My Animal Romance

Am Flussufer sitzend starren wir Löcher in die Luft. Kieselstrand. Du wolltest, dass alles romantisch wird, aber Romantik lebt hier nicht mehr. Falls sie es jemals getan hat. Mit bloßen Händen fangen wir Fische und schlagen ihnen mit Steinen die Köpfe ein. Blut auf den Kieselsteinen.

Bist du verliebt, fragst du.
In wen? frage ich. Die Fische?

Du machst zwei Schritte auf mich zu und wirfst mich ins Wasser. Es ist kalt und saugt sich in meine Kleidung. Zehn Kilo schwerer gehe ich zu Boden. Wir ziehen uns aus und bewerfen uns mit Steinen. Überall nasse Klamotten und Fischblut und wir nackt dazwischen. Die Außentemperatur beträgt 3°C. Wir frieren nicht. Wir sind zu sehr damit beschäftigt, Rollen einzunehmen, für die andere besser geeignet wären. Frieren not included.

Im flachen Wasser rennen wir hin und her, die scharfen Kanten der Steine bohren sich in unsere Fußsohlen, das Fischblut mischt sich mit dem unseren. Mit den toten Tierkadavern schlagen wir aufeinander ein.
Das Wasser des Flusses ist dreckig und trüb und spült Gegenstände ans Ufer, aus denen wir kleine Figuren bauen, denen wir unsere Namen geben. Unsere alternativen Persönlichkeiten. Kaum gebaut, schlagen wir mit den Fäusten auf sie ein, bis sie nicht mehr erkennbar sind.

Als du mich küssen willst, protestiere ich. Du schmeckst kalt, als hätte ich meine Lippen gegen die glatten Kieselsteine gedrückt.
Ekelhaft bist du, sage ich.
Du auch, sagst du. Widerwärtig geradezu.

Wir setzen uns auf die Steine, werfen abwechselnd Kleidungsstücke des anderen ins Wasser und sehen ihnen dabei zu, wie sie sich langsam und in fließenden Bewegungen entfernen. Es sieht aus, als trieben Teile von uns mit dem Gesicht nach unten auf der Wasseroberfläche.
Eigentlich bist du nicht ekelhaft, sagst du.
Du schon, sage ich. Schau doch mal deiner Romantik in ihr hässliches Gesicht. Wenn sie mein Kind wäre, ich würde sie zur Adoption freigeben, sie am Straßenrand aussetzen, auf Ebay versteigern, sie gegen ein neues Messerset eintauschen. Sie nervt und ist anstrengend und niemand will sie haben.
Deine Romantik, die kannst du dem toten Fisch in sein zertrümmertes Maul stopfen, verdauen wird er sie ohnehin nicht mehr. Durch die Kiemen wird sie gepresst, sie wird gefiltert und löst sich in der Luft in ihre Bestandteile auf, die da heißen: Hoffnung, Naivität, Leichtgläubigkeit. Sie kommt nie wieder. Wir brauchen sie nicht und werden sie nicht vermissen.

Du sagst nichts und sitzt nur da und bohrst deine Daumen in die toten Augen eines Fischs, bis Flüssigkeit aus den Höhlen tritt.
Der Fisch weint, sagst du.
Der Fisch weint nicht, sage ich, er ist tot.
Vielleicht soll das alles so sein, sagst du.

Ganz plötzlich friere ich doch, doch Hose und Schuhe und Jacke sind bereits weit weg. Flach lege ich mich auf den Boden und bedecke mich mit Steinen. Du siehst mir zu und lachst, in deinem kalten Gesicht sehe ich deine Augen aufblitzen vor reiner Freude über meine bloße Anwesenheit. Ich schleudere dir einen toten Fisch ins Gesicht, er prallt an deiner Stirn ab und landet im flachen Wasser. Eine gute Gelegenheit für ihn, zu fliehen, wieder los zu schwimmen und ein schönes Leben zu leben, doch er tut es nicht. Das Wasser beginnt, ihn fort zu tragen, er lässt es einfach mit sich geschehen. Ganz schön blöd von ihm, sagst du.

Spinnen, Käfer, Ameisen überall. Wir sind doch auch nicht besser als sie. Wir sind genauso nackt und wollen uns in jede Ecke des Bewusstseins des anderen drängen, wir wollen jeglichen Raum ausfüllen und das Verhalten des anderen durch unsere Existenz bestimmen. Wann immer uns ein Stück frisches Fleisch vor die Füße fällt, stürzen wir uns darauf und bearbeiten es mit unseren Zähnen so lange, bis uns nichts bleibt als seine ungenießbaren Überreste, die wir nicht wollen und vor denen wir uns ekeln. Und dann stolzieren wir davon, auf zwei, sechs oder acht Beinen, und vergessen alles, was wir getan haben, auf der Stelle und verschwenden keinen Gedanken an die eigene Unzulänglichkeit.

Warum ist hier niemand außer dir und mir? frage ich.
Weil es Nacht ist, sagst du.
Weil sich jetzt Mücken auf die Haut setzen, auf unsere Haut, sich in ihr verbeißen, uns aussaugen.
So wie du und ich, sage ich.
So ähnlich.

Dann sagst du: Du bist ein außerordentlich schlechter Mensch.
Gelegentlich stimmt das, sage ich. Dann hänge ich mich kopfüber aus dem Fenster und spucke vorbeilaufenden Feiglingen wie dir auf den Kopf.
Aber nicht nur dann, sagst du.
Ja, außerdem, wenn ich mit großen Steinen kleinen Fischen den Schädel einschlage, ihnen die Gräten breche, nur, weil ich sie um ihr schuppiges Gefieder beneide, das immer so schön schimmert und dem Betrachter im richtigen Moment die falschen Farben vorgaukelt, die schönsten, die er jemals gesehen hat, während die triste Realität mit fettigen Haaren und Mundgeruch daneben steht und eigentlich etwas ganz anderes sagt, aber niemand hört ihr mehr zu. Fische sind doch auch nur grau wie wir, wie du und ich und alle. Alle tun immer als ob, aber niemals nimmt es ihnen jemand ab. Die Welt ist ein schlechter Ort.

Alles was du sagst, ist: Fische haben gar kein Gefieder.

Wir sind hier so abgeschnitten von der Außenwelt, wir könnten uns die toten Fische um die Ohren schlagen, sie uns gegenseitig auf die regungslosen Gesichter drücken und abwarten, bis wir genauso kalt sind wie sie, bis die Wellen unsere nackten Körper erfassen und sie genauso forttragen wie unsere Hosen und Schuhe. Niemand würde es wissen. Niemand würde Notiz davon nehmen. Niemand würde Fragen stellen.
Und ich und du wären für immer vereint, sagst du.
Nein danke, sage ich. Da muss ich ablehnen.
Mit offenem Mund starrst du in den Himmel. Schau, da sind Sterne. Wenn wir genau schauen, können wir Sternbilder sehen. Oder den Polarstern. Oder Sternschnuppen.
Wenn du nicht den Mund zumachst, werden sich kleine Tiere von den Essensresten zwischen deinen Zähnen ernähren können, sage ich.
Welche Arten von Tieren wären das, fragst du.
Ich weiß es nicht. Fliegen, Spinnen, vielleicht Beutelratten.

Es ist verboten, die Tiere zu füttern. Sie anzufassen, ist untersagt.  Aber sie bedrängen dich und zwingen dich dazu. Du greifst nach ihnen und sie wehren sich nicht, sie drängen sich zwischen deine Finger, als wollten sie sich selbst mit deiner Hand zerdrücken. Man braucht nur einen guten Köder, sagst du.

Angewidert stehe ich auf, die Kieselsteine fallen links und rechts neben mir zu Boden, übrig bleibe ich mit Dreck auf der Haut und unter den Fingernägeln. Ich mache zwei Schritte nach vorn und stehe im Wasser.
Das Schwimmen in diesem Flussabschnitt ist untersagt, sagst du. Kein Trinkwasser. Konsumieren des Wassers streng verboten. Eltern haften für ihre Kinder, Insekten haften für gar nichts.
Ich höre dir nicht zu und lasse mich fallen. Das eiskalte Wasser schmerzt und lässt mein Herz ein paar Takte aussetzen. Ich ignoriere die aufkommende Atemnot und bleibe einfach liegen. Ich könnte mich von der Strömung wegtragen lassen und darauf warten, dass sie mir von selbst meine Kleidung wiederbringt, dass sie mich ankleidet wie eine Schaufensterpuppe, ganz ohne mein Zutun. Vollständig bekleidet würde ich zu dir ans Ufer zurückkehren und möglicherweise würdest du dich wundern. Möglicherweise würdest du es auch nicht bemerken, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, mich mit sinnlosem Gerede und deiner alles dominierenden Nacktheit zu beeindrucken.

Ein Schatten fällt auf mein Gesicht. Als ich die Augen öffne, stehst du direkt über mir, mit nichts bekleidet als deiner schmerzhaften Einfalt und gähnenden Farblosigkeit. In der linken Hand hältst du einen toten Fisch. Mit einem dumpfen Platsch fällt er direkt neben meinem Gesicht ins Wasser.
Komm raus da, sagst du und beugst dich zu mir herunter, um deine Hände um meine Schultern zu legen. Du bist ganz kalt. Du wirst schon ganz blau.
Das bin ich doch ständig, sage ich und bewege mich nicht.
Du legst dich neben mich und sagst: Dann eben nicht.

So liegend werfen wir uns selbst den Enten, den Möwen, den Spinnen, Ameisen und Käfern zum Fraß vor.
Sie werden uns aufessen, ganz langsam, Stück für Stück werden sie uns auseinander nehmen und mit ihrem Speichel zersetzen. Sie werden das tun, was wir schon seit Ewigkeiten tun, seit wir uns kennen. Uns Schmerzen zufügen, uns anfressen, Teile von uns verschlingen. Uns Dinge antun, die nicht gut für uns sind, so lange, bis wir nicht mehr da sind.
Deine Existenz ist so schmerzhaft für mich, immer wenn du in der Nähe bist, verwandele ich mich in eine einzige offene, nässende, pulsierende Wunde, und dennoch bleibe ich hier, ich unternehme nicht einen einzigen Versuch, vor dir zu fliehen. Da draußen wartet das Leben, ich muss nur die Hand danach ausstrecken, aufstehen, loslaufen, nackt oder nicht, welchen Unterschied macht das. Doch wo immer ich hingehe, ich weiß es, du bist schon dort und wartest auf mich. Mir wird übel bei dem Gedanken, nie wieder ohne dich zu sein. Es ist zwecklos, sich gegen die Umstände aufzulehnen, ich kann nur hier liegen und warten, bis du verschwunden bist. Ich wende mich ab und übergebe mich ins Wasser. Schweigend bleiben wir liegen, eine Ewigkeit vergeht, ich spüre mein Herz langsamer schlagen, dafür haben meine Fingerkuppen aufgehört, mir Lebenszeichen zu senden. Ich wende den Kopf nach links und du bist weg, es ist dunkel und ich finde dich nicht, vor allem wohl deshalb, weil ich dich gar nicht erst suche. Ich bleibe liegen, in meinem Erbrochenen schwimmend lausche ich in die Stille und warte. Auf Enten, Möwen, Spinnen, Ameisen und Käfer, aber niemals auf dich.

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