The best part of „believe“ is the „lie“

Ausgegraben.

Sie sagen, wir dürfen uns nicht mehr sehen. Es ist, als seien wir zwei kleine Kinder, die immer irgendeinen Unfug anstellen, wenn sie miteinander spielen, weil sie sich immer zu neuen Abenteuern anstacheln. Zuerst landet nur eines der Kinder im Fluss und watschelt – pitsch-patsch – in vor Nässe triefenden Latzhosen nach Hause. Beim nächsten Mal ist erst das eine Knie aufgeschürft, danach das andere, schließlich ein Arm bei einem Sturz vom Kirschbaum im Garten des Nachbarn gebrochen. Und dann trennt man die beiden Kinder, weil so etwas nicht gut gehen kann. Weil dann irgendwann ein Haus brennt, oder ein Auto, oder ein Mensch. So ist das mit uns. Wir dürfen uns nicht mehr sehen, weil dann etwas schlimmes passiert, mit lautem Knacken ziehen sich die Risse im Herzen tiefer ins Innere, Tränen fließen aus den Augen und hinterlassen dort tiefe Falten, über die man sich im Alter doch nur ärgert.

Das führt doch alles zu nichts, sagen alle und schütteln den Kopf ob dieser wahnwitzigen Gefahr, die von uns ausgeht, die aber nur für uns beide gilt. Andere sind dabei völlig aus der Schusslinie, beteiligen sich aber trotzdem an der Diskussion, als ginge es um die Sicherheit im Straßenverkehr. Als seien wir zwei Naturgewalten, die aufeinandertreffen und ein großes Erdbeben verursachen könnten, die man voneinander fernhalten muss, damit die Welt nicht untergeht.

Wir dürfen uns nicht mehr sehen, das ist also die einstimmige Meinung aller, doch unsere Welt ist nicht demokratisch, denn wir sind hier die Regierenden, König und Königin, getrennt und gefallen, und dennoch allein entscheidend über unsere Welten. Wir dürfen uns nicht mehr sehen, wiederhole ich ein ums andere Mal, um anderen zu gefallen und ihnen zu zeigen, dass ich nicht die Augen verschließe vor der Realität, obwohl genau dies der Wahrheit entspricht. Wir dürfen uns nicht mehr sehen, aber wir wollen und werden, vielleicht sogar täglich, wir sind Rebellen und machen alles anders. Und dann? Dann ist doch ein Arm gebrochen, oder eine Rippe. Oder ein Herz. Das Leben ist kein Mensch-ärger-dich-nicht, mit festen Verhaltensregeln. Wenn man eine Sechs würfelt, rückt man sechs Felder vor und ist gleich nochmal dran, steht auf dem Feld bereits jemand, ist er raus und muss von vorne anfangen, das sagt das Blatt Papier, das man beim Auspacken in der Schachtel findet. So ist das, jedes Mal und ohne Ausnahme, aber das Leben spielt nicht so. Es schummelt und drückt manchmal beide Augen zu und hat viele unterschiedliche Regeln für viele unterschiedliche Menschen. Jeder Mensch findet beim Auspacken ein eigenes Blatt Papier mit seinen eigenen Regeln in seiner eigenen Schachtel. Und selbst die sind nur Hinweise, an die man sich halten kann, wenn es einem nicht zufällig gerade anders beliebt.

Und deshalb dürfen wir uns nun nicht mehr sehen. Wir dürfen nicht mehr miteinander sprechen, lachen, weinen. So steht es in den Spielregeln vieler Menschen um uns herum, und vielleicht sind sie alle richtiger als unsere. Wir sollten uns eine Kopie machen und fortan nach fremden Regeln leben. Und uns wirklich nie wieder sehen.

Oder wir leben weiterhin nach unseren Regeln, die uns bis hierher gebracht haben. Und sehen uns. Wenn wir wollen, jeden Tag.

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