I don’t see myself when I look in your eyes – Thank God for that

Da liegen wir jetzt also.

-Ich könnte uns Nudeln machen.

Irgendwie ein komischer Satz, wenn er von jemandem ausgesprochen wird, der nackt ist. Wenn man dabei selbst auch nackt ist und den Sprecher des Satzes seit geschätzten vier Stunden kennt, macht das die Situation eher skurriler als realer.

-Mit Tomatensoße?

-Ja, könnte sein. Ich muss nachschauen, was da ist.

Schnell nach ein wenig Kleidung gefischt, wir sind ja alle noch jung und da, wo wir wohnen, wohnt meist noch ein mehr oder weniger fremder Mensch, der sich erschrecken könnte, wenn er einen samstags morgens um halb acht betrunken beim Nackt-Nudeln-Kochen antrifft. Also schnell was übergezogen und raus, dahin, wo sich vermutlich die Küche befindet.

Ich bleibe zurück und decke mich zu und lausche der Musik, die viel zu elektronisch ist, um mir gefallen zu können. Mein Bewusstsein dreht sich im Kreis wie ein kleines Blumenmädchen auf einer grünen Wiese im Sommer, nur ein bisschen schneller und schwankender und betrunkener. Nur nicht wegfliegen, bloß nicht umkippen, Blumenmädchen, und achte darauf, dass dein Rock nicht hochfliegt! Und mach auf keinen Fall die Augen zu!

Ich starre also vor mich hin in den halbdunklen Raum, ist doch ganz nett hier. Das Bett ist viel wärmer und weicher und größer als meins. Hier könnte ich noch ein wenig bleiben.

Ich überlege mir, wann ich das letzte Mal jemanden getroffen habe, der so gut küsst wie der, der in diesem Moment gerade das Nudelwasser salzt oder Tomatensoße in der Mikrowelle aufwärmt, oder was auch immer er gerade tut. So gut geküsst hat ja schon ewig keiner mehr, vielleicht noch nie. Oder vielleicht schon, aber dann eben nicht mich. Wahnsinn.

Noch bevor ich überlegen kann, wie wohl der Rest später laufen wird, wenn die Nudeln gegessen und ein wenig Alkohol abgebaut ist, fallen meine Augen dann doch zu.

-Mit Käse? Licht fällt durch den Spalt der Tür, durch den er seinen Kopf steckt. Ich öffne die Augen.

-Oh ja!

Mit Käse. Ist ja fast wie bei Burger King hier. Der Mann weiß, was Frauen brauchen. Wie lange ist es bitteschön her, dass mir jemand Nudeln mit Tomatensoße und Käse gemacht hat, noch dazu um diese Uhrzeit? Ja, ich friste ein erbärmliches Dasein, das ist schon möglich, aber dadurch fühle ich mich Momenten wie diesen übermäßig vom Glück umarmt und geküsst. Gleißendes Licht fällt durch die Jalousien, die den Raum verdunkeln, kleine Englein schwirren um mich herum und schießen mit Pfeilen um sich und singen im Kanon süße Lieder und so weiter. Mir wird schon ganz schwindelig.

Vorhin hat er irgendwann gesagt, wahrscheinlich als Antwort auf etwas extrem dämliches, das ich von mir gegeben habe: Ey, pass mal auf, wenn ich dich nicht geil finden würde, dann wärst du jetzt nicht hier, ja?

Oha. Das ist jetzt irre. Davon war ich nämlich in meiner jugendlichen Mittzwanziger-Naivität einfach mal von vornherein ausgegangen. Ist wohl in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Aber spielen wir mal mit.

-Ach ja, wirklich? Dann ist ja gut. Gespielte Freude, Ende des Gesprächs, Einsatz Engelsgesang und so weiter.

Da kommt er auch schon wieder und hat Nudeln und Tomatensoße und Käse dabei und alles ist ganz wie im Märchen. Über was wir beim Essen reden, vergesse ich sofort. Mein Gedächtnis ist eher ein Bilder- als ein Wortgedächtnis. Eher die Bildzeitung als die Süddeutsche. Aber ich bin überzeugt: Das, was wir geredet haben, hätte ohnehin nicht in die Süddeutsche gepasst. Wir erzählen uns keine Witze und lachen trotzdem und für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen und es gibt niemanden, der in diesem Moment besser zusammenpasst als wir.

Aber der Nudelteller ist leider viel zu schnell leer, und man will ja nicht als verfressen gelten und schweigt und stellt den Teller irgendwo auf den Boden und die Englein nehmen den magischen Moment mit sich in den Himmel.

Ob es das jetzt gewesen ist? Es sind immer diese Momente, an die man sich später erinnert – kurz nachdem man das Gefühl hat, etwas furchtbar dämliches gesagt zu haben, oder, zwar das richtige gesagt, es aber falsch betont oder zu schnell oder zu langsam ausgesprochen zu haben. Dann schweigt man und sieht suchend um sich, als würde eins der Englein einem nun offenbaren, was als nächstes zu tun ist.

Wir sind also still und sehen uns an und innerlich schwanke ich noch immer und er hoffentlich auch.

Er ist so viel jünger als ich und hat vorhin, als ich wissen wollte, ob er eine Freundin hat, fragend die Augenbrauen gehoben. Ist ja nur für die Statistik und nicht mein persönliches Problem. Er wäre nicht der erste, der darauf mit Ja antworten oder lügen und Nein sagen würde.

Sechs Stunden später lese ich meine Kleider vom Boden auf wie ein Obdachloser leere Pfandflaschen, und ziehe mich an. Er sitzt auf dem Bett und beobachtet mich und sieht ähnlich niedlich aus wie gestern, nur ein bisschen müder und verkaterter.

-Willst du mir noch deine Nummer da lassen?

Stille. Eigentlich will ich auf solche Fragen keine Antwort geben müssen. Eigentlich will ich auch keine Nummer da lassen. Ich will hier raus, will mit pulsierenden Schmerzen im Kopf und unelektronischer Musik in den Ohren eine halbe Stunde lang durch die verregnete Stadt nach Hause laufen und alles in guter Erinnerung behalten: Die Nudeln und den Käse und alles, was drumherum passiert ist.

-Willst du meine Nummer auch wirklich?

Ein fataler Fehler, und jetzt kann ich nicht mehr zurück.

-Würde ich sonst fragen?

Hast du eine Ahnung, nach was Menschen alles fragen, ohne es zu wollen.

Ich diktiere ihm die elf Zahlen, die meine Telefonnummer ergeben, fast so roboter-artig wie die Ansage-Frau einer Mailbox.

Als ich mich auf der Treppe im Hausflur noch einmal umdrehe, steht er noch in der Tür und sieht plötzlich ziemlich mitgenommen aus. Es ist ja auch mittlerweile schon Nachmittag, halb vier.

Er wollte wirklich meine Nummer, sonst hätte er ja nicht gefragt, logisch. Das mit dem Anrufen üben wir aber dann nochmal, ne?

6 Gedanken zu “I don’t see myself when I look in your eyes – Thank God for that

  1. der name deines blogs hat mich in etwa so stark abgestoßen wie deine gedankengaenge mich jetzt anziehen. you sound pretty interesting, girl. keep it going.

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