe es genossen. Als die Fäden begannen, sich in Schlingen um meinen Hals zu legen und sich mit jeder Bewegung fester zuzogen, zelebrierte ich den Schmerz. Er war das Einzige, das mich an dich zu binden schien, während du dich weiter und weiter von mir entferntest und mich mit deinen Fäden hinter die her zerrtest wie einen störrischen Esel, obschon ich die ganze Zeit hinter dir her tanzte.
Niemals hast du mich nur ein einziges Mal wahrgenommen.

Als die Proteste von draußen lauter werden, gebe ich mir einen Ruck und stehe auf. Nur einige Sekunden später reiße ich die Toilettentür auf und tauche in der Menschenmenge ab. Es ist so leicht, in der Menge unterzugehen. Sich in der Masse zu verlieren. Man hört auf, sich mit sich selbst zu konfrontieren, denn das Gedränge lässt keinen Platz für raumgreifende Fragen. Eine große Ansammlung von Menschen entwickelt ihren eigenen, durch die Musik vorgegebenen Herzschlag. Er nimmt dich vollständig ein und saugt dich in sich auf, er übernimmt die Kontrolle über dich und Sekunden später bist du verschwunden, zurück bleibt eine leere Hülle, eine schön zurechtgemachte Verpackung, die sich im Takt der anderen bewegt und keine Antworten auf Fragen gibt, die ohnehin niemals gestellt werden.

Eines Tages, kurz bevor mich die Schlingen um meinen Hals vollends erdrosseln konnten, wurde dir alles zu bunt mit mir, du fühltest dich von meinem Tanz belästigt und bedrängt. Mit einem Feuerzeug stecktest du meine Fäden in Brand. Wie Zündschnüre brannten sie langsam ab und arbeiteten sich zu meinem Herzen vor, während ich haltlos ins Leere fiel. Die Marionette war frei: Kurz bevor ich vollständig zu einer hölzernen Puppe erstarrte, war alles vorbei.
Dann schlug ich auf dem Boden auf, das Feuer verursachte eine Explosion in meinem Herzen und bombte es restlos aus. Ich blieb auf dem kalten Boden liegen, mühsam sortierte ich meine Gliedmaßen, bis ich wieder vollständig zusammengesetzt war. Dann erhob ich mich und ging davon, mein Herz zerbombt und ausgebrannt. Doch irgendwie warst da immer noch du.

Die Musik lässt mein Gehirn pulsieren und scheint es nach und nach völlig auszuschalten. Ich höre auf, in meinem Kopf nach dir zu suchen: Du bist nicht mehr da. Auch in den Trümmern meines Herzens hältst du dich nicht mehr versteckt. Und ich tanze, ganz ohne Fäden, ich imitiere nicht mehr länger die Bewegungen eines Fremden, doch ich selbst bin ich auch nicht, ich bin genauso verschwunden wie du. Doch nicht nur ich, auch du wirst zurückkommen. Ich weiß es und will es nicht wahr haben. Ich will für immer jemand anders bleiben, jemand, der dich niemals kennen gelernt hat.
Mit jeder Bewegung meines Körpers wird die Leere in meinem Kopf größer und lässt mich alles vergessen. Vielleicht komme ich wirklich nie wieder zurück: Zu mir, zu dir, zur Vernunft, zur Besinnung. Ich lebe in einem Paralleluniversum, in dem nichts existiert als helles Licht und laute Musik, die permanent zu schnell abgespielt wird. Die Zeit scheint schneller zu laufen, die Zeiger der Uhren scheinen sich in rasantem Tempo zu bewegen. Es fällt so leicht, nicht an dich zu denken. Zu schnell ziehen die Momente vorbei, die ansonsten mit Gedanken an dich gefüllt sind. Zu schnell, um sie erfassen zu können.

Ich habe so gern für dich getanzt, jetzt tanze ich allein. Ich habe es genossen, deine Marionette zu sein, so zu tun, als sei ich jemand anderes. Immer wieder hast du mich für dich tanzen lassen, immer wieder das Messer in der Wunde umgedreht. Gib zu: Es hat dir gefallen. Sag, dass dir der Moment gefallen hat, in dem du begannst, mit deinem störrischen Verhalten, das immer nur Fragen stellte und niemals Antworten gab, das Fleisch von meinen Knochen zu schaben. Du hast den Moment des Triumphs über mich, als ich nackt vor dir stand und nicht weiter wusste, bis ins Letzte ausgekostet. Selbst dabei habe ich dir mit Bewunderung zugesehen.

Mitten im Raum stehst du plötzlich vor mir und siehst mir in die Augen. Ich verharre in meiner Bewegung, Worte wollen gefunden werden, entwischen aber jedes Mal zwischen meinen zittrigen Fingern und erzeugen eine Stille. Nicht die Stille des Raums. Stille zwischen dir und mir. Ich starre zu dir hoch und bewege mich nicht. Innerlich bin ich so leer, dass ich vor mir selbst erschrecke.

Dann sagst du plötzlich: Hör auf damit! Du musst schreien, damit ich dich verstehe, die Musik ist laut und schnell und übertönt alles.

Deine Hände um meine Handgelenke in fester Umklammerung, so plötzlich, dass ich mir nicht anders zu helfen weiß, als mit dem Gesicht nach vorn zu schnellen und dir in die linke Schulter zu beißen. Dein Griff lockert sich nicht und schmerzt. Früher hätte ich gewünscht, du würdest mich für immer so festhalten. Jetzt erkenne ich dich kaum. Es ist mir egal, wer du bist. Du bist ein Fremder und hast die Abdrücke meiner Zähne auf deiner linken Schulter. Doch du lässt nicht los und zerrst mich nach draußen, wo ich im Licht mein Gesicht in deinen Augen sehen kann. Das Schwarz meiner Pupillen weitet sich über die Grenzen der Iris hinaus und ergießt sich in Form zähflüssiger Tinte aus meinen Augen, um deinen Namen in Großbuchstaben quer über mein Gesicht zu schreiben. Ich löse eine Hand aus deiner Umklammerung, wische ihn weg und vergesse ihn sofort. Ich kann mich nicht erinnern, wer du bist. Wie groß kann eine Liebe, eine unerfüllte, schmerzhafte, dahinsiechende, alles erfüllende Sehnsucht sein, wenn es nicht mehr benötigt als eine mit weißem Pulver benetzte Fingerkuppe, um sie vollständig aus dem eigenen Kopf zu löschen?

Nie zuvor bin ich neben dir aufgewacht, heute ist das erste Mal. Als ich die Augen öffne, liegst du neben mir. Die Sonne scheint durchs Fenster, als wolle sie mich schadenfroh an das letzte Mal, als wir zusammen hier lagen, erinnern. Ich erinnere mich nicht, wie ich hierher gekommen bin, ich weiß nicht, warum du mit mir hier bist. Doch heute morgen im Sonnenlicht erkenne ich dich sofort wieder. In alter Tradition zähle ich die Muttermale auf deinem Rücken, heraus kommt stets die gleiche Zahl, dann stehe ich auf, gehe ins Bad und finde mein Gesicht im Spiegel nicht. Ein fremdes Mädchen beäugt mich misstrauisch mit unnatürlich großen Augen. Um seinen Hals haben sich rosa Fäden in Schlingen gelegt und ziehen sich langsam zu.

 

 

Ein Gedanke zu “Driftwood. No fairytale.

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