Wer nicht hören will, muss fühlen

(Bild via)

-Manchmal fühle ich  mich wie der Dreck unter den Fingernägeln der Welt, sagst du.
-Ich mich wie der unter den Fußnägeln, sage ich.
-Immer tun wir uns gegenseitig Dinge an.
-Ich hasse deine Pauschalisierungen.
-Ich weiß. Das sagst du immer.

Feeling used is not what I was looking for.

-Nach allem, was ich für dich getan habe, hast du mir dieses oder jenes angetan.
-Das ist richtig. Was willst du dagegen unternehmen?
-Nichts.
Deine Unterlippe zittert. Das Leben ist keine Gewinn- und Verlustrechnung.

Ein kurzes Aufbäumen gegen die eigenen Gewohnheiten. Gegen das, was uns gefangen hält. Was anfangs cremefarbene Seidenbänder um unsere Hüften und Schultern in Schleifen band, die sich im Lauf der Jahre unbemerkt in Seemannstaue verwandelten und sich uns um den Hals legten, der nun mit Schürfwunden ersten Grades übersät ist. Kurz standen wir auf. Erhoben unsere Stimmen. Versuchten, nicht zu fallen, die Schultern zurückzunehmen und den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Dabei hatten wir nicht nur die falschen Gründe, sondern auch die falschen Waffen gewählt.
Und nun liegen wir wieder brach wie ein unbestelltes Feld, das darauf wartet, bepflanzt zu werden. Dann kehren wir wieder vor unserer alten, eigenen Haustür und zurück in das alte Leben. Wir ordnen uns wieder ein in die alten Bahnen und gehen vom Gas, und links und rechts ziehen in Zeitlupe Landschaften vorbei, blühende Bäume, es sind die gleichen, unter denen wir vor einem Augenblick, einem Atemzug, noch im Gras lagen, das zwischen unseren Zehen kitzelte, als wir uns Geschichten über das Leben erzählten, das uns so gar nichts mehr angehen wollte.

-Now I know I have a heart because it’s breaking, sagst du.
-Übertreib’ nicht, sage ich.

Bei dem Versuch, die Perspektive neu ein-, den Scheinwerfer, der die Szene beleuchtet, neu auszurichten: Im neuen Licht sieht alles immer viel heller und strahlender aus, als sei alles Alte ausgetauscht und durch neue Requisiten ersetzt worden. Sogar die Menschen strahlen. Aber der Scheinwerfer ist schwer. Ihn fest zu halten, kostet Kraft. Meine Fingernägel brechen ab. Ich gebe auf, er schwenkt herum und alles ist wie zuvor. Vor Wut schlage ich auf ihn ein, er kippt nach vorne um. Alles ist dunkel.

-Na los. Jetzt zieh‘ schon endlich das Kaninchen aus dem Hut.
-Für dich ziehe ich höchstens ein Suppenhuhn aus einer Pudelmütze.

Warnschüsse. Eins, zwei, drei. Verhallen ungehört im Nirgendwo. Wer nicht hören will, muss fühlen, hat meine Oma immer gesagt und ist dennoch bei dem Geräusch, das meine Handfläche auf der heißen Herdplatte verursacht hat, zusammengezuckt. Fünf Jahre war ich alt, ein kleines Mädchen mit langen blonden Haaren, das seine Erfahrungen schon damals auf die harte Tour machte.
-Ein Mal habe ich mich sogar selbst in Brand gesteckt, sage ich.
-Das machst du doch auch heute noch ständig.

Manchmal scheint das Schwindelgefühl auf den ganzen Raum überzugreifen. Ich laufe und der Boden entzieht sich meinen Füßen, aber das macht nichts, denn ich schwebe anyway. Plötzlich fühle ich mich so leicht. Losgelassen werden ist fallen gelassen werden. Doch ob ich lerne zu fliegen oder mich zwei Sekunden später in meine Einzelteile zerlegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße wiederfinde, ist meine Entscheidung. Es ist ganz leicht. Befehl an mich selbst: Entscheide dich jetzt! Meine Entscheidung hat einschneidende Auswirkungen auf die Atmosphäre, die Erdanziehungskraft, die bisherige Ordnung der Welt. Ich hole keine zweite Meinung ein, ich kümmere mich nicht um andere. Nicht um die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein Faustschlag ins Gesicht. Wir wollen sie nicht, aber manchmal ist sie vielleicht notwendig. Der letzte Ausweg. Ich will sie nicht hören und rechne nicht damit, mit ihr konfrontiert zu werden, und dennoch geschieht es und ich kann mich nicht wehren.  Durch den überraschend einsetzenden Schmerz erwache ich aus dem komatösen Traum, entfliehe der Parallelwelt und schwebe in die Realität. Falle. Entscheide mich für fliegen oder weiter fallen.

Die Wahrheit ist eine Handgranate. Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Die Realität dringt immer nur unter Anwendung roher Gewalt in mein Bewusstsein.

3 Gedanken zu “Wer nicht hören will, muss fühlen

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