Air Traffic Control

 

You were high when I met you, now you’re fallin‘ like a leaf from a tree.

Nachts laufen wir zusammen in der Mitte der Straße, niemand unterwegs außer du und ich und die Ratlosigkeit, die Ahnungslosigkeit, die uns ständig umkreist und der niemals schwindlig wird.
Wie weit ist es noch? fragst du: Ein Mal, zwei Mal, drei Mal, vier Mal, so oft, bis ich dir vor Verzweiflung den Mund zuhalten will. So oft, bis sich die Frage in meinem Kopf von selbst wiederholt, wieder und wieder.
Wie weit ist es noch, bis wir wissen, wer  wir sind und was wir hier tun –  ich weiß es nicht. Wir setzen einen Fuß vor den anderen, wir frieren, wir sind müde, wir wissen nicht, wer wir sind und was wir wollen und warum.

Du lässt mich nicht in Flammen aufgehen, sage ich.
Schade, dass du so abgestumpft bist, sagst du und hast Recht damit. Ich weiß es und protestiere dennoch.
Es ist meine Schuld, dass ich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder konsequent Stücke meines Herzens an den aktuell desinteressiertesten Niedriegstbietenden verscherbelt habe wie Omas altes Geschirr auf dem Flohmarkt. Es ist meine Schuld, dass ich mich hergegeben habe für die billigsten Schmierenkomödien, dass ich mir für keines der unterirdisch inszenierten und zweitklassig besetzten Melodramen zu schade war. Es ist meine Schuld, dass das Chaos in meinem Innern noch immer unüberschaubar groß ist, jedoch mittlerweile ohne nennenswerte Emotionen vor sich hin vegetiert. Es ist meine Schuld, dass wir nun hier nebeneinander her gehen und ich innerlich leer bin, obwohl ich gerne so viel fühlen würde.
Doch es ist nicht meine Schuld, dass der Stereotyp immer vollständig ausgelebt, das Klischee immer bis zum Anschlag erfüllt werden muss. Ich weigere mich, es auszufüllen.

Und nach all dem tust meinem Kopf Dinge an, die er nicht ertragen kann. Früher war er ein Nest voller bunter Vögel, die durcheinander kreischten und umherflatterten und klare Gedanken selten werden ließen. Du hast sie zum Schweigen gebracht. Anstatt wie wild zu krächzen und mit den Flügeln zu schlagen, sitzen sie jetzt da und stecken den Kopf ins Gefieder und plustern sich auf. Dort, wo so viel sein sollte, wo immer so viel Chaos regierte, ist jetzt Platz, ich strecke die Arme aus und stoße nirgendwo an, die Geschwindigkeit ist auf ein Minimum gedrosselt, die Langsamkeit kriecht aus meinem Magen die Speiseröhre hinauf und schnürt mir die Kehle zu.

Ich wollte nie wieder brennen, ich wollte nie wieder in Flammen stehen, doch das, was ich immer wollte, ist gleichzeitig das, was ich nicht gebrauchen, nicht benutzen kann. Zu groß ist die Sucht danach, das Messer wieder und wieder in der Wunde umzudrehen, allein, um sich lebendig zu fühlen. Zu groß ist die Sucht nach Schmerzen, nach Feuer und Flammen und sprühenden Funken, die kleine Narben auf der Haut hinterlassen. Zu groß ist die Sucht, das Leben in seiner vollen Bandbreite zu leben, das volle Leben, das beste Leben, das man leben kann.
Als wir uns trafen, war da keine Explosion. Wir prallten geräuschlos aufeinander und begannen gemeinsam zu fallen, langsam, und ließen jede Dramatik vermissen. Seitdem bewegen wir uns in gleicher Geschwindigkeit in unbestimmte Richtung und niemand weiß, wohin die Reise gehen soll. Die innere Ruhe schmeckt fremd und bitter und ich habe das Gefühl, jeden Moment daran zu ersticken. Dickflüssig wie zäher Honig läuft sie mir langsam die Kehle hinunter, während du vor mir stehst und mir durchs Haar streichst. Ich wünschte, du würdest es mit beiden Händen packen und es mir ausreißen, um mich wieder etwas fühlen zu lassen. Stattdessen scheinen mich tausend Hände an Armen und Beinen fest zu halten und jede Bewegung unmöglich zu machen.

Die Ratlosigkeit steht vor uns mitten auf der Straße, sie bläst Seifenblasen in die Luft und stellt so viele Fragen. Wir bleiben vor ihr stehen und betrachten sie argwöhnisch und mit Fragezeichen in den Augen. Niemand sagt ein Wort.  Mit ausgestreckten Fingern wollen wir sie zum Platzen bringen, die Seifenblasen, die Ratlosigkeit, die Fragen, doch wir erreichen sie nicht und sie schweben davon und verschwinden in der Dunkelheit.

Und wenn du es nicht bist, der mich an den Haaren packt, dann ist es die Angst. Sie krallt ihre Finger in meine Kopfhaut und zerrt mich mit sich. Du bleibst einfach stehen, nachdenklich neigst du den Kopf zur Seite und siehst mir nach.  In der Theorie würde ich jederzeit alles wieder ganz genauso machen wie die Male zuvor: Den Sprung kopfüber nach vorne wagen, mich wagemutig zwischen die Zeit und die Ereignisse werden, dem Schicksal davonlaufen, wieder und wieder alles in die Waagschale werfen, um am Ende traurig zu sein. Um am Ende nackt durch die Straßen laufen zu können und meine Wunden und Narben jedem zu zeigen, der sie sehen will oder nicht. Für die Handvoll Emotionen, die dabei herausspringen, würde ich alles tun. Denke ich. Doch jetzt ist doch alles anders. Es war ein langer Weg bis hierher und ich bin nicht sicher, ob ich ihn gehen wollte, doch die Gefühlslosigkeit ist eine Einbahnstraße und kennt keinen Rückwärtsgang. Ausgesprochen klingt das alles so beeindruckend: Ich würde es jederzeit wieder tun. Doch glaub  mir, mein Herz, das würdest du nicht. Du hast dich notdürftig zusammengeflickt, dich selbst mit Folie umwickelt wie einen Koffer auf einem Langstreckenflug, und vorerst darf dich niemand auspacken.

Noch immer laufen wir nachts in der Mitte der Straße, wir frieren, wir sind müde, wir wissen nicht, wer wir sind und was wir wollen und warum. Wir könnten stehenbleiben, uns auf die Straße legen und uns weigern, das Spiel auch nur eine Sekunde länger zu spielen, wir könnten uns voneinander verabschieden, du würdest rechts abbiegen, ich links. Wir würden uns nie mehr wiedersehen und an der übernächsten Kreuzung hättest du meinen und ich deinen Namen vergessen. Doch wir tun es nicht. Wir laufen einfach weiter. Niemand weiß, wohin die Reise geht, aber wir sind entschlossen, es herauszufinden.

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5 Gedanken zu “Air Traffic Control

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