Kill me. The Queen.

I explained why I would much rather be ’the other woman’ than the girlfriend who constantly gets fucked over.

(via)

Sie steht da und knetet mit den Fingern ihrer linken Hand die Finger ihrer rechten Hand und umgekehrt. Ich glaube, ich komme nicht mit, sagt sie und blickt zu Boden, dorthin, wo ihre nackten Füße sich wie Saugnäpfe auf die kalten Fliesen pressen.

Er tritt ohne Geduld von einem Bein aufs andere und richtet den Blick gen Himmel. Dann bleib doch da. Dann dreht er sich um und läuft los. Sie bleibt zurück und schafft es nicht aus eigener Kraft, die Saugnäpfe vom Boden zu heben. Die Finger haben sich ineinander verhakt und ergeben ein heilloses Durcheinander. Jemand wird ihr helfen müssen, sie wieder zu entknoten. So schaut sie ihm hinterher. Wie er läuft, wie ein Fußballer in der Halbzeitpause auf dem Weg zur Kabine. Ein Fußballer, der in der ersten Halbzeit so schlecht gespielt hat, dass er bereits jetzt weiß, dass er heute nicht auf den Platz zurück kehren wird. Wie er sie ignoriert. Auch wenn er ihr den Rücken zudreht, weiß sie um seinen ignoranten Gesichtsausdruck, für den sie ihm jedes Mal eine verpassen müsste. Wenn sie könnte. Wenn sie nur wollte. Sie muss nicht lange darüber nachdenken, um zu wissen: Er ignoriert sie permanent. Manchmal muss er das. Wenn zu viele Menschen um sie herum sind, weiß sie ganz genau: Er gehört ihr nicht. Er hat ihr nie gehört und wird ihr nie gehören. Sie gehört nicht zu ihm und er nicht zu ihr und vor ihnen liegt keine Zukunft, ebenso wenig existiert eine gemeinsame Vergangenheit und nur ganz selten stehen sie einer flächendeckenden Gegenwart, die sie beide, ihn und sie, gemeinsam abbildet, gegenüber.

Da sind immer nur diese Momente. Diese Augenblicke, nicht länger als das Blitzlicht einer Digitalkamera. Und diese Momente gehören dann ihnen, aber sie fühlen sich an wie gestohlen. Mal einer hier, mal einer da. Dann subtrahieren sie sich selbst von allem, was passiert, von allem, das den Moment umrandet, und stehen als Nebenrechnung am Blattrand oder auf einem gesonderten Stück Papier, das am Ende ohnehin im Mülleimer entsorgt wird, das man wegwirft, ohne einen Blick mehr darauf zu werfen.

So sieht sie nun zu, wie er geht, und der gerade noch gelebte Moment, den sie in den Händen hielten und nicht großspurig herumzeigten, sondern als gut gehütetes Geheimnis für sich behielten, verblasst und verschwindet. Welchen Unterschied für die Zukunft macht es, ob sie sich nun bewegt oder nicht, ob sie stehenbleibt und hier festwächst oder im nächsten Augenblick losrennt und auf den nassen Fliesen ausrutscht und sich den Kopf aufschlägt, und der Augenblick des Aufschlags den Boden mit ihrem Blut besudelt? Einige Sekunden lang denkt sie über die Möglichkeit nach, es einfach auszuprobieren. Was wäre schon dabei?

Also kommst du jetzt? Da steht er plötzlich wieder vor ihr, ganz nah, und streckt seine Nase in ihr Gesicht. Wie er wieder hier hergekommen ist, kann sie nicht sagen. Das Gehirn weigert sich, Informationen über die letzten Sekunden herauszugeben. Streng vertraulich! Weg geschlossen und mit vertrauenswürdiger Brieftaube weitergeschickt.

Seine Hände legen sich um ihre Handgelenke und ziehen die Fingerknoten auseinander wie Käsefäden auf Lasagne, immer länger werden sie, erst, als es gar nicht mehr anders geht, trennen sie sich, die Finger baumeln lose an den Händen herab. Er schiebt seine Finger zwischen ihre und zieht ihre blassen Arme nach vorne.

Na los.

Die Füße lösen sich nacheinander vom Boden, es geht ganz leicht.

Das Wasser ist so kalt, überall spreizen sich feine Haare so weit vom Körper ab, wie es nur geht, die Gedanken erstarren, wie in Eiswasser gekühlt, wie eine Eidechse im Schnee bleibt alles  stehen und liegen und so tut es auch die Zeit. Niemand bewegt sich, alles bleibt da, wo es ist, und bitte nicht vom Beckenrand springen.

Er blickt über die Schulter zurück und wartet, und da ist nun auch die Geduld, die vorhin nicht da war. Sein Blick sagt so vieles, das sie gar nicht wissen will, und er wendet ihn ab, wie immer, wenn der Moment die Arme zu weit in Richtung Unendlichkeit ausstreckt.

So take what you want from me. You deserve it all.

Manchmal, da erzählt sie Geschichten von früher, sie erzählt sie so, als gingen sie sie gar nichts mehr an. Und, weißt du noch, damals…? Als hätte sie sich von der Vergangenheit gelöst und die Gegenwart vollständig in sich aufgesogen. Kein Platz mehr frei für the past. Immer so, als sei sie niemals involviert gewesen in Dinge, die mal waren. Denn die Erinnerung daran tut manchmal innendrin so weh, dass sie es kaum aushält. Also nimmt sie sie heraus, sie hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtet sie mit der Distanz des ausgestreckten Arms. Aber manchmal, da tut innendrin alles weh, und wenn man das alles herausnimmt, ist ganz plötzlich nichts mehr übrig.

Sie betrachtet die vielen ineinander greifenden Farben auf seinem Nacken, als er den Kopf zurückdreht und vollständig ins Wasser eintaucht, bis er verschwunden ist. Eigentlich wollte sie niemals einen von diesen Tattoo-Heinis. Eigentlich wollte sie niemanden, der ihr diese Blicke schenkt, die Blicke, die das aussagen, von dem sie niemals wollte, dass es jemand von ihr denkt. Eigentlich wollte sie immer etwas ganz anderes. Aber eigentlich kann man sich das manchmal einfach nicht aussuchen.

Die grelle Sonne spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Sie kneift die Augen zusammen und fühlt zum ersten Mal heute die Wärme auf ihrer Haut, die die obersten Hautschichten verbrennt. Für einen kurzen Moment raubt ihr die Hitze den Atem, sie hält die Luft an und kneift die Augen fest zusammen und taucht Kopf und Körper ins klare Wasser. Die Geräusche um sie herum verstummen, es ist still und dunkel und kalt und alles ist nach nur wenigen Sekunden bereits wieder vorbei. Sie schafft es nie, länger unter zu tauchen. Einfach mal eine halbe Stunde unter Wasser bleiben, die Realität ausschalten. Pause vom Leben, eine Verschnaufpause, die aber keine sein kann, weil sich das Verschnaufen unter Wasser schwierig gestaltet. Aber was würde das schon ausmachen.

Das Chlorwasser brennt in ihrem Gesicht, als sie auftaucht. Die Sonne ist noch da, die Hitze sofort wieder präsent, alle Gedanken wie gehorsame Soldaten zurückbeordert an ihren Platz. Sie dreht den Kopf erst nach links, dann nach rechts.

Er ist verschwunden.

Er ist nicht mehr da.

Vielleicht war er es nie.

Sie hält die Luft an und taucht unter.

Advertisements

3 Gedanken zu “Kill me. The Queen.

  1. Haha, ich sag doch scho immer, dass Wirtschaft genau mein Ding isch und dass ich mich unter den Leuten pudelwohl fühlen werde 😀
    Naja, zumindest optisch. Ich habe ja das Gefühl, die meisten tragen Scheuklappen. Aber lassen wir uns überraschen.

  2. Aah, warst du die mit dem hellen Kleid? Ich dachte, du waerst eine andere Bloggerin. Und weil du dich so oft umgedreht hast und mich angelacht hast, dachte ich, ich kenne dich irgendwo her :-D!
    Ist ja lustig :-).
    Bei den Videos habe ich Varia und bei den Kurzfilme Superfinn (wobei ich da so meine Schwierigkeiten hatte – Bitte warten Sie! und Suizid S. war auch cool).

    Bei der Party war ich leider nicht mehr, mein Freund musste heute frueh raus :-/. War aber wirklich sehr leer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s