Am Ende denk ich immer nur an mich

Hör auf, auf meinen Bauch zu starren. Ich weiß: Er liegt da so frei rum und wölbt sich nach oben und ist ein tolles Anschauungsobjekt, wenn es um Übergewicht und weiches Gewebe und dergleichen mehr geht. Aber hör auf damit. Es gibt andere Dinge im Raum, die man anstarren kann. Du kannst auf meine Brüste starren, die sind okay. Meinetwegen auch in den Fernseher, da läuft ein Film, dessen Handlung wir jetzt  nicht mehr folgen können, da sich im Verlauf der letzten halben Stunde unsere Aufmerksamkeit unauffällig in eine andere Richtung verlagerte. Starr mir ins Gesicht, starr auf meinen sich farblich zum Rest abhebenden Haaransatz. Starr auf meine Hilfeschreie ausstoßenden Fingernägel, die von meinen Zähnen stets unangenehm kurz gehalten werden. Starr irgendwohin. Oder nirgendwohin, wenn das geht. Du kannst auch die Augen schließen und auf die schwarze Leinwand starren, die das Innere deiner Augenlider darstellen. Oder leg den Kopf in den Nacken und starr an die weiße Decke. Überall hin, aber nicht auf meinen Bauch.

So läuft das also mit uns. Schlechtes Gewissen? Ein bisschen. Du vielleicht, ich aber nicht. Trotzdem agieren wir jetzt verlegen und jegliche Souveränität vermissen lassend aneinander vorbei, du redest über Blockaden und dass man mache Dinge nicht tun sollte und dass man sie genau deshalb nicht lassen kann. Ich schweige und versuche, in den letzten Minuten Geschehenes aus meinem Kopf zu löschen, bevor es an einem geheimen Ort gespeichert werden kann, wo man es nicht mehr aus eigenem Antrieb wiederfindet, von wo aus es aber ab jetzt jederzeit auf- und gleich wieder abtauchen könnte.

Und wie ich da so liege, flach auf dem Rücken, den Kopf unvorteilhaft gedreht, dass ich nicht nur ein unschönes Doppelkinn, sondern in spätestens fünf Minuten auch einen verspannten Nacken habe, kommt die Traurigkeit über mich wie die Nacht über den Tag, sie schiebt sich als große, graue Regenwolke vor die Sonne meiner gerade eben noch strahlenden Unbefangenheit und Losgelöstheit. Manchmal ist man einfach so hilflos. Da überfällt die Traurigkeit einen hinterrücks und man weiß gar nicht, wie einem geschieht. Man sitzt da und alles ist gut und im nächsten Moment schießen Tränen fontänenartig aus dem Kopf und man will ebendiesen auf die Tischplatte legen und einschlafen, ohne jemals wieder aufzuwachen.

Woher kommt die Traurigkeit, frage ich in meinen Körper hinein und kämpfe gegen das Verlangen, die Frage laut herauszuschreien. Du bist nicht der Grund, wie du so da sitzt, vielleicht mit tausend, möglicherweise aber auch mit keinem einzigen Gedanken im Kopf, und noch immer den Blick auf meinen Bauch geheftet, als habe ich dort einen Roman eintätowiert, den es schnellstmöglichst zu lesen gilt, bevor ich mich wieder anziehe. Mit dir hat das alles nichts zu tun, du bist nur zufällig ausgewählt, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten hat der Flaschenhals beim Flaschendrehen ohne triftigen Grund auf dich gezeigt, und kurze Zeit später waren wir beide nackt und dann war plötzlich alles schon wieder vorbei. Dass da noch eine dritte Person involviert, wenn auch nicht körperlich anwesend, aber dennoch in unseren Köpfen präsent war, auch das ist doch nur ein zufällig existierender Nebenschauplatz eines fast noch zufälliger ablaufenden Aktes.

Woher also die Tränen, irgendwo muss doch eine Quelle sein, aus der sie heraussprudeln und sich einen Weg durch die Augen nach draußen bahnen? Wenn du nicht die Quelle bist, wer oder was ist es dann?

Denn am Ende denk ich immer nur an alles Mögliche, aber nicht an dich. In meiner Welt sitze ich am Fenster und schaue hinaus und denke: Und am Ende denk ich immer nur an dich. Oder dich oder dich oder dich. Weil: Das eine Dich, an das man denken kann, das gibt es nicht. Es ist nur temporär vorhanden und nur begrenzt aktuell. Dann kommt ein neues Dich, an das man denken kann oder muss. Es ist wie auf einer langen Zugfahrt, bei der ich allein in einem Abteil sitze. Dabei stelle ich mir nicht so ein modernes Abteil vor, mit blauen Sitzbezügen, hochklappbaren Armlehnen und einem Tisch zwischen den beiden Fensterplätzen und einer Steckdose für den Laptop.  Das Abteil in meinem Kopf hat altmodische Ohrensitze, die mit dunkelrotem Leder bezogen und deshalb im Winter unerträglich kalt sind. Das Fenster kann durch große Griffe einen Spalt breit geöffnet werden. Durch eine widersinnige Federung des Sitzes hüpft man bei einer turbulenten Fahrt (die in einem  Zug ja gar nicht so wahrscheinlich ist) auf und ab.

In einem solchen Abteil sitze ich also und habe ein dickes Buch auf den Knien liegen, das ich nicht lese, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, aus dem Fenster zu sehen und die Landschaft zu beobachten. Draußen ziehen Bäume und Felder vorbei und jedes Mal, wenn wir an einem eingezäunten Stück Wiese vorbeikommen, auf dem ein paar braun-weiß gescheckte Pferde die weichen Nüstern in die letzten genießbaren Grasnarben stecken, drücke ich mir die Nase an der Fensterscheibe platt und gebe Laute der Verzückung von mir.

Zwischendurch steigt jemand ein. Du oder du oder du. Immer nur einer, bitte! Danke. Du setzt dich mir gegenüber und wir plaudern über dies und jenes und du erzählst Geschichten, die ich interessant finde und die mich beeindrucken, weil ich so ein leicht zu beeindruckendes Frollein bin. Dann sitze ich da und mache große Augen, und während du erzählst, läuft in meinem Kopf  der immer gleiche Film ab, nur du bist immer ein anderer.

Und wie wir so sitzen, vergesse ich alles um uns, auch die Landschaft und die Pferde und die kalten Ledersitze. Dann kommt die nächste Bahnstation und du greifst nach deinem Koffer und verabschiedest dich. Natürlich sehen wir uns wieder, versprichst du und nestelst verlegen an den Knöpfen deiner Jacke. Du ziehst die Schiebetür des Abteils zu und eilst nach draußen und der Zug fährt ruckartig an und entfernt sich vom Bahnhof. Bis zur nächsten Station denke ich am Ende immer nur an dich. Dann steigt ein neues Dich ein. Und alles beginnt von vorn. Die Geschichten sind andere, du bist ein anderer, aber sonst läuft alles gleich. Manchmal steigst du nach einer Station schon wieder aus, manchmal bleibst du länger, aber irgendwann ist jeder einmal angekommen und hastet nach draußen.

Und auch du sitzt nun da und unser Zug fährt in den Bahnhof ein, an dem du aussteigen musst. Du wendest den Blick von meinem Bauch und siehst aus dem Fenster, als stünden die richtigen Worte, die man in einer derartigen Situation aussprechen sollte, auf dem Banner eines Flugzeuges, das gerade draußen vorbeifliegt.

Und weil du gleich verschwunden sein wirst, aus meinem Leben, aus meinem Kopf, aus meinem Bewusstsein, ist mir bereits jetzt gleichgültig, welche Worte du zum Abschied wählst. Ob du versprichst, bald wieder zuzusteigen oder nicht, welchen Unterschied macht das? Am Bahnsteig steht bereits jemand, der dich erwartet und nichts von unserer Begegnung in diesem Abteil weiß. Es ist mir gleichgültig, ob sich das für dich schlecht anfühlt oder nicht, ob du aus schlechtem Gewissen alles erzählst oder die Geschichte unseres Aufeinandertreffens für dich behältst und  die Details in einer kleinen Schachtel unter deinem Bett aufbewahrst.

Vielleicht ist ja auch das die Quelle der Tränenflüssigkeit. Die Gleichgültigkeit dir gegenüber. Und dir und dir und dir. Die Tatsache, dass ich aufgehört habe, auf DICH zu warten. Auf das Dich, an das ich am Ende denke, und in der Mitte und auch am Anfang und überall dazwischen. Dafür denke ich dann am Ende eben immer nur an mich.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s