Oh, how I sometimes miss the girl

-Alles muss, nichts kann, sagt er, ohne den Fehler zu bemerken. Aber ich bin nicht betrunken genug, um ihn zu überhören.

Sie und ich, wir sitzen uns gegenüber, ich mit zum Schneidersitz verknoteten Beinen auf dem Boden, sie in einem abgewetzten Sessel mit dunkelgrünem Polster. Einer, wie er auch bei meiner Oma im Wohnzimmer stehen könnte.

In ihrer linken Hand hält sie einen durchsichtigen Plastikbecher, den sie in regelmäßigen Abständen zu mir herüber reicht. Die Flüssigkeit darin ist unbekannter Herkunft und schmeckt widerwärtig. So tauschen wir Getränk und belustigte Verunsicherung immer hin und her und mischen noch ein paar ahnungslose Blicke dazwischen.

Alles dreht sich. Schneller trinken. Sonst geht das hier alles nicht.

Aber ich trinke nicht schnell genug. Das Getränk verursacht Schwindelanfälle und ich bilde mir ein, sofort Kopfschmerzen davon zu bekommen. Überhaupt hat mein Kopf sich bereits verselbstständigt, ist ausgerissen und galoppiert allein auf der Koppel der Nüchternheit herum, wo er sich so schnell nicht mehr einfangen lassen wird.

Vor einigen Minuten waren wir noch zu fünft.  Ich auf dem Bettrand sitzend, hier in einer fremden Wohnung, neben mir ein betrunkener Mensch liegend, auf dem Boden eine weitere Person, an deren Gesicht ich mich niemals mehr erinnern werde.

Als er anfängt, die störenden beiden Komponenten der nächtlichen Formation aus dem Zimmer zu räumen, grinsen wir noch dämlich. Dann, einen Moment später, wird uns bewusst, dass er unser Angebot ernst nimmt. Zum ersten Mal in meinem und wohl auch in ihrem Leben hat die zur Schau gestellte sexuelle Offenheit, die man abends zur Erregung der kollektiven Aufmerksamkeit mit sich herumträgt wie ein Hot-Dog-Verkäufer im Fußballstadion Würstchen in seinem Bauchladen, Folgen unbekannten Ausmaßes. An neun von zehn Tagen wird die Geschichte sexueller Provokation auf die gleiche Weise zu Ende erzählt. Heute ist Tag zehn. Plötzlich schlägt die Handlung eine unbekannte Richtung ein, und der Erzähler muss sich plötzlich fragen: Wie geht es nun weiter? Wie bringe ich die weitere Handlung dem Publikum schonend nahe, so dass die Geschichte auch Kleinkindern erzählt werden kann?

-Zwischen uns ändert das doch nichts, oder? Die Frage ist mehr ein Flüstern, in einem kurzen Moment, als er die letzte störende Person nach draußen befördert. Die Unsicherheit dominiert den Raum und lässt nur einige Quadratzentimeter übrig, brüderlich geteilt von den Freunden Belustigung und aufgeregter Angespanntheit.

Es hat nichts zwischen uns geändert. Das haben dann tausend andere Dinge erledigt. Wie freilaufende Katzen haben sie im hohen Gras darauf gelauert, dass wir Hand in Hand nichtsahnend vorbeigehen, um uns dann hinterrücks zu attackieren, bis unsere Rücken zerkratzt und unsere Gesichter schmerzverzerrt waren.

In dieser Nacht wissen wir das alles noch nicht. Da sitzen wir uns noch gegenüber und können uns ins Gesicht sehen und verunsichert schlechte Insider-Witze machen.

Er schließt die Tür hinter sich. Die zwei anderen schlafen im Nebenzimmer, mit ihnen hat auch das letzte Bisschen Hoffnung, aus dieser Sache elegant heraus zu kommen, den Raum verlassen.  Das sind diese schlimmen Momente, die Momente, in denen man selbst nicht weiß, ob man jetzt gerade ehrlich zu sich ist. Meine neu erworbene Freiheit ist noch so frisch, gerade erst der Verpackung entnommen. Und jetzt schon das volle Programm, da kommt mein Gewissen ins Straucheln und weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist das alles gerade wirklich so schlimm? Wollen wir das gerade wirklich alles nicht? Wenn es so wäre, wären wir dann jetzt noch hier? Wären wir dann nicht bereits, eine Handvoll fadenscheinige Ausreden in den Raum werfend, geflüchtet? Heißt das im Umkehrschluss, dass wir das wirklich wollen? Macht uns das jetzt zu schlechten Menschen? Was würde meine Oma dazu sagen?

Und die Gedanken gehen noch weiter. Haue ich jetzt einfach ab, beschimpfe ich mich in zwei Stunden als feige. Dann sitze ich zuhause und bedauere mein armseliges Leben, in dem nichts passiert, weil ich es nicht zulasse. Schließlich, so will es einem zumindest jeder zweite Werbespot, egal ob im Fernsehen oder Radio, weismachen: Das ist IHRE Zeit! Es ist die beste Zeit ihres Lebens! Besser, sie sind gut versichert oder telefonieren zu den günstigsten Minutenpreisen.

Schwer zu sagen, ob sie ähnlich denkt. Sie sitzt da mit übereinander geschlagenen Beinen, grinst in sich hinein und hält den Becher umklammert. Wie viele Dinge haben wir schon zusammen erlebt, wie viele Dinge gemeinsam durchgestanden, wie wenig gibt es, das wir nicht voneinander wissen? Wie viele Dinge haben wir geteilt? Nach dieser Nacht wohl wirklich alle.

Es ist nur Sex. Details wie Anzahl und Geschlecht der Personen, die dabei involviert sind, sind doch vollkommen unerheblich.

Im großen Ganzen ist es egal, ob man jetzt an dieser Stelle aufsteht und den Heimweg antritt, noch bevor das erste Kleidungsstück zu Boden gefallen ist. Eine Nacht wie diese hat keine Bedeutung für ein ganzes Leben, sie kann auf die eine oder auf eine ganz andere Weise ein Ende nehmen, und egal, was passiert, am nächsten Tag wird es wieder hell und die Sonne wird scheinen oder es wird regnen. Es ist egal. Was übrig bleibt, sind ich und sie, du und ich, eine Minute oder drei Stunden später treten wir aus der Tür und gehen, und er bleibt zurück und ist uns egal. Und wir sind immer noch wir und haben uns, so wie wir uns das immer vorgestellt haben. Wir gehen aus der Tür, draußen ist es hell, ein neuer Tag, wir blättern eine Seite um in unserem persönlichen, mit kitschigen Rosenbildern beklebten Poesie-Album. Auf der nächsten Seite beginnt schon ein neues Kapitel.

Es ist das letzte, uns bleiben noch zwei oder drei Seiten, dann ist es voll.

Bemerkt haben wir das erst viel später, zu spät. An einem Samstag Abend, als es zu spät war, um noch schnell vor Ladenschluss ein neues Album zu kaufen. Jetzt ist die Geschichte auserzählt und das Ende ist offen. So wie bei jeder guten Geschichte: Platz für Spekulationen und Interpretationen. Nur eine Fortsetzung, die wird es wahrscheinlich nicht geben.

2 Gedanken zu “Oh, how I sometimes miss the girl

  1. „Was würde meine Oma dazu sagen?“ ist klasse. und du hast recht mit allem, nur – das aeussere mag gleich geblieben sein am naechsten tag, aber wie sieht es im inneren aus?

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