When you’re invisible

Now that I know
The way it goes
You’ve gotta pay back every penny that you owe

(Devendra Banhart)

Wenn ich sage: Gehen wir ein bisschen raus? Dann meine ich das vielleicht nicht so wörtlich. Ich ziehe mit dem linken Zeigefinger Muster in den Zucker.

Wir sitzen am Tisch und vor uns stehen weiße Teller mit Krümeln und Marmeladenflecken. Ich starre auf die Muster wie auf einen Rorschachtest und versuche zu bestehen. Alte oder junge Frau? Du sitzt da und gibst dich nicht zu erkennen, versteckst dich hinter einer Zeitung wie ein Geheimagent. Aber kein sonderlich guter: Du hast vergessen, Löcher für die Augen in den Wirtschaftsteil hinein zu schneiden. Oder willst du mich etwa gar nicht beobachten? Ich lege die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände und gebe Laute der Verzweiflung von mir. Gleich sterbe ich vor Langeweile. Sie treibt nicht nur seltsame Blüten, sondern bisweilen auch  mich in die Arme des Wahnsinns. Da steht er und wartet darauf, dass ich auf ihn zulaufe und er mich gefangen nehmen kann. Die auf dem Tisch herumliegenden Messer lachen mich an. Ich möchte eines in die Hand nehmen und in die Zeitung stechen und Wetten darüber abschließen, ob ich dein linkes oder dein rechtes Auge treffe.

-Du brauchst einen verdammt guten Therapeuten, hast du einmal zu mir gesagt.

Ich schlug dir mit der Faust ins Gesicht. Deine Lippe platzte auf, unten genau in der Mitte, wo deine Zähne so gewachsen sind, dass sie eine kleine Lücke lassen, durch die es sich prima pfeifen lässt. Das Blut rann dein Kinn hinab und fiel ins Leere, fiel so lange, bis es auf dein blütenweißes Hemd traf, das nun nicht mehr blütenweiß war. Und auch nie wieder wurde.

Du sahst mich nur fassungslos an, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Ich weiß nicht, ob vor Schmerzen oder vor Verwunderung. Aber wenigstens hast du mich angesehen. Und kein Wort gesagt.

Vielleicht hattest du nicht Unrecht. Als ich die Geschichte Jahre später meinem Therapeuten erzählte, lachte er nur.

-Mir ist nicht so gut, sagst du und raschelst mit dem Papier. Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Gewaltphantasien sind nichts Schönes. Ich möchte dir die Zeitung aus den Händen reißen und sie zu kleinen Papierschnipseln verarbeiten. Und dabei schreie ich dann, ich schreie so laut ich nur kann, und wie ich mich kenne, weine ich dabei, denn ohne Weinen geht gar nichts. Weinen ist so Neunzehnhundertneunundneunzig bis Zweitausendzehn. Und noch darüber hinaus.

Ich frage mich, ob du mich dann bemerken würdest. Du würdest wahrscheinlich kurz aufsehen und feststellen, dass die Zeitung unlesbar geworden ist. Dann würdest du aufstehen und den Raum verlassen, ohne den Tisch abzuräumen, und die Tür hinter dir abschließen.

Ein anderes Mal hast du gesagt: Ich frage mich, ob es normal für dich ist, zu lügen. Anstatt dich zu fragen, ob du deinen Verstand nun vollständig verloren hast, habe ich angefangen zu weinen. Ohne Weinen geht gar nichts. Die Tränen sind manchmal einfach da, man weiß nicht, woher sie kommen, aber danach fragt dann auch keiner, schon gar nicht du. Stattdessen fragst du dich andere Dinge. Ob mich in meiner Kindheit denn einmal jemand misshandelt hätte, denn so wie ich bin, so ist man doch nicht einfach so.

Aus purer Langeweile heraus schmücke ich Belanglosigkeiten bis zur Unkenntlichkeit aus, so dass sie einen gewissen Unterhaltungs-, quasi einen Erzählenswert bekommen. Um Banalitäten des Alltags lege ich solange viele Meter lange Ranken bunter Blumen, bis sie vor lauter Farben und Schönheit kaum noch als solche zu erkennen sind. Ich sitze in einem mit rotem Samt ausgeschlagenen Ohrensessel, in bunte Gewänder gekleidet und mit Schleifchen im Haar, und lese Geschichten aus einem großen pink eingebundenen Buch vor.

Keine Ahnung, ob ich misshandelt wurde oder nicht. Ich weiß nicht, ob es normal für mich ist, zu lügen. Ich weiß gar nicht, was normal ist, oder wie andere sind, oder ob misshandelte Kinder immer lügen und alle anderen immer die Wahrheit sagen. An der Stelle, an der normale Kinder vielleicht einfach eine Antwort geben, lehne ich mich mit dem Rücken an die Wand und schlage den Hinterkopf gegen die Raufasertapete, bis sich meine Haare zu kleinen Nestern verknoten.

Ich leere die Zuckerdose auf meinem Teller aus und verteile Erdnussbutterkleckse darauf. Du bemerkst es nicht, die Zeitung bildet eine Barriere zwischen uns, aber selbst ohne sie würdest du dir die größte Mühe geben, keine Notiz von mir zu nehmen. Wenn wir uns in einem Jahr wieder treffen, sind wir uns fremd. Ich bin keine Hellseherin und weiß es trotzdem. Dann stehst du in der Tür und siehst mich die Treppe hinaufkommen und stehst so da wie immer, hinter einer Wand aus Glas. Kein verspiegeltes Brillenglas mit Lotuseffekt, an dem Schmutz einfach abperlt. Eher Plexiglas, ein bisschen trüb und zerkratzt und vor allem unzerstörbar.

Und dann stehen wir plötzlich wieder voreinander, das erste Mal seit einer Ewigkeit, und trauen uns nicht, uns anzusehen, und die Stille dehnt die Zeit ins Unendliche wie einen Gummihandschuh, und ich klopfe ans Plexiglas und du reagierst genauso wie jetzt: Nahezu gar nicht. Mit dem Zucken einer Wimper, dem Anheben einer Augenbraue, einem hochgezogenen Mundwinkel.

-Warum hast du dich ausgezogen? fragst du, als du seelenruhig die Zeitung vor dir auf dem Tisch zu einem Quadrat faltest und die auf dem Boden herumliegenden Kleidungsstücke wahrscheinlich nur aus dem Augenwinkel wahrnimmst.

-Das war ich nicht, sage ich. Das warst du und hast es nicht bemerkt. Du bist ganz woanders, ich weiß nicht wo, aber komm doch bitte zurück und sieh mich an. Ein Mal. Ein einziges Mal. Und dann gehe ich und komme nicht wieder und du kannst hier sitzen und Zeitung lesen und der Stille lauschen, wie sie dich umkreist wie der Mond die Erde.

-Mir ist ein bisschen schlecht, sagst du und streichst die Zeitung mit den Händen glatt.

-Mir auch, schreie ich und springe auf und verteile den Inhalt des Zucker-Erdnussbutter-Tellers explosionsartig auf dem Tisch. Mir ist so schlecht, die Illusion von dir und mir together liegt so schwer im Magen und zieht mich zu Boden.

-Ich lege mich nochmal kurz hin. Du stehst auf und gehst hinaus und schließt die Tür hinter dir. Ich bleibe zurück und sehe dir nach und beginne zu frieren.

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