From all the boys, the one I take home is music

-So funktioniert das nicht mit uns, sagst du und legst den linken Zeigefinger an deine Unterlippe.

I would not leave you without a kiss but I guess there must come a time
When there’s no more tears to cry.

Gestern saßen wir nebeneinander auf dem eisigen Boden, um uns herum war es kalt und dunkel und still. Wir froren und zogen uns die Jackenkragen weiter in die blassen Gesichter. Ich widerstand dem Drang, näher an dich heran zu rücken und mein Gesicht in dem Zwischenraum zwischen deiner Schulter und deinem Hals zu vergraben und starrte stattdessen geradeaus auf die Straße. Die Kälte trieb mir die Tränen in die Augen.

I felt like I could just fly
But nothing happened every time I tried

-Was funktioniert nicht? frage ich und kenne die Antwort und fühle, wie sich mein Innerstes zusammenzieht, als müsste ich im nächsten Moment meine gesamten Innereien vor mich auf den Tisch erbrechen. Du würdest mit beiden Händen darin herumwühlen und es würde weh tun. Das tut es doch immer. Eine Hand legt sich um mein Herz, sortiert alle fünf Finger sorgfältig im gleichen Abstand um das weiche Gewebe und drückt dann ganz fest zu. Mit der geballten Faust schlägt sie gegen meinen Brustkorb, ein Mal, zwei Mal, beim dritten Mal ist der Gefühl, im nächsten Moment zu ersticken, allgegenwärtig. Die Beklemmung sitzt fest in meinem Innern und lässt sich auch durch gezielte Schläge nicht auflösen.

My mother said, just keep your head and play as it lays.

Gestern saßen wir nebeneinander und drückten unsere Rücken gegen eine kalte Betonwand. Meine Finger waren vor Kälte eingefroren und umklammerten meine Bierflasche wie einen Rettungsring. Du sagtest kein Wort. Still saßen wir da und warteten. Auf nichts. Und genau das passierte dann auch. Und irgendwann wurde es hell.

I never met a pearl quite like you
Who could shimmer and rot at the same time through

Immer wenn das Chaos im Kopf am größten ist, dann weigere ich mich, das alles einfach so hinzunehmen. Dann möchte ich einen Besen nehmen, einen Putzlappen und einen Eimer mit hochkonzentriertem Essigreiniger, und alles wegwischen, was da langsam auf dem Boden meines Bewusstseins verrottet. Ich stelle einen Schrank mit vielen Schubladen mitten in meinen Kopf und sortiere alles ein, was ich behalten will, alles andere spüle ich die Toilette hinunter. Doch so vieles lässt sich nicht einfach fangen und einordnen, wie ein Vogel schlägt es mit den Flügeln und flattert umher und mir wird schwindelig und ich breche die Aufräumaktion ab.

Full speed, half blind.

Dein Mund verzieht sich zu einem Gähnen, du legst den Kopf auf die Tischplatte, die zwischen uns steht wie ein unfähiger Vermittler, und schläfst ein. Ich sitze da und die Vögel in meinem Kopf schreien und flattern aufgeschreckt umher. Rationales Denken ist keine Option, schon so lange nicht mehr, ich kann mich an das letzte Mal nicht mal erinnern. Stattdessen möchte ich den Arm ausstrecken und meine Hand in deinen Haaren versenken, aber ich tue es nicht. Aus Mangel an Alternativen schalte ich in meinem Kopf das Radio ein, alles, was dort noch fehlerfrei funktioniert, ist die Musik. Was jetzt gespielt wird, wird mich Ewigkeiten lang an dich erinnern, an dich und all die abstrusen Situationen, in denen wir uns so oft wiederfanden, uns wortlos gegenseitig Gesellschaft leisteten, weil keiner von uns etwas zu sagen wusste. Momente, in denen wir redeten und doch niemals das sagten, was eigentlich von Belang gewesen wäre. In denen Schweigen dem Augenblick einen Sinn gegeben hätte.

We gotta get friends in high places, hide behind their plastic faces.

Vielleicht hätten wir immer nur Musik hören sollen, von morgens bis abends, von Anfang an. Musik hätte uns aneinander gefesselt, uns zu Verbündeten gemacht. Überall da, wo Musik ist, wären dann auch wir gewesen. Ich schließe die Augen und will einschlafen und aufwachen, wenn alles vorüber ist. Doch die Musik, hinter der ich dein Gesicht sehe und deine Stimme höre, läuft in Dauerschleife. Immer wenn ich denke, die Erinnerung an dich und mich kann sich nicht noch tiefer in mein Nervensystem fressen und dort Schaden anrichten wie ein bösartiges Virus, überzeugt mich die Musik vom Gegenteil. Ich kann sie weder abschalten noch den Ton herunter drehen. Ich kann nicht und will nicht. Ich will sie bis zum Ende hören, die Erinnerung in meinem Kopf abspielen wie einen Film, immer wieder vor- und zurückspulen, uns beide betrachten wie eine unbeteiligte Zuschauerin, eine Augenzeugin, die im nächsten Moment ihr eigenes Leben weiterlebt und uns sofort vergisst und nur die Musik in ihrem Kopf behält.

And all of the time you thought I was sad
I was trying to remember your name

Denn am Ende läuft es doch immer so: Irgendwann gehen wir weiter, wir können gar nicht anders, als ständig in Bewegung zu bleiben. Wir sehen uns noch einmal um und müssen dann auch schon los, und schon vergessen wir alles, was war. Jedes einzelne Mal. Was bleibt, sind Licht- und Schattenspiele im Kopf, Menschen ohne Namen und Gesichter. Was bleibt, ist die Musik. Alles, was in unserem Kopf gespeichert ist, was krächzend umherflattert und uns nicht loslässt, was wir einfangen wollen, aber nicht können, so sehr wir uns auch bemühen, passt in einen Plattenkoffer. Kleinstteile der Vergangenheit stecken in Schubladen in unserem Kopf und lassen sich nicht entfernen.

No, it don’t mean all that much to us
But we never really had a choice.

Wenn du aufwachst, wirst du den Kopf von der Tischplatte heben, du wirst aufstehen und einfach gehen, vielleicht, ohne etwas zu sagen. Jedes Wort wäre ohnehin überflüssig. Und ich werde hierbleiben und mein Herz wird wie wild pulsieren und sich aus der Umklammerung befreien und dann ganz normal weiterschlagen wie zuvor. Es dauert ein wenig, das tut es immer. In meinem Kopf wird noch immer die Musik  sein. Ich werde sie ganz laut aufdrehen und die Melodie mitsummen, um nicht zu vergessen, wer du bist.

I’m not sorry I met you, I’m not sorry it’s over, I’m not sorry there’s nothing to say.

Eine exklusive I fucked your boyfriend-Playlist zum Mitsummen und zum Sich-erinnern, vielleicht aber auch einfach nur zum Anhören, gibt es heute Abend um 21 Uhr bei quu.fm. Im Lieferumfang enthalten: Ein Gespräch über I fucked your boyfriend und das Leben, außerdem ein paar Leseproben.

den ganzen Text + Playlist gibts hier

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