Erase and rewind.

Sunday morning when the rain begins to fall
I’ve got the cure for it all

(Hole)

Und manchmal ziehen sich die Tage wie Kaugummi. Die Stunden, die Minuten. Die Gewohnheiten. Man tritt darauf und sie bleiben am Schuh kleben und man trägt sie eine Zeit lang mit sich herum. Irgendwann werden sie alt und hart und fallen ab. Und das Stück Schuhsohle darunter ist umso jünger. Man wartet auf diesen Moment, in dem man nicht mehr dieses Gefühl spürt, mit jedem Schritt am Boden kleben zu bleiben. Manchmal fühlt es sich so an, als würde er niemals kommen.

So vieles müsste ich machen, und doch tue ich nichts. Stumm sitze ich da und starre auf meine Finger, die im Takt des Kühlschrankrauschens auf der Tischplatte ein Trommelkonzert veranstalten.

Du stehst draußen im Regen vor der Tür und klopfst. Ich lasse dich nicht herein und finde das originell.

Beim letzten Mal, da war es noch umgekehrt. Da drückte ich mir die Fingerkuppe auf dem Klingelknopf platt, über dem dein Name stand. Du warst nicht da, oder warst es doch und hieltest die Handflächen auf die Ohren gepresst, um das Klingeln abzuwehren.

Aber die Schuhsohle ist jetzt sauber. Diese Art von Weltordnung, die Welt in dieser Form, wie du sie kanntest und schätzen lerntest, ist dahin. Die blauen Augen sind geschlossen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt. Ich summe eine Melodie vor mich hin und lege den Kopf auf den Tisch und muss lachen.

Es ist noch nicht lange her, da warst du noch hier. Mitten in der Nacht hast du angerufen und mich aus dem Schlaf geholt und gesagt: Ich komme jetzt vorbei. Es ist wichtig. Du kamst vorbei und es war nicht wichtig. Es war nicht schön. Ich habe mich nicht gefreut, dich zu sehen. Doch deine Anwesenheit war so normal, so gewöhnlich, und doch so selten, dass ich unangenehm dankbar dafür war. Du bist hereingestürmt, hast dich ausgezogen und in mein Bett gelegt und kein Wort mehr gesagt. Morgens bist du aufgestanden und gegangen und ich habe dir nachgesehen und mich gefühlt, als hättest du mit meinem Körper den Boden aufgewischt und ihn anschließend zusammengeknüllt in der Ecke liegen gelassen. Draußen regnete es. Ich trank Kaffee und wartete auf das Klingeln des Telefons. Aber der Raum spuckte keine Geräusche aus. Wartend kratzte ich den Nagellack von meinen Fingernägeln und die oberste Hautschicht von meinem Oberschenkel und zeichnete Blumen auf ein Blatt Papier. Die ganze Zeit warst du überall. Dein Gesicht in meinem Kopf, deine Stimme im Radio, dein Name in jedem Blütenblatt, das ich zeichnete. Ich stellte mich ans Fenster und überlegte, was es wohl war, das mich an dir fesselte. Eine Ewigkeit lang habe ich überlegt, und am Ende hatte ich keine Antwort und entschied, wie ich entscheiden musste. Ein Mal nur rational sein, nur dieses eine Mal. Ein Mal nicht denken: Lass das Herz entscheiden, denn es weiß es besser. Das tut es nämlich nicht. Es weiß gar nichts, es lernt auch nicht dazu und verschließt die Augen konsequent vor der Realität. Ein Mal etwas nicht tun, einfach nur, weil man weiß, am Ende wird man froh sein, es gelassen zu haben. Und wenn es noch so schwer fällt. Nur dieses eine Mal.

Dann trat ich aus der Tür und die Sonne schien, als wolle sie mich zu meiner Entscheidung beglückwünschen. Ich überquerte die Straße und fühlte mich, als würde ich schweben. Ich setzte mich in ein Café und verbrachte lesend meine Zeit bis zum Abend und nirgendwo warst du. Nicht auf der Straße, nicht im Café, nicht in der Zeitung, nicht in meinem Kopf. Wie ausgelöscht. Als habe es dich nie gegeben. Ich wartete nicht auf deinen Anruf und suchte dein Gesicht nicht in einer Menge von Menschen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie leicht es war, Kaugummi von der Schuhsohle zu entfernen.

Ich spazierte leichtfüßig durch die Straßen und kam spät nachts nach Hause und schlief ruhig ein, ohne von dir zu träumen. Als ich morgens erwachte, galt mein erster Gedanke nicht dir. Auch nicht der zweite und dritte und vierte.

Dann klopfte es an der Tür.

Und da stehst du jetzt also. Und wunderst dich. Es ist noch hell draußen und ich habe keine Ahnung, warum du jetzt hier bist. Was du von mir willst und wer du bist. Warum du genau an dem Tag auf mich aufmerksam wurdest, als ich begann, dich aus meinem Leben zu löschen und warum du seitdem jeden Tag anrufst und Blumen schickst und vor meiner Tür stehst wie jemand, der Spenden für den Wanderzirkus sammelt. Fragen, die ich mir nicht stelle. Ich weiß nicht, ob dein Ego es nicht ertragen kann, wenn ich dich aus meinem Leben streiche. Ich kenne dich nicht und es kümmert mich nicht weiter.

Ein fremder Mensch steht vor meiner Tür und klopft und ruft meinen Namen. Ich weiß nicht, woher er ihn kennt.

Als ich ans Fenster trete und hinausschaue, sehe ich dich die Straße hinunter gehen. Pass auf und tritt nicht in Kaugummi, könnte ich dir raten. Aber ich winke dir nur hinterher und finde das originell.

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