Don’t fuck the drummer.

You messed with the wrong girl.

(Bild (und Inspiration) via)

In kurzen Hosen steht er am geöffneten Fenster und schnippt in regelmäßigen Abständen Zigarettenstummel hinunter auf die Straße. Er sieht ihnen nach, wie sie fallen. Langsam, fast schwebend. Der Aufprall auf dem Asphalt tut bestimmt nicht weh. Kippenreste haben keine Schmerzen.

Menschen schon.

Ich sitze mit verknoteten Beinen auf dem Esstisch, vor mir ein Stapel weißer Blätter, in meiner Hand ein Bleistift. Ich versuche ihn zu zeichnen, doch er bewegt sich zu viel. Die Hitze des Raums schaukelt in schwankenden Bewegungen hin und her, mal erfasst sie mich, dann lässt sie mich kurz los, lässt mich aufatmen, wiegt mich in der naiven Hoffnung, sie sei gänzlich verschwunden, nur um mich gleich darauf wieder hinterrücks anzufallen und zu überwältigen.  Entkommen – keine Chance.

Er steht immer noch da. Bewegt sich immer noch zu viel. Schnippt schon wieder. Sieht herunter auf die Straße. Versucht der Hitze des Raums durch Bewegung zu entwischen, doch das Gegenteil ist der Fall.

Gestern um diese Zeit standen wir vollbepackt mit Obst, Gemüse, Brot und einer Familienpackung Froot Loops an der Kasse an. Ein strohblonder Pferdeschwanz fünf Meter vor uns. Obst, Gemüse, Dosentomaten, Magerquark.
-Oh je, hat er geflüstert und seinen Oberkörper unauffällig in meine Richtung gewandt. Der Pferdeschwanz hörte seine Stimme und drehte sich zu uns um. Ich lächelte in das hübscheste Gesicht, das ich seit langem gesehen hatte, und begann dann, mich intensiv mit den Ernährungshinweisen auf der Froot Loops -Packung zu beschäftigen. Die Ernährungspyramide: Ganz unten, wo die Pyramide am breitesten ist, Brot und Nudeln, oben in der Spitze ein Eis in einer Waffel und ein Stück Erdbeertorte. Davon bitte nur ganz wenig, sonst weint die Waage. Wie im richtigen Leben: Entgegen weit verbreiteter Gerüchte sind die besten Dinge im Leben nicht umsonst. Wohl eher streng limitiert und im Übermaß ungesund.

Er stand da wie versteinert. Wartend. Der Pferdeschwanz bekam glasige Augen und drehte sich zurück. Als wir den Laden verließen, war er weg.

-Was war da los? wollte ich wissen, die Froot Loops ungeschickt unter den Arm geklemmt.

-Ficken ohne Freundschaft, hat er gesagt und dabei die Augen verdreht. Weißt ja, wie das ist.

Ich habe genickt. Dabei sind mir die Froot Loops aus dem Arm gerutscht und haben sich auf der harten Straße ein paar unschöne Dellen eingehandelt. Eigentlich weiß ich nicht, wie das ist, aber in diesem Moment erschien mir übertriebene Ehrlichkeit unangemessen.

Die Sonne auf dem weißen Papier vor mir wird mich innerhalb der nächsten Minuten erblinden lassen, davon bin ich überzeugt. Kurz bevor es zu spät ist, macht er am Fenster einen Schritt zur Seite und wirft seinen Schatten in mein Gesicht. So rettet er mein Augenlicht und merkt es nicht einmal.

Erneut setze ich den Bleistift auf dem Papier an. Noch bevor auch nur im Entferntesten erkennbar ist, was ich vorhabe darzustellen, dreht er sich ruckartig zu mir um.

-Was ist das Problem mit euch Frauen?

Ich schaue nicht zu ihm hin, sondern bewege den Bleistift auf dem Papier hin und her. Gebe keine Antwort. Habe gar keine Antwort, die ich ihm anbieten könnte. Nach und nach färbt sich das Papier vollständig grau. Die Bleistiftstriche werden langsam dicker und weicher. Außer Farbe hinterlassen sie Druckspuren auf dem Papier, die sich nicht mehr entfernen lassen werden, so viel man auch radiert. Als ich mit den Gedanken abschweife, male ich über den Rand hinaus auf den Tisch.

Gestern war die Hitze noch unerträglicher. Wir liefen die Straße entlang, ich balancierte mit der vom Fall schon ein wenig geschändeten Froot Loops-Packung in der einen, einer wegen Überfüllung zum Zerreißen gespannten Einkaufstüte in der anderen Hand auf dem Bordstein des Gehwegs. In ausgelatschten Turnschuhen lief er, mit Einkaufstüten vollbepackt wie ein Esel, vor mir her, die Haare in seinem Nacken waren ein bisschen nass, auf der Haut hatten sich Schweißperlen gebildet. Ich stellte mir vor, dass sich zwischen seinem Rücken und seinem schwarzen Shirt eine Schweißschicht gebildet hatte. Unangenehm, aber Vorstellungskraft ist kein Ponyhof. Noch zwei Straßen bis zuhause. Nur keine Eile. Der Spinat friert, richtig aufbewahrt, schon irgendwann wieder ein. Wir überlegten, uns einfach dazu zu legen, ins Eisfach, und dort abzuwarten, bis die Hitze die Heimreise in ein fernes Land antritt.

An der Ecke plötzlich wieder das hübsche Gesicht mit dem strohblonden Pferdeschwanz. Abrupt blieb er stehen, ich schaffte es gerade noch, zu bremsen, ohne dabei vom Bordstein zu stürzen. Unübersehbar jetzt die Tränen in den hübschen Augen im hübschen Gesicht, der Schönheit taten sie keinen Abbruch. Ohne große Worte, dafür aber mit eindeutigen Bezeichnungen, die keine Fragen offen, vor allem aber keinen Zweifel an ihrer Meinung ihm gegenüber ließen, landete ihre, zweifellos schöne, Hand in seinem Gesicht, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Der Inhalt einer Packung Magerquark landete formschön auf seinem Kopf und verteilte sich unregelmäßig in den seinen Haaren und auf seinem schwarzen Shirt. Die Einkaufstüten gingen erledigt zu Boden, ihr Inhalt rollte über die Straße wie auf der Flucht. Zwei Äpfel und ein Becher Joghurt wurden von einem vorbeifahrenden Auto erfasst, womit ihr Versuch, zu entkommen ein jähes Ende fand.

Als das Papier beginnt, sich zu wellen, schaue ich zu ihm auf. Der lila Schatten unter seinem linken Auge steht ihm hervorragend. Nur mit dem Bleistift hätte ich die Metaebene des Porträts ohnehin niemals zur Geltung bringen können. Ich nehme das Blatt in die Hand, forme eine Kugel daraus und werfe. Ich verfehle ihn nur knapp.

-Vielleicht ist Ficken ohne Freundschaft das Problem. Aus einem zweiten Blatt beginne ich, einen Papierflieger zu basteln.

-Aber das ist nur so eine vage Vermutung.

Er sagt nichts und schaut wieder hinaus. Von meinem Platz aus lasse ich den Papierflieger durchs Fenster segeln. Sicherlich kommt er leicht und ohne Schmerzen irgendwo am Boden auf. Er ist ja auch kein Mensch.

3 Gedanken zu “Don’t fuck the drummer.

  1. Hey,
    ich lese regelmäßig (und eher passiv) deinen blog, und da ich ihn und durch ihn dich, sympathisch finde, würde es mich sehr freuen, wenn du mal auf meinem nun neu erstellten musikblog vorbeischaust, ich kann mir vorstellen, dass es deinen geschmack treffen könnte…

    viele grüße
    lina

  2. Vielen Dank fürs Vorbeischauen und „kommenten“ Leider wurde der Kommentar irgendwie verschluckt, das mag an meiner Unfähigkeit liegen, aber ich appreciate it vielmals!!!🙂

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