Hey remember that time we decided to kiss anywhere except the mouth?

An manchen Tagen wachst du auf und fühlst dich plötzlich wie ein anderer Mensch. Als habe dich nachts jemand ohne Vorwarnung auseinandergenommen und die einzelnen Teile mit verbundenen Augen wieder neu zusammengesetzt. Es ist wie bei einer Kaffeetasse, die zu Boden fällt und in tausend Teile zerspringt: Man zuckt vor Schreck zusammen, dann legt man die Scherben vor sich auf den Tisch und versucht, sie in der richtigen Kombination wieder zusammen zu setzen. Doch so sehr man sich auch bemüht, die Tasse wird nie exakt wie die alte sein, die feinen Risse und Zwischenräume werden immer an den Tag erinnern, an dem sie mit einem unangenehmen Geräusch auf den weißen, frisch geputzten Küchenfliesen zersprang.

An diesen Tagen wachst du auf und die Stille des Raums zerquetscht dich zwischen ihren dürren Fingern und du reißt die Augen auf und suchst dich nach etwas Altbekanntem, an das du dich klammern kannst, damit du nicht vollständig verschwindest und nur dein brandneues Ich zurückbleibt, das mit dir so gar nichts zu tun haben will. Du setzt dich im Bett auf und die Schmerzen in deinem Kopf pulsieren auf eine Art, von der du zuvor noch gesagt hast, dass du sie nie wieder fühlen willst. Und nun ist es doch wieder so weit. Der Schmerz drückt den Kopf zurück ins Kissen, doch dort liegen noch zu viele quälende Gedanken von gestern und du stehst auf, um ihnen zu entgehen. Nimmst den beschwerlichen Weg ins Bad auf dich, um im mit Zahnpastaspritzern besudelten Badezimmerspiegel das neue Ich zu begrüßen: Es hat dunkle Ringe unter den Augen und sieht auch sonst ganz schön beschissen aus. Aber du gehst gutgläubig davon aus, dass das alles schon seine Richtigkeit hat. Auch ohne Augenringe und mit frisch gewaschenen Haaren und sauber gezupften Augenbrauen würdest du dich an einem normalen Tag weigern, seine Bekanntschaft zu machen. Heute winkst du ihm müde zu.

I live my life walking down this street

I meet the faces of the people I see

All the time I see your reflection.

Nie wieder wolltest du dich so fühlen. Wie zur Bestätigung der schrecklichen Folgen der gestrigen Nacht näherst du dein Gesicht weiter dem Spiegel. Sich stetig vergrößernde Poren sind bei angehenden Top-Alkoholikern weiblichen Geschlechts ein Problem, das von der Gesellschaft weitgehend ausgespart, beinah ignoriert wird, und dennoch ist es vorhanden und möchte gelöst werden. Aber nicht von dir, vor allem nicht heute. Nicht nach drei Stunden Schlaf, die sich traumtechnisch wie 15, vom Erholungsfaktor her eher wie 0,5 angefühlt haben.

I ain’t the boy she loves the most

I’m just enough to fill the void her daddy left

Nie wieder wolltest du dich so fühlen: Wie ausgekotzt vom eigenen Leben, weil du den Bogen überspannt, die Situation falsch eingeschätzt, deine Grenzen überschritten, deine Chancen restlos ausgereizt hast. Wie bei einer Fahrt in der Achterbahn, in der dein Sicherheitsgurt sich löst und du aus dem Sitz viele Meter weit geschleudert wirst und in einer mit Dornen besetzten Hecke landest. Der Bogen überspannt, die Situation falsch eingeschätzt: Den Gedanken zu viel Platz, zu viel Zeit, zu viel Gelegenheit geben, sich auszubreiten und zu vermehren. Und irgendwann passiert das Unvermeidliche und sie rennen davon und du hast keine Chance, sie wieder einzufangen und unter Kontrolle zu bringen. My mind is out of control. Die Gedanken überschlagen sich und entwickeln ein Eigenleben und gaukeln der Realität Lügen als Wahrheit vor, bis sie nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht.

Und dann schlägt man auf dem Boden auf und wundert sich, dass der Hals gebrochen ist. Derjenige, der irgendwann versuchen wird, dich wieder zusammenzusetzen, dass du wieder in einem Stück dein Leben bestreiten kannst wie alle anderen auch, hat nicht nur ein Problem, sondern damit auch ein ganzes Stück Arbeit vor sich.

Minuten später sitzt du am Küchentisch und alles fühlt sich noch immer so anders an. Nicht leerer oder voller oder fröhlicher oder trauriger als vorher. Einfach nur anders. So, wie ein anderer sich vielleicht in der gleichen Situation fühlen würde. Und du wartest auf das Gefühl der Desillusionierung, denn das wäre vielleicht angebracht, ist aber nicht da. Die Desillusionierung würde das Kapitel beschließen, die Seite umblättern und alle Hoffnungen begraben, und morgen könntest du neu anfangen und die alten Gedanken hinter dir lassen. Du versuchst, sie zu verbannen und sperrst sie weg, aber sie rütteln an den Gitterstäben ihres Käfigs wie verrückt gewordene Affen und wollen hinaus. Du kannst sie nicht ignorieren, sie sind da und werden sich nicht mit legalen Mitteln ruhig stellen lassen, solange die Desillusionierung fehlt.

I do it so it feels like hell.

I do it so it feels real.

Schluss mit diesem Leben, denkst du: Du drapierst eine Handvoll kalkweißer Tabletten so vor dir auf dem Tisch, dass sie eine Herzform ergeben, und überlegst, ob du langsam eine nach der anderen schlucken oder sie dir alle gleichzeitig in den Mund stopfen willst. Aber nein, nichts von beidem. Der Versuch ist vor ein paar Jahren schon ein Mal kläglich daneben gegangen. Mit einer einzigen Handbewegung fegst du die Pillen vom Tisch, und sie tanzen einen kurzen Moment lang durch die Luft und schlagen dann auf dem Boden auf, wo sie noch einige Zentimeter weghüpfen und schlieplich erschöpft liegen bleiben.

Und du sitzt einfach weiter da und denkst zurück daran, als er noch da lag, nur ein paar Meter entfernt von dort, wo du jetzt gerade sitzt. Es ist nicht lange her, mach kurz die Augen zu und der Moment ist zurück. Da liegt er und du daneben. Du hörst sein Herz klopfen und jedes Mal, wenn du dich bewegst, beginnt es zu rasen und ein Lächeln huscht über dein Gesicht, weil es stolz macht, für ein rasendes Herz verantwortlich zu sein.

But I often wonder just how deep I could sink my teeth

Into the crease on your arm.

Doch die kalte Luft des grauen Morgens weht zum offenen Fenster herein und wirft dir eine Handvoll Nadeln ins Gesicht. Du erinnerst dich: Heute ist ein anderer Tag. Da liegt niemand, nicht einmal du selbst.

What is this posture I have to stare at? That’s what he said when I’m sittin’ up straight.

Let me tell you a secret. Der Raum ist leer. Die Leere gähnt vor bleierner Müdigkeit, und du schaust dich um und bist nicht da. Vor Wut über deine eigene Abwesenheit schlägst du das Fenster zu und kreischend zerspringt die Fensterscheibe in tausend Teile. Du fällst herunter auf die Knie, die Glasteilchen bohren sich in deine Haut und hinterlassen kleine Löcher, die sich mit roter Flüssigkeit füllen. Mit bloßen Händen sammelst du die Scherben ein, die auch mit akribischer Präzision nie wieder in die Form der alten Fensterscheibe gebracht werden können. Aus Verzweiflung darüber ballst du die Hand zur Faust. Als du sie wieder öffnest, haben sich die Scherben darin rot gefärbt. Andächtig legst du sie vor dir auf den Boden. Durch das offene Fenster strömt noch immer die kalte Morgenluft herein. Du kannst sie nicht mehr daran hindern.

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2 Gedanken zu “Hey remember that time we decided to kiss anywhere except the mouth?

  1. Danke für diesen Blog. All die geschriebenen Worte scheinen die Buchstaben zu sein, die in meinem Kopf ein Chaos ergeben und nun so klar niedergeschrieben ein wenig Bepanthen für die geschundene Seele sind.
    Großes Talent hast du.

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