Times like this

Atmen und Schweigen. Jetzt sitzen wir hier nebeneinander, ohne uns zu berühren, und atmen und schweigen gemeinsam.  Zwischen die Momente der Stille schleichen sich Gespräche über Belanglosigkeiten, die so tun, als handelten sie von elementaren Dinge im Leben, unsere Ansicht über die Welt und alles, was das Thema so mit sich bringt. Wir geben unser Bestes, so zu tun, als habe unser zufälliges Treffen heute Abend irgendeine tiefere Bedeutung. Aber eigentlich wissen wir es besser.

Vor zwei Jahren saßen wir uns in einem Biergarten gegenüber. Mitten im Gespräch hast du deine Kapuze über den Kopf und mit beiden Händen tiefer ins Gesicht gezogen.

-Was ist los, wollte ich wissen.

Du hast kurz gezögert.

-Ich verstecke mich vor der Aussage, dass du eine verdammt tolle Frau bist.

Während du den Satz ausgesprochen hast, war dein Blick ganz ernst und schien mich durchbohren zu wollen.

Alles nur Phrasendrescherei, heute weiß ich das. Sicher hast du eine derartige Szene einmal in einem wahnsinnig beeindruckenden französischen Arthouse-Film mit japanischen Untertiteln gesehen und seitdem auf die passende Gelegenheit gewartet, genau diesen einen Satz loszuwerden.

Heute bin ich klug genug, das zu wissen. Damals habe ich glucksend in mich hinein gekichert. Damals hatte dieser Satz eine Wirkung auf mein Ego wie ein Poliertuch auf Fensterglas.

Damals – damals, als wir jemand anderes waren. Ich eine Andere, du ein Anderer. Ich wusste nicht, wer ich war und klammerte mich an jedes nette Wort, das jemand für mich übrig hatte, wie ein neugeborenes Äffchen an seine Mama. Wer du warst, das wusste ich genauso wenig. Ich weiß es bis heute nicht.

Egoshooter. Mein rücksichtslos niedergeschossenes Ego hat sich plötzlich wieder aufgerappelt, nur weil es von ganz weit weg banale Oberflächlichkeiten heran galoppieren hörte. Shame on you, sweet E-G-O.

Wir sitzen immer noch nebeneinander und sinken immer tiefer in die Polster meines kleinen Sofas. Du greifst nach meiner Hand und sagst etwas nettes, ich habe vergessen, was. Bevor mein Kopf auf deine Schulter sinkt, leuchtet in meinem Kopf ein Warn-Schild auf, eine Sekunde später bringt ein Kurzschluss in meinem Hirn die grellen Neonröhren zur Explosion. Dann ist alles dunkel. Und still.

Nur du nicht. Du redest die ganze Zeit und ich fühle mich dabei so wohl wie schon lange nicht mehr, obschon ich längst nicht mehr zuhöre, sondern nur noch innerlich zum Takt der Melodie, die die Wörter ergeben, hin und her schaukle.

Damals waren die Zeiten andere. Wir saßen im Biergarten und redeten und lachten und danach liefen wir Hand in Hand durch die Stadt, zum Bahnhof, wo wir uns voneinander verabschiedeten und Küsse tauschten und mein schlechtes Gewissen den Kampf um meine Handlungsfähigkeit gegen eine Handvoll Glückshormone verlor. Dann kam dein Zug und ich geisterte benebelt durch die Straßen nach Hause. Dort, in meinem Bett, auf meiner Couch, auf dem Küchentisch, unter der Dusche, einfach überall wartete bereits die tiefe Verzweiflung auf mich, die immer dann Macht über mich ergriff, wenn ich allein war. Sobald die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stürzte sie sich auf mich wie eine Katze auf einen Spatz. Dann  wurde mir plötzlich die Schwierigkeit der Entscheidung bewusst. Ich versank in Traurigkeit und Depression, ich ertrank in meinen Tränen, ich erfror ob der Kälte, die mich umgab.

Wir sitzen immer noch einfach nur da und du redest und draußen wird es hell. Der kleine Friseurladen auf der anderen Straßenseite öffnet in drei Stunden wieder. Interessieren tut das niemanden. Ich wohne schon fast ein halbes Jahr hier. Jeden Tag sitze ich am Tisch und schaue durchs Fenster nach draußen direkt in das lieblos gestaltete Schaufenster mit dem großen Schwarz-Weiß-Plakat, das eine arrogant dreinschauende Frau mit einer schlecht gemachten Dauerwelle abbildet. Noch nie habe ich auch nur einen einzigen Menschen den Laden betreten sehen.

Irgendwann damals traf ich eine Entscheidung. Die Last der Situation war zu schwer für mich, und bevor ich unter ihr zusammenbrechen und unter ihren bedrückenden Einzelheiten begraben werden konnte, warf ich sie von mir und fand eine Lösung.
Die Entscheidung fiel nicht zu deinen Gunsten aus. Unsere letzte Begegnung endete mit einem zerbrochenen Brillenglas und einer schmerzenden Handfläche. And this is how the story ends.

Bis heute. Nein, gestern. Da standen wir plötzlich wieder nebeneinander und erkannten uns gleich wieder. Allzu große Veränderungen gab es ohnehin nicht zu bestaunen. Und dann liefen wir wieder gemeinsam los, durch die Stadt.

Gegen Mittag liegen wir zusammen auf meinem Bett und unsere vordergründige Aufmerksamkeit gilt dem schlechten Samstags-Fernsehprogramm. Mit meinem Kopf auf deine Schulter gebettet denke ich darüber nach, wie austauschbar Menschen sein können. Wie irrelevant dieser Tag im Gefüge der restlichen Tage unseres Lebens ist. Wie gut er sich dennoch in genau diesem Moment und in den vielen Momenten davor anfühlt.

Es gibt für alles eine Zeit, das sagt man doch immer so dahin und meint es meistens positiv. Deine Zeit wird kommen, mein Sohn, warte nur ab. Dann wirst du ein großartiger Feuerwehrmann sein.*

Man sagt aber auch manchmal: Das wäre Ihr Preis gewesen. Betonung auf wäre gewesen. Heißt: Wenn nicht etwas elementar anderes passiert wäre, wäre das Ihr Preis gewesen. Ist er aber nicht.

Damals, das wäre unsere Zeit gewesen. Es gibt für alles eine Zeit. Das wäre unsere gewesen. Wenn nicht alles anders gekommen wäre.

Heute könnte unsere Zeit sein, denn heute sind elementare Gegebenheiten Vergangenheit und wir sind freu und ungebunden und immer noch jung.

Damals hätten wir gewollt, aber wir konnten nicht.

Heute könnten wir, aber wir wollen nicht.

Am späten Nachmittag laufen wir zusammen durch die Stadt. Du musst zum Bahnhof. Ich begleite dich nicht dorthin. An einer großen Kreuzung umarmen wir uns zum Abschied. Ich laufe im Zickzack durch die Straßen zurück nach Hause, nicht benebelt, eher nüchtern und mit klaren Gedanken. And this is how the story ends.

*wie in: Grisu, der kleine Drache, der Feuerwehrmann werden wollte

2 Gedanken zu “Times like this

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