Happiness for ducks

Als ich aufwache, habe ich das Gefühl, die letzten drei Jahre verschlafen zu haben.
Ich schaue auf die Uhr. Es sind anderthalb Stunden vergangen. Das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit schaltet sich in meinem Kopf so pünktlich und zuverlässig ein wie die Nachrichten im Radio zu jeder vollen Stunde.
Es ist niemand hier, ich nehme niemanden wahr, nicht einmal mich selbst.

Vom Boden nehme ich einen Zettel und schreibe in kindlichen Buchstaben darauf: Ich bin müde. Ich stecke ihn in die Hosentasche der am Boden liegenden Hose, um ihn jedem, der mir heute sagen wird, wie ungesund ich aussehe, entgegenzustrecken und unter die Nase zu reiben, um mit niemandem sprechen zu müssen. Innendrin bin ich eine Wüste, ich vertrockne jeden Moment und kann meine Zunge kaum bewegen, doch ich unternehme nichts dagegen.

Ich schaue neben mich und da liegst du. Meine Wahrnehmung hat dich vollständig ausgeschaltet, manchmal dringen leise Signale deiner Anwesenheit zu mir vor. Ich versuche, dich zu betrachten, aber im Dunkel des Raums bist du kaum zu erkennen. Im Licht würde ich dich auch nicht besser kennen, denke ich. Wir sind zwei völlig fremde, zufällig ausgewählte Wesen, unsere Zusammenkunft ist vom Zufall beim Glücksspiel erspielt worden. Zwei Würfel mit Millionen von Seiten fielen aus dem Würfelbecher und zeigten unsere Gesichter. Glücksspiel oder Unglücksspiel. Dass wir nun nebeneinander liegen, hat niemand kommen sehen. Die Wahrscheinlichkeit liegt am äußersten Rand der Standardnormalverteilung, doch von Fat Tails weißt du nichts. Wärst du wach, würde ich dir das Prinzip erklären. Die unwahrscheinlichsten Dinge passieren unwahrscheinlich oft. Die, mit denen niemand rechnet. Die man ausschließt. Aufgrund derer man an der Börse ganz schön schnell ganz schön viel Geld verliert.

Ich stehe auf, mache ein paar Schritte zum anderen Ende des Raums und schaue durch die Zwischenräume der Jalousien nach draußen. Zwei Kinder stehen am Zaun vor einer Wiese und füttern dicke Ponies mit trockenem Brot. Ein paar Enten gesellen sich vom benachbarten Fischteich dazu und streiten sich um zu Boden fallende Brotkrumen.

Wenn Enten schlafen, stecken sie den Kopf ins Gefieder. Damit ihnen nichts passieren kann, werden andere Enten aus der Entenfamilie als Wachposten aufgestellt, die auf Gefahren achten. Dann wird abgewechselt. Alle sind glücklich und schnattern vor sich hin, alles ist erleuchtet.
Vielleicht könnte ich auch schlafen, könnte ich meinen Kopf ins Gefieder stecken, das ich nicht habe. Vielleicht könnte ich schlafen, wäre jemand da, der auf mich aufpasst. Der aufpasst, dass mich niemand überfällt und auffrisst, während ich von Sonnenuntergängen am Strand träume. Doch ich stehe nur hier am Fenster und starre hinaus und bin wach und müde zu gleichen Teilen. Ich unternehme nichts dagegen. Wen interessiert es schon.

Ich drehe mich um. Du liegst immer noch da, fast schon bin ich überrascht ob dieser Tatsache. Ich könnte als Wachposten-Ente fungieren und auf dich aufpassen, aber ich weiß nicht, wozu. Ich kenne dich ja nicht. Du bist kein Teil meiner Entenfamilie.
Ich weiß nicht mehr, warum ich hier bin. Ebenso wenig, wie ich hier hergekommen bin. Warum ich es für eine gute Idee gehalten habe, mich genau hier, an dieser Stelle in diesem Raum, auszuziehen und mit dir ein Bett zu teilen.
Ich könnte wetten: Wenn du später aufwachst, wirst du es ebenfalls nicht wissen. Du wirst auf diese Fragen ebenfalls nur mit einem Achselzucken reagieren. Die Antworten darauf sind unser Geheimnis, das so geheim ist, dass nicht einmal wir selbst davon wissen.

Wäre ich nicht so müde, ich würde jetzt, mitten im Raum stehend, schreien. Ich würde schreien, um nicht ausschließlich all das zu tun, was du von mir erwartest, um nicht reduziert zu werden auf eine Anhäufung mädchenhafter Klischees und sexueller Vorlieben. Um die Grenzen der Konformität ein für alle Mal zu sprengen und sie nie wieder in die andere Richtung zu überqueren.

Weil ich nicht deine kleine Straßennutte bin, die du an der letzten Ecke einer schlecht ausgeleuchteten Straße als letzte Möglichkeit des Abends vom Asphalt kratzt und für ein wenig Kleingeld mit nach Hause nimmst. So hast du dir das gedacht: Gleich nachdem du dein eigenes Sperma als Zeichen deiner Liebe zu dir selbst von meinem Bauch geleckt hast, kannst du mit meinem nutzlos gewordenen Körper den dreckigen Boden der Tatsachen aufwischen, bevor du mich in der hintersten Schublade deines Bewusstseins zusammengeknüllt liegen lässt. Und ich verliere kein einziges Wort des Unmuts über deinen Umgang mit mir, aus purer Freude darüber, deine Bekanntschaft gemacht haben zu dürfen. Ich schreie nicht, ich weine nicht. Nichts von all dem. Müde und schlaflos liege ich da und verwüste in Gedanken den Raum, verwandle ihn in ein Schlachtfeld, mit dem ich meine eigene innere Zerrissenheit zwischen Nymphomanie und Verletzlichkeit impressionistisch darzustellen versuche. Ich bin nicht die verzweifelte Crackhure, für die du mich zur Aufwertung deines eigenen Selbstwertgefühls halten willst.

Es geht nicht um dich, es geht nicht um mich, am allerwenigsten geht es um uns beide. Manchmal geht es nicht darum, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen. Es geht darum, gar nicht erst zu fallen. Nicht einmal zu stolpern. Geradeaus zu laufen und darauf zu achten, wo man hintritt. Nicht vor jedem Erstbesten sofort für einen Blowjob auf die Knie zu fallen. Nicht so nah an den Abgrund zu gehen, dass der Boden bröckelt und der Gleichgewichtssinn sich verabschiedet. Nicht vom Beckenrand zu springen, wenn sich im Becken kein Wasser befindet. Die Grenzen nicht zu sprengen, weil man sich nicht einmal in ihrer Nähe aufhält.

Ich schreie nicht. Ich schreie niemals, obwohl ich so gern würde. Du wachst auf und siehst zu mir herüber. Ich mache ein paar Schritte auf dich zu und lege mich wieder neben dich und dein auf Hochglanz poliertes Ego, auf das ich so gern mit beiden Fäusten einschlagen würde, und lausche dem Rauschen der Stille. Es ist, als würde niemand von uns atmen. Vielleicht tun wir es ja auch nicht.
Du könntest wach bleiben und meinen Schlaf bewachen, drei Jahre oder anderthalb Stunden, und ich könnte vielleicht schlafen wie jeder um mich herum auch. Vielleicht wärst du eine gute Wachposten-Ente.
Aber ich bin kein Teil deiner Entenfamilie. Vermutlich werde ich es auch niemals sein.

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