Little cream soda

Don’t wait for the sun
Your story’s been spun
These boys, they just wanna have fun
But your damage is done.

(Editors)

Im Regen tapsen wir barfüßig durch die Straßen, wie Kinder springen wir mit beiden Füßen in die größten Pfützen.

Die Luft riecht so dreckig, sagst du.

Das ist nicht die Luft, sage ich. Das sind wir.

Die Menschen haben Schirme aufgespannt und machen traurige Gesichter. Wir hüpfen vor ihnen die Straße entlang.

Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z.B. Fische in einem Aquarium?*

In einer absoluten Welt, sagst du, da wüssten wir, was los ist. Was wir wollen. Wen wir wollen und wen nicht. Da gäbe es keine schnulzigen Liebeslieder, weil alles, was in ihnen besungen wird, in der Realität Platz genommen hätte, nicht in der Zuschauerreihe, sondern als Hauptdarsteller auf der Bühne. Oder als Kulisse. Auf jeden Fall als Hauptbestandteil des Stücks.

Können Sie sich erinnern, seit welchem Lebensjahr es Ihnen selbstverständlich ist, dass Ihnen etwas gehört, beziehungsweise nicht gehört?

Wie viele Dinge gibt es im Leben, die dir wichtig sind? frage ich. Zähle auf! Zähle sie an den Fingern ab und gib ihnen Nummern!

Wie viele? Stell sie in eine Reihe, stell sie nebeneinander auf wie Zinnsoldaten, gib ihnen Namen! Wie viele? Wie heißen sie?

Du hebst die Hände, bewegst die Finger und beginnst aufzuzählen.

Liebe, Geld, Arbeit, Pistazieneis.

Kaffee, Bier, Erdbeertorte mit Sahne.

Telefon, Fernseher, Internet. Musik, Bücher, Filme.

Ein Kinderspiel: Ich packe mein Leben und nehme mit: Bitte vervollständigen. Stichwörter genügen.

Wer hat Sie den Unterschied gelehrt zwischen Eigentum, das sich verbraucht, und Eigentum, das sich vermehrt, oder hat Sie das niemand gelehrt?

Du hast das Prinzip nicht verstanden, befürchte ich.

Das Leben ist keine Aufzählung der liebsten Eissorten. Man kann nicht immer frei aus allem wählen, was da in der Auslage liegt. Manche Sorten passen nicht zusammen, manche sind ganz schnell vergriffen, manche schmelzen in der Mittagssonne schneller als andere. Mehr als fünf Kugeln passen nicht in eine Waffel. Die unterste lässt sich nicht mehr entfernen, ohne die anderen vorher aufzuessen.

Und wenn doch? fragst du und bewegst immer noch deine Finger, als würdest du zählen. Vielleicht können wir uns alles aussuchen, was wir wollen, es macht nur nie jemand. Mach die Augen zu und nimm, was du willst. Ist doch dein Leben. Du kannst einpacken und mitnehmen, was du magst. Alles, was du mit den Händen greifen kannst, kann dir gehören.

Kennen Sie Freundschaft mit Frauen:

  • Vor Geschlechtsverkehr?
  • Nach Geschlechtsverkehr?
  • Ohne Geschlechtsverkehr?

Du greifst nach meiner Hand. Allein, um ein Exempel zu statuieren, ziehe ich sie weg.

Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?

Da kommt die Sonne wieder, sage ich und deute nach draußen. Lass uns ein Eis essen gehen.

Tun Ihnen die Frauen leid?

The killer in you is the killer in me, sagst du.

Umgekehrt, sage ich.

Welche Rolle spielt das? fragst du.

Wie reden Sie über verlorene Freunde?

Es gehört uns nichts für immer. Wir packen es ein und wieder aus und dann ist es weg. Nach ein paar Waschgängen ist es verzogen, es passt nicht mehr und die Farben sind verblasst und wir werfen es weg. Vielleicht verlieren wir es auch, jemand nimmt es uns weg oder wir verschenken es, weil wir es nicht mehr wertschätzen. Nicht mehr brauchen.

Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Mein Herz ist plötzlich so schwer. Es fühlt sich an wie schwer verwundet. Wie es sich eben fühlt, wenn es stundenlang getanzt hat und nun erschöpft und ernüchtert daliegt.

Die besten Momente im Leben sind so kurz: Man will mit den Händen nach ihnen greifen, doch sie lassen sich nicht fangen. Es kommt immer viel zu spät, das Gefühl, etwas Großartiges erlebt zu haben. Die Erkenntnis kommt langsam, schleichend, und setzt sich wie mit einem überdimensionalen Saugnapf im Kopf fest. Und dann sind da diese Erinnerungen: die einem auf der Nase herumtanzen, die sich nicht festhalten und keine Namen geben lassen wollen.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Ich will nicht diese Erinnerungen verlieren. Sie hinterließe ein Vakuum in meinem Kopf, einen Raum, der alles verschluckt, das ihm zu nahe kommt. Remember the night. Ich will es nicht loslassen, das Bild von dir und mir. Ich nehme es an mich und balle die Hände zu Fäusten, es darf nicht entwischen. Die Bilder in meinem Kopf manifestieren sich zu täglichen Gewohnheiten, mehrmals am Tag wird eine Dosis Erinnerung aus der Verpackung gewickelt und ohne Flüssigkeit eingenommen. Sie liegt trocken auf der Zunge und will sich nicht bewegen, beim Versuch, zu schlucken, bekomme ich einen Hustenanfall, dann ist sie weg. Es dauert nur eine Sekunde, dann ist alles vorbei. Hat ja gar nicht weh getan. Der Schmerz kommt erst viel später. Dann, wenn man realisiert, dass man nicht immer so weitermachen kann. Dass die Erinnerung jetzt noch ganz frisch ist, so wie ein Strauß Schnittblumen, an dem man sich nur eine begrenzte Anzahl von Tagen, beglückt von soviel Blüte und Frische und Jugendlichkeit, erfreuen kann. Irgendwann ist das Wasser in der Vase trüb und braun und übelriechend und die Blumen beginnen erst zu welken und dann zu verfaulen. Dann wirft man sie weg. Man kann die Zeit nicht anhalten. Man kann sie nicht zurückdrehen oder schneller laufen lassen, sie läuft unbeirrt im gleichen Tempo immer geradeaus.

Sind Sie sich selber ein Freund?

Ich versuche die Erinnerung haltbar zu machen, indem ich sie so oft abrufe, bis mir schwindelig wird und ich die Anwesenheit der realen Welt nicht mehr bemerke. Zwischendurch wache ich aus meiner Lethargie auf und sehe mich um und nehme mit Erstaunen zur Kenntnis, dass die Welt um mich herum noch immer ist wie zuvor, doch durch die geistige Entfernung von der Wirklichkeit erscheint alles anders auszusehen als früher, seltsam fremd und unbewohnt. Ich wende den Blick ab und begebe mich in die Erinnerung zurück, bis mich das nächste Mal ein beliebiges Ereignis auf den unebenen Boden der Tatsachen zurückholt. So lange sind die Erinnerung und ich eins, jeden einzelnen Moment, der noch greifbar ist, leben wir aus.

Ich gehe aus der Tür. Du bleibst sitzen und schaust noch immer auf deine Hände und packst dein Leben in die Zwischenräume zwischen deinen Fingern.

Die Luft ist kühl und ich krame meine Jacke aus der Tasche und ziehe sie an.

Mein Herz klopft.

Sind Sie sicher, dass sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

*alle kursiv gedruckten Fragen aus Max Frisch: Fragebogen


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