And will you tell all your friends you’ve got your gun to my head?

Mit unserem sperrigen Schweigen malen wir ungeübt und krakelig eierförmige Kreise auf das knittrige Papier der Stille, nur um es Sekunden darauf mit beiden Händen in Stücke zu reißen.

Während du durch mich hindurchsiehst wie durch blank geputzte Brillengläser, kleben meine Blicke an deinem Gesicht und warten darauf, dass es dort etwas zu entdecken gibt. Zur gleichen Zeit wird auf der Bühne in meinem Kopf ein anderes Stück gespielt. Die Uraufführung ist lange her, die Zuschauerränge sind nur spärlich besetzt, doch ich sitze wie immer mit Popcorn in der ersten Reihe und verfolge gebannt das Geschehen und kralle meine Fingernägel in die billigen Sitzpolster, so als ob die Handlung nun, in der gefühlt 300. Wiederholung, durch spontane Änderungen im Skript eine überraschende Wendung zu nehmen vermag. Mitten auf der Bühne steht jemand, durch die raffinierte Ausleuchtung ist sein Gesicht nicht zu erkennen, und dominiert die Szene. Als sie vorbei ist und der Vorhang fällt, klatsche ich wie wild und stampfe mit den Füßen auf den Boden. Doch das Stück ist noch nicht vorbei.

Du stehst am Rand und wartest darauf, dass einer der Darsteller krank wird und du einspringen darfst. Das wird nicht passieren, mein Freund, geh nach Hause und leg dich ins Bett. In diesem Stück hast du vielleicht am Vorsprechen teilgenommen, zum Schluss jedoch wurde dir leider keine Rolle angeboten. Tut uns leid, diesmal war nichts dabei. Das nächste Mal bestimmt. Wir rufen Sie dann an. Und jetzt bist du so eine Art Notgroschen, die Ein-Euro-Münze für den Einkaufswagen, die man in der Jackentasche hat, weil man sonst das Brot und die Wurst und den Käse und den Liter Milch allesamt unter den Arm klemmen müsste, was aber nie gut geht.

-Ich würde ja gern, sagst du schließlich und starrst in die gegenüberliegende Ecke des Raums.

-Was hält dich ab? frage ich und starre dich an und weiß gar nicht, wovon du eigentlich sprichst.

Du zuckst nur die Schultern.

-Ich weiß nicht genau. Es ist kompliziert.

Kompliziert, das ist es immer, da draußen in der Realität. Doch in meinem Kopf, auf der Bühne, ist alles vereinfacht. Die Kulisse mit Acrylfarben auf Pappe gemalt, die Kostüme mit billigen Stoffen notdürftig und dilettantisch zusammengeschneidert.  Da gibt es nichts auf den zweiten Blick zu entdecken. Was man auf den ersten Blick nicht sieht, ist auch nicht da.

Denn ich bin ein Mädchen. Mädchen sind einfach. Du kannst sagen, was du willst, es wird mich auf jeden Fall beeindrucken. Ich bin ein Mädchen.  Ich flechte meine Haare zu Zöpfen und starre mit weit aufgerissenen Augen zu dir hinauf.

Du kannst tun, was du willst, ich finde es toll und bin begeistert. Erzähl mir etwas, was, ist ganz egal. Du kannst über Musik reden, über Komponisten oder über Rapper, über Fußball, über alternative Heilmethoden, du kannst ein Bild für mich malen, mir noch ein Bier ausgeben, mir Lieder auf dem Klavier vorspielen, mir Geschichten aus deinem Leben erzählen: Was immer es auch ist, ich werde es lieben. Ich bin ein Mädchen, ich will begeistert werden und sei versichert: Ich werde begeistert sein.

Also hör auf damit, mich unbedingt beeindrucken zu wollen. Du hast es längst geschafft. Während du dich noch bemühst, stehe ich schon vor dir mit offenem Mund und zittrigen Händen und klopfendem Herzen.

Weil ich ein Mädchen bin. Ein kleines Mädchen mit Zöpfen und großen Augen, hinter denen große Leere herrscht, die gefüllt werden will mit deinen beeindruckenden Weisheiten. Weil ich den Tag damit zubringe, von dir zu träumen, weil  mich sonst nichts anderes beschäftigt. Weil Mädchen nur an Jungs denken wollen. Mädchen wollen, dass man ihnen die Tür aufhält, ihnen aus der Jacke hilft und beim Ficken in die Augen schaut. So einfach ist das. Also gewöhn dich besser daran, es wird sich nicht ändern.

Du beginnst zu reden und meine Ohren schalten sich aus. Stattdessen beobachte ich deinen Mund, wie er sich öffnet und wieder schließt, aber nicht wie bei einem Fisch, eher wie bei Pacman. Wenn du Pacman bist, könnte ich eines der Gespenster sein, die durch die engen Gänge hinter dir hergespenstern und dich einkreisen, bis du nicht mehr entkommen kannst. Und dann: Game over. Aber ich bin kein Gespenst und vor engen Gängen habe ich Angst.

Meine Augen trocknen aus und mein Bild von dir verschwimmt, es schwimmt weit weg und die Farben verwischen und plötzlich erscheint alles so unwirklich, fast so, als sei nie etwas zwischen uns gewesen.

Ich stehe am Abgrund meines eigenen Daseins und schaue hinunter in die Schlucht. Sie ist so tief, dass ich den Boden nicht sehen kann, so sehr ich mich auch bemühe. Ich mache einen winzigen Schritt nach vorne und der Boden bröckelt unter mir weg. Du hältst mich am Arm fest und bewahrst mich vor dem Fall, doch ich fahre herum und schüttele deine Hand von meinem Arm und schreie dich an und schlage dir mit der flachen Hand ins Gesicht. Was bildest du dir ein. Doch du siehst mich nur verständnisvoll an und lässt die Hände sinken und lächelst. Ich mache einen Schritt rückwärts und falle. Du stehst da und siehst mir dabei zu. Nach einer Sekunde drehst du dich um und gehst davon.

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