This must be underwater love

When there is nothing left to burn, you have to set yourself on fire.

(Stars)

Der Moment, in dem Glas auf dem Asphalt aufschlägt, es in tausend Teile zerspringt. Der Moment, in dem Scherben durch die Luft fliegen und das spärliche Licht wie Diamanten reflektieren. Der Moment, in dem sich Flüssigkeit auf der Erde verteilt, sich in den Boden hineinsaugt, einen Fleck hinterlässt, von dem morgen bereits niemand mehr Notiz nehmen wird: Der Moment, in dem ich die Augen öffne und aufwache.

Ich stehe neben mir und sehe mich an. Betrachte mich dabei, wie ich den Arm vom Körper weg strecke, wie er nach vorne schnellt, wie meine Finger den Griff um das Glas lockern und es schließlich loslassen. Sehe ihm bei seinem Flug zu, sehe mir selbst dabei zu, wie ich die Augen zusammenkneife: Der Moment, in dem ich realisiere, was gerade passiert. Der Moment, in dem mein Kopf sich selbstständig macht, in dem der Verstand durch den Hinterausgang verschwindet wie ein zweitklassiger Einbrecher, der Moment, in dem mir die Kontrolle über mich selbst ebenso aus der Hand gleitet wie das Glas, dessen Überreste auf der Straße liegen. Die Flüssigkeit schäumt und verschwindet im Boden, ich möchte es ihr gleichtun und kann nicht. Ich bin eine Massenvernichtungswaffe und habe alles niedergemäht, vor allem mich selbst.

Ich öffne die Augen und wache auf. Der Moment, in dem ich eingreifen konnte, in dem ich die Hand heben und mich an allem hindern konnte, ist vorbei. Die Erkenntnis kam, aber viel zu spät.

Krieg in meinem Kopf: Ohrenbetäubender Lärm bildet eine unüberwindbare Barriere zwischen den Fronten, die es nicht schaffen, endlich anzugreifen. Eine unfähiger als die andere. Das Lazarett ist überfüllt mit unvollständigen Gedanken und Lebensentwürfen, deren Chancen auf Heilung und Wiederherstellung ebenso beschämend niedrig sind wie mein Interesse daran. Ob sie weiterhin am Leben erhalten oder ob die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden, ist nicht von Belang. Alles droht im nächsten Moment zu implodieren. Jemand hat Feuer gelegt, Flammen breiten ihre Arme nach dem letzten Rest meines Verstandes aus. Ich stehe neben mir selbst auf der Straße und brenne.

Ich öffne die Augen und schaue mich an. Ich höre mich schreien, spüre die Wut auf mich und alles um mich herum, augenblicklich fühle ich sie in mir aufsteigen wie Hochwasser im regnerischen Herbst, Land unter und ich kann nichts dagegen tun. Sie ertränkt alles in mir, das Wasser schwappt an die Oberfläche und rinnt aus den Augen auf den Asphalt. Ich stehe auf der Straße und ertrinke.

After the rain comes sun, after the sun comes rain again.

Ich bringe mich selbst nach Hause, lege mich ins Bett und decke mich zu. Gedanken haben mich innerlich ausbrennen lassen und karge Ödnis überall hinterlassen. Und jetzt habe ich mich selbst hier hingelegt und drehe das Messer in der Wunde um, ein ums andere Mal, und kremple mein Innerstes nach außen, lege es neben mich und wühle mit den Händen darin herum, nur um die letzten Gefühle, zu denen ich noch fähig bin, einzusammeln, herauszukratzen wie die letzten Reste Pistazieneis aus dem Eisbecher.

Aber da ist nichts.

Ausgelöscht, ausgeknipst wie eine Nachttischlampe vor dem Schlafengehen. Wo alles kalt ist, kann nichts mehr brennen. Erst stehen wir innendrin derart in Flammen, so dass wir von außen leuchten, dass die Wärme uns umgibt wie ein Schutzfilm. Einen Moment später ist alles kalt und karg. Das Feuer ist gelöscht, das Wasser steigt weiter.

Ich liege neben mir im Eiswasser und speie mit blauen Lippen zitternd Worte in den Raum und versehe sie mit Ausrufezeichen. Der Zenit des Gesprächs ist längst überschritten, ich sollte mich von mir abwenden und mir jedes weitere Wort sparen, doch unaufhaltsam befördere ich weiter Wort um Wort aus meinem Innersten zutage, jedes Wort zu viel, jede Betonung auf der falschen Silbe, jedes Ausrufezeichen übertrieben und fehl am Platz. Jedes Wort lässt den Wasserstand steigen. Die Abzweigung, die sich geboten hatte, um die Situation auf den richtigen Weg zu bringen, ist längst passiert, ohne dass ich auch nur von ihr Notiz genommen habe. Der Moment, der das Fass zum Überlaufen und mich selbst zum Ertrinken bringt, ist so nah, dass ich seinen eisigen Atem im Nacken spüre.

Dieser Moment ist es, in dem sich der Schalter am leichtesten umlegt. Nie war es einfacher. Es bleibt ja sonst nichts, als ganz plötzlich alles anders zu machen. In den Momenten der größten  Ratlosigkeit und Verzweiflung habe ich keine Wahl , als endlich eine Entscheidung zu treffen und sie in Großbuchstaben mit Ausrufezeichen in den Raum zu stellen. Die Entscheidung, die mich brennen und das Wasser verdunsten lässt. Ich ziehe ich mich selbst, die Füße voran, aus dem Sumpf. Ich pumpe mir  das dreckige Wasser aus den Lungenflügeln und strecke die Arme nach dem Leben aus. Es ist nichts da, was mich hält, außer ich selbst.

Ich öffne die Augen, der Wasserstand sinkt. Zwischen den Worten, die ich mir selbst zuflüstere, stehen Ausrufezeichen mitten im Raum in Flammen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “This must be underwater love

  1. Wow! Der Text hat mich berührt, wunderschön.
    Du schaffst es beinahe dass ich fühle was du fühlst in dem Moment.
    Jetzt muss ich dringend „Underwater Love“ hören.

    Danke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s