Let’s go to the seaside.

Zandvoort again, nur dieses Mal nicht allein. Dieses Mal mit dir. Um die Stadt von ihrer Sommerseite zu sehen, die man, im Gegensatz zur kalten Vorfrühlingsseite, niemals für sich allein hat.

 Beim letzten Mal der Strand wie ausgestorben, gähnende Leere im kleinen Dorfkern, die Restaurants spärlich besiedelt, die Softeis-Verkäuferin mit den Händen in den Schürzentaschen an Fenster stehend, gelangweilt, mit ein wenig bittendem Gesichtsausdruck, hallo-kauft-doch-mal-was, doch die Menschen gingen vorbei, schnell, es nieselte, und man dachte an vieles, aber nicht an Softeis.

Dieses Mal Sonne ohne Wolken am Himmel, tausende Menschen vor Ort, um den Sommer am Meer zu erleben, wenn auch nur für ein paar Tage. Die Softeis-Verkäuferin schwitzt, gemeinsam mit zwei Kollegen, und wünscht sich in jedem Moment das langweilige März-Wochenende zurück, an dem ich sie durch die Scheiben des gegenüberliegenden Cafés beobachtete. Wie schön das damals war, im Regen. Vielleicht. Wer erinnert sich schon so genau – die Stadt sicher nicht, sie sieht aus, als habe es hier niemals einen anderen Zustand gegeben als den überfüllten. Sie gefällt sich gut in ihrer Rolle als Touristenstadt, mit überteuerten italienischen Restaurants und zahllosen Modeschmuckläden, sie versprüht diesen Charme, dem du und ich jetzt auch erlegen sind, an diesen Tagen, an denen sich keine Wolke am Himmel blicken lässt.

Morgens still am Strand sitzend, dann, wenn da noch kaum jemand ist, ist das Meer ganz nah. Während fleißige Menschen wie kleine Gespenster umherhuschen und Strandliegen überall gleichmäßig auf dem feinen Sand verteilen, sitze ich da und starre auf die Wellen und warte darauf, dass du aufwachst und mir Gesellschaft leistest. Als du kommst, bringst du Pfirsiche mit und wir schweigen uns an, als wir essen und die Wellen beobachten, die sich vor uns zurückziehen, um uns nicht zu stören in unserer hingebungsvollen Stille. Wie leer ein Kopf werden kann, wenn er aufs Meer sieht. Wie wenig man manchmal mitzuteilen hat, wenn man glücklich ist, außer wenn man sagen will, dass man glücklich ist.

Wie als ein Teil des Ganzen liegen wir am Strand, der sich zunehmend fühlt, liegen dort stundenlang, ich arbeite daran, meine Hautfarbe an meine Haarfarbe anzupassen, wir sprechen kein Wort und beobachten Menschen und lassen uns von fröhlich plappernden Menschen in Hot Pants mit Sonnencreme-Gratis-Proben versorgen. Mittagssonne, heiß und krebserregend, ich liebe sie sehr und werde das eines Tages vielleicht bereuen, aber das trifft auf einiges im Leben zu. Um uns vergnügt quietschende Kinder und kurz aufkeimender Neid, der sich sofort in Wohlgefallen auflöst, sobald aus den vergnügten Quietschen ein nölendes Quengeln geworden ist. In der Hitze fühle ich mich lebendig. Wenn ich die Hand ausstrecke, bist du da und schaust herüber und lächelst. Selbst wenn ich überlege, mir fällt nichts ein, was ich sonst noch brauchen könnte im Leben.

Du und ich also, und die Stadt, in der ich mich vor Wochen selbst wiederfand, sie bringt Stille zwischen uns, plötzlich ist klar, wie das ist, wenn man sich ohne Worte versteht, plötzlich verstehe sogar ich das Prinzip des Schweigens, wenn man abends dasitzt und 43er mit Wodka und Orangensaft trinkt und nicht sprechen muss, weil alles perfekt ist, so wie es ist, und Worte es auch nicht besser machen könnten. Das ist es wohl, das Bezaubernde an diesem Ort, damals wie heute: Dass oberflächlich nichts passiert. Dass man dasitzt und alles um sich herum einfach geschehen lässt. Dass sich alles, was geschieht, im Innern abspielt. Dass man nicht zum Notizbuch greifen muss, um Gedanken zu ordnen. Dass man sich selbst aufräumt. Dass einem klar wird, dass das Leben nett zu einem ist, und man das endlich auch so sehen sollte.

Als wir am Tag der Abreise aufwachen, ist draußen vor dem Fenster nichts zu sehen. Dichter Nebel liegt am Strand wie ein unverschämter Pauschaltourist und lässt uns nicht zum Meer vordringen. Als wolle uns die Stadt den Abschied leicht machen. Als wir losfahren, blicken wir nicht zurück. Es gibt nichts mehr zu sehen, das wir nicht gesehen hätten. Was wir mitnehmen, liegt in uns. Nur das Schweigen, das lassen wir zurück. 

Schöne neue Welt.

Ein Jahr.
Ein Jahr ist es her, dass alles plötzlich anders wurde.
Vor einem Jahr, da war der Wandel plötzlich greifbar. Da hatte er einen Anstrich, eine Identität, und er trug deinen Namen.

Vor einem Jahr fast, an einem Sonntag, da lagen wir in der Mittagssonne am Rhein im Gras und starrten in den wolkenlosen Himmel und fühlten uns so leicht. So leicht wie schon so lang nicht mehr, fast schwebten wir davon. Ich hatte den Kopf auf deine Schulter gebettet, das Gras kitzelte meine Füße, irgendwo im Hintergrund rauschte ein Schiff vorbei, und wir lagen nur da. Und als du dann sagtest, du liebst mich, da hörte ich nur zu und glaubte es nicht, irgendwie. Um nicht wieder in die Falle zu tappen. Um nicht schon wieder den gleichen Fehler zu machen. Doch die Wirklichkeit hatte sich unbemerkt gedreht und alles war anders als die Male zuvor: Als jemand die Worte an mich herantrug, und ich glaubte, was er sagte, und es gelogen war. Dieses Mal wollte ich klüger sein und glaubte ich nichts. Und dieses Mal war alles wahr.

Manchmal sitze ich im Schneidersitz auf dem Boden und tue nichts und starre Löcher in die Luft und versuche, die alten Gedanken wiederzufinden, die Grübeleien über das Leben und meinen Platz in der Welt, den es nicht zu geben schien. Dann plötzlich frage ich mich, wann das angefangen hat: Wann haben alle Zweifel einfach aufgehört zu existieren, wann habe ich damit angefangen, das Gute in den Dingen zu sehen, wann hat plötzlich alles begonnen, einen Sinn zu ergeben? Und ich weiß, es kam nicht so plötzlich, wie es mir jetzt erscheint. Niemand hat einfach einen Schalter umgelegt. Weil es keinen gibt. Der Wandel kam langsam, gemächlich um die Ecke geschlendert, denn so wie man das Gras nicht beim Wachsen beobachten kann, ist es unmöglich, den Verlauf des Wandels einzufangen, ihn mit Nadeln auf einer Karte festzupinnen. Mal ein großer Schritt, mal viele kleine, mal gar keiner, dann sind es wieder ein paar zurück, dann wieder nach vorn. Im einzelnen kaum spürbar, doch am Ende alles verändernd. Und jetzt sitze ich da und suche die alte Schwermut und muss feststellen, sie ist gegangen und hat sich nicht verabschiedet.

Heute vor einem Jahr, da wurde uns die Sonne irgendwann zuviel, und wir standen auf und gingen los und kauften uns Pizza und Eis und das Leben bestand nur aus zwei Menschen, dir und mir, alles andere war nur Kulisse, die Welt rückte sich selbst in den Hintergrund, niemand dachte nur für eine Sekunde an morgen, an übermorgen, an die Zukunft. Weil sie sowieso da sein würde, irgendwie stand das niemals in Frage.

Vielleicht kann man nicht sagen, wann genau alles anders wurde, jedoch, was man sagen kann, ist: dass du die Konstante dabei bist. Heute vor einem Jahr bauten wir das Gerüst, auf dem heute mein Weltbild steht, ob das gut ist oder schlecht, darauf will ich keine Antwort haben.

Heute, da liegen wir nebeneinander am Strand, über uns der blaue Himmel ohne Wolken, und wir können unserer Haut nicht beim Rotwerden zuschauen, doch später wird sie es sein. Und wir liegen da und um uns tausend Menschen, die Lärm machen und dennoch nur Statisten sind, in einer Welt, die unsere Namen trägt, in der das Meer rauscht und wir nicht an morgen denken. Denn dass Morgen uns gehört, das steht doch außer Frage. 

Vorübergehend geschlossen

Die Eingebungen kommen ja manchmal einfach so zu mir, wie junge Hunde eilen sie heran und bringen ein paar Stöckchen, wie dressierte Affen kommen sie daher und spielen mir etwas auf der Trompete vor. Und anderntags, da bleiben sie einfach weg. Dann liege ich stundenlang am See, alle Kleidungsstücke so weit wie möglich von mir weggeworfen, und starre mit weit aufgerissenen Augen in den blauen Himmel, der mit seinen inhaltslosen Schäfchenwolken so leer ist wie die Stelle im Kopf, an der sich sonst üblicherweise die Ideen sammeln, als hätte jemand wie wild mit einem Radiergummi ein altes Blatt Papier bearbeitet, alles fort und ganz zerknittert. Nur die Sonne ist da und brennt alles aus und lässt alles Aufkeimende sofort verdorren.

Und mit dem Mund voller Pistazieneis setze ich mich auf und streichle meiner Begleitung den nackten Bauch und beobachte meine frisch lackierten Fußnägel, Mint Candy Apple, die alles sind, was ich heute zustande gebracht habe, und dann denke ich, nicht zum ersten Mal, wie schön das ist, das Leben mit so viel ungenutztem, brach liegendem Verstand, und warum das nicht immer so sein kann wie heute, das frage ich mich dann, aber dann ist an dem Tag nicht genug Hirnschmalz aktiv, als dass ich mir die Frage beantworten könnte.

Also sitze ich an einem Tag wie diesem weiter einfach da und stelle fest, dass Sommer ist, und bin stolz auf die beste Leistung des Tages, die nämlich, nicht am eigenen Pistazieneis erstickt zu sein, die lebenswichtigen Funktionen einwandfrei, ansonsten alle Sinne abgestellt, der Wasserhahn, aus dem normalerweise die geschärfte Wahrnehmung sprudelt, ganz fest zugedreht. Der eigene Körper wie in Watte gepackt.

Eigentlich der Vorsatz, jeden Raum zwischen zwei Atemzügen zu nutzen, ihn mit den eigenen Händen zu packen, dem Leben einen eigenen Anstrich verpassen, Carpe that fucking diem, wenn endlich mal die Zeit dazu vorhanden ist, so wie heute, deshalb ein Stapel Bücher, Notizbuch und Stifte im Anschlag, sorgfältig gestapelt direkt an der Hüfte im Gras liegend, da werden sie heute bleiben, weil manchmal ist eben alles geschlossen, auch der eigene Verstand.

Die Eingebungen werden schon wiederkehren, sie werden zu mir kommen und mir wie Grundschulkinder Lieder auf der Blockflöte vorspielen. Das Gedankengewitter, das dem klaren Sommergefühl folgt, das kommt schon. Und während ich mich aufsetze und nach dem Notizbuch greife und den Stift zücke und aufschreibe, wie schön es ist, mal auszureißen, mal, in gedachter Form, einen Tag lang nicht zu existieren, denke ich: Dass schreibende Menschen wohl niemals Urlaub haben. 

Zeit ist in Träumen sonderbar.

Die Uhr tickt. Manchmal kann ich sie ganz deutlich hören. Manchmal höre ich sie überhaupt nicht. Aber sie tickt, das tut sie wirklich. Und sie hört nicht damit auf.

Was ich meine, ist die Uhr im Wohnzimmer, das gleichzeitig Esszimmer und Lesezimmer ist. Der Ort, wo immer alles passiert. Wo man alleine sitzt oder zu zweit. Wo die Uhr tickt. Manchmal hört man sie so laut, dass ihr Ticken den gesamten Raum erfüllt, nicht wie das Ticken einer Bombe, sondern wie die Bombe selbst. Jedes Ticken eine Explosion. Zum Beispiel dann, wenn du mir gegenüber sitzt und wir uns nichts zu sagen haben und das Schweigen versucht, sich zwischen uns zu drängen, doch die Uhr, die schweigt nie und tickt lauter als zuvor.

16°C, sagt das Thermometer auf der anderen Straßenseite, als du gehst. Sechzehn Grad, die sich anfühlen wie dreißig. Ich sitze auf dem Balkon, über mir die Sonne, vor mir der Wein, und vor Trunkenheit falle ich fast über die Brüstung, als ich dir nachsehe. Als die Uhr stehenbleibt. Sechzehn gleich dreißig, und die Uhr sagt nichts, denn in der Hitze bleibt die Zeit stehen und läuft gleichzeitig viel schneller, ein Rennen gegen sich selbst, das sie gewinnen und verlieren wird. Die Wahrnehmung schlägt unvorhersehbare Haken im Kopf, taumelt mal vor, mal zurück. Immer der Wein. Ich sehe dir nach, wie du fortläufst, in der Hitze, oben vom Balkon aus, und die Uhr steht still. Vorbeiziehende Autos direkt vor mir auf der Hauptstraße, töten die Ruhe mit sicherer Hand, immer im Rudel. Dann, für ein paar Sekunden, gewinnt die Stille die Oberhand, bringt sich in Position, dann kündigt sich von weitem der nächste Linienbus an und der Moment ist dahin. Die Stille, ein theoretisches Konstrukt, denn eigentlich tickt immer die Uhr, ist immer der nächste Bus nicht weit, wacht immer gleich das nächste Baby schreiend auf.

Mein Kopf pulsierend von Wein und Sonne und Leere. Geschrei unter dem Balkon; vor dem drittklassigen Burgerladen in meiner Straße sitzen immer, wenn ich vorbeigehe, zwei fette Menschen und knutschen, als würden sie dafür bezahlt. Ich frage mich, ob die jetzt auch da sitzen, obwohl ich heute nicht vorbeigehe. Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, schon die nächsten Autos, ein alter Mann wird fast überfahren. Vollbremsung, ein lauter Knall, Feuerwehr, Krankenwagen, Rettungsdienst.
Ich sitze da und schaue zu und der Wein gluckst in meinem Bauch, die Uhr tickt nicht und du kommst nicht nach Hause. Es kann noch nicht so spät sein, die Sonne ist noch da, oder ist die auch stehengeblieben. Bleibt jetzt immer alles stehen, wenn du nicht da bist?

Siebzehn Grad, sagt das Thermometer. Eine Menschentraube bildet sich unter dem Balkon. Wenn ich falle, falle ich weich.
Mein Kopf zeigt Bilder: Die Welt ohne dich, die Welt im Stillstand. Alles eingefroren, Menschen bleiben einfach stehen, niemand rührt sich, bis es weitergehen kann, mit dir.
Der Wein: leer. Die Sonne: heiß. Ich stehe auf und gehe hinein. Die Uhr tickt nicht, und du kommst nicht zurück. Menschen auf der Straße, und du bist nicht dabei. Mehr Wein, bitte.

Achtzehn Grad, sagt das Thermometer. Achtzehn Grad, die sich nur noch anfühlen wie zwanzig. Kühl wird es, und du kommst nicht zurück. Ich gehe hinein und nehme die Uhr von der Wand und die Zeiger bewegen sich nicht, und ich halte mein Ohr an die Rückseite und das Ticken erfüllt meinen Körper und ist laut wie die Glocke eines Kirchturms und macht mich fast ohnmächtig. Die Uhr, wie kann sie weiterticken, wenn du nicht zurückkommst. Ich gehe hinaus und halte sie über die Brüstung und lasse los und Sekunden später ist sie nicht mehr als tausend Teile, die nicht mehr zusammenpassen. Die Menschen von unten schauen entgeistert nach oben. Ich gehe hinein und da ist sie, die Stille, in schönster Vollendung, und niemand wird an ihr zweifeln. Und du kommst nicht zurück.

Neunzehn Grad, sagt das Thermometer. 

Zandvoort. Ein später Reisebericht.

“Wir wünschen eine bezaubernde Reise.”

Zandvoort im März.

Einmal die Heimat verlassen, das Zuhause und alle geliebten, weniger geliebten und ganz und gar nicht geliebten Menschen hinter sich lassen, nur der eigene Kopf und das Meer und der Wind. Ein minimalistisches Pensionszimmer und ich. Für drei Tage alles hinter sich lassen: Alles bleibt zurück. Ich gebe die Schwermut an der Landesgrenze ab und als der Zug mich durch grüne Wiesen und an Pferdekoppeln vorbei durch die Landschaft bugsiert, ist der Kopf schon so leicht, dass ich ihn kaum noch spüre. Flucht ergreifen vor dem Alltag, das Konzept scheint zu funktionieren.

Angekommen. Das Gepäck im Zimmer abstellen und loslaufen, zum Strand sind es nur ein paar hundert Meter, ich laufe und das Herz hüpft, denn das Meer, das ist schon immer meine heimliche große Liebe, und es empfängt mich mit seiner wohltuenden Ruhe, winkt mir mit seinen gleichmäßigen Wellen zu und sagt rauschend Hallo, ein Rauschen, in dem ich mich auf der Stelle verlieren will. Ich laufe ein Stück, der Sand rieselt mir in die Schuhe, ich laufe weiter und friere und fühle mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder frei. Bei mir selbst angekommen.

Drei Tage für mich. Drei Tage frierend, aber nur mit mir selbst. Drei Tage nur das Nötigste sprechen, in Ermangelung eines gemeinsamen Nenners namens Sprache nur mit dem Finger auf Dinge zeigen, freundlich nicke ich, wenn man mich anspricht, auch wenn ich nichts verstehe. Die Menschen sind nett, auch wenn es draußen nieselt und ich drinnen sitze und schreibe und einen Kaffee nach dem anderen bestelle, nichts als Kaffee. Drei Tage ungefiltert alles aufschreiben, sei es schön oder schmerzhaft, drei Tage Zeit, um zu erkennen, was man wirklich will. Wie das Leben weitergehen soll. Als ob drei Tage dazu ausreichen würden. Am ersten Abend erlebe ich den schönsten Sonnenuntergang der Welt, gefühlt, beobachte unerschrockene Surfer, sitze auf einer Bank, bis die Sonne verschwunden, bis es dunkel ist und ich meine Fingerkuppen nicht mehr spüren kann.

So viele Erkenntnisse auf einmal. Wie viele Dinge tue ich nur, weil ich glaube, dass andere sie von mir erwarten?, die Antwort lautet: Jeden Tag viel zu viele. Plötzlich die Freiheit in den abgefrorenen Fingern zu fühlen, die Freiheit, alles zu tun, ohne auch nur eine einzige Rechtfertigung. Ein halber Tag, den ich nur im Pensionszimmer verbringe, eine ganze Flasche Rotwein trinkend, draußen ist es viel zu kalt. Bei wem muss ich mich entschuldigen?

Am zweiten Tag winkt mir der Verkäufer am Fischstand direkt am Meer freundlich zu, als ich vorbeigehe, ich winke zurück und lächle. Schon nach einem Tag bin ich überall das seltsame rothaarige Mädchen, das alleine unterwegs ist und nicht spricht und immerzu lächelt. Das die fragenden Blicke spürt und heimlich hinter vorgehaltener Hand darüber kichert.

Wieder am Strand sitzen, wieder frieren, wieder schreiben, versuchen zu denken, aber der Kopf ist so leer, wie mit Salzwasser ausgespült. Alles ist so leicht hier. Alles ist vielleicht überall so leicht, wenn man einfach mal weniger nachdenkt, in der Summe. Dann regnet es, und ich sitze drinnen im Café und beobachte Menschen, betrunkene Jugendliche oder junge Familien, welchen Unterschied macht das, alles wirkt so friedlich. Abends ziehe ich im Pensionszimmer die Schuhe aus und verteile Sand auf dem Boden und im Bett und überall.

Erkenntnisse, sie liegen überall verstreut herum, und man stolpert über sie hinweg, dreht sich um, hebt sie auf und steckt sie ein. Dass ich es liebe, hier allein, alleine hier zu sein, für mich, schreibend, was bedeutet: in meiner natürlichen Lebensform. Die Erkenntnis, wie viel alles wirklich wert ist. Wie sehr man so vieles unterschätzt, nur weil es immer da ist. Dass sich der Wert von Menschen nicht erhöht, nur weil man um sie kämpfen muss, weiß man dann, wenn jemand daher kommt, um den man nicht kämpft und der mehr Wert ist als alle anderen. Die Erkenntnis, dass ich dorthin zurück möchte, eigentlich wusste ich das auch zuvor, aber die Bestätigung könnte nicht größer sein.

Zandvoort ist eine Romanze, ein kurze Umarmung, um die ich trauere, als sie zu Ende geht. Drei Tage, in denen die Stadt mir viele Gesichter gezeigt hat. Regen, Sonne, Menschen. Sand in den Schuhen, Salzwasser im Kopf, gefühlt. Watte im Kopf, Leere im Hirn, alle Gehirnwindungen ausgespült und abgetrocknet, vorbereitet für alles kommende. Am dritten Tag nehme ich einen früheren Zug zurück, es regnet und ich friere noch immer, die Kälte scheint überall, nur in mein Herz dringt sie nicht vor. Ich schaffe es, dem Meer zum Abschied kurz zu winken, lege den Pensionszimmerschlüssel auf den Tisch neben die Kaffeemaschine, ziehe die Tür hinter mir zu. Am Bahnhof freundliche Menschen, wie gewohnt. Im Zug ein betrunkenes Pärchen, das ihren viel zu groß geratenen Hund auf dem Sitz sitzen und Dosenbier aus einer Plastikschale trinken lässt. Immer diese Sympathie für Alkoholiker. Der Zug fährt los und ich schaue zurück und gleichzeitig nach vorn und bin froh, hier gewesen zu sein. Denn es war eine ganz bezaubernde Reise. 

Reach out!

Heute scheint die Sonne nicht: Die Trostlosigkeit der Welt ist in der Gemütslage anderer begründet. Niemals in meiner eigenen, nicht heute. Eine Gemütslage, die ich nicht verstehe, die ich gar nicht erst versuche zu verstehen, weil ich nichts mit ihr zu tun haben will. Heute scheint die Sonne nicht. Nicht für mich und nicht für dich, doch mich interessiert das heute nicht, nicht heute. Dich schon.

Das Chaos um mich herum meint mich heute nicht. Der Anflug des schlechten Gewissens, ich verscheuche es wie eine lästige Fliege, die in meinen Kopf meine Gedanken durcheinanderbringt. Hier, in meinem eigenen Kosmos, ist Chaos nicht erwünscht. Nicht heute.

Die Zeit des Glücks schreitet mit kleinen Schritten voran, und so langsam gehen mir die Probleme aus, von denen ich erzählen kann. Die ich in bunten Worten, in lebhaften Buchstaben in eine Reihenfolge, in einen Gedankenstrom bringen kann, um andere zu informieren, wie schlecht es um mich und meinen Geisteszustand bestellt ist. Mein Geisteszustand, selten hat er mich weniger interessiert. Was übrig bleibt, ist das schlechte Gewissen, der Gedanke, dass ich das Glück wie ein Schwamm in mein Leben sauge und deshalb nichts davon für andere übrig bleibt. Denn um mich herum steht ihr und macht traurige Gesichter, aus einem bunten Strauß an Gründen, und ich betrachte euch aus sicherer Distanz und weiß, dass ich eines Tages wieder einer von euch sein könnte, sein werde. Bis dahin will ich euch nicht um mich haben, so leid es mir tut. Ich ignorantes Arschgesicht. Eigentlich interessieren mich eure Probleme nicht, will ich rufen, mich abwenden und im Gehen meine guten Ratschläge an geheimen Orten verstecken, eine Schnitzeljagd spielen mit denen, die gute Ratschläge nötig haben.

Eigentlich machen mich eure Probleme ärgerlich, euer selbstgewählter Unmut, ich weiß doch, wie das ist. Jedem geht es immer am schlechtesten, ich weiß doch, wie das ist. In der eigenen Misere zu baden, ich hab’s doch selbst erlebt. Auf nichts liegt man weicher gebettet als auf dem eigenen Selbstmitleid, das einen jeden Abend in den Schlaf wiegt.

Steht doch mal auf und lasst eure Traurigkeit liegen, ihr versucht es ja nicht einmal! Geht doch mal raus und lernt das Leben kennen, es ist besser als sein Ruf. Seid doch mal glücklich! Steht doch mal auf und geht raus und kauft euch ein Eis und setzt euch auf eine Wiese und beobachtet die Enten oder Grashüpfer oder Menschen. Und dann komme ich auf meinem hohen Ross vorbeigeritten und lächle auf aufmunternd zu und falle in der nächsten Kurve aus dem Sattel, aber das kann euch dann egal sein. Und mir auch.

Um Himmels Willen, tut einfach was. Tut mir den Gefallen. Streckt die Hände aus und greift nach dem Leben. Eines Morgens werdet ihr aufwachen und feststellen: Die Schwere ist von euch abgerückt. Und ihr wisst nicht, wo sie hin ist, aber ihr fühlt ihren Atem nicht mehr in eurem Nacken. Und dann werdet ihr zurückschauen und feststellen, dass ihr den Wendepunkt, die Stelle verpasst habt, als der Vorhang der guten Zeit sich wieder hob und es einfach weiterging, fast so, als habe es nie schlechte Zeiten gegeben. Und ihr akzeptiert die gute Zeit als permanenten Begleiter, ihr legt ihr den Arm um die Schulter und schließt Freundschaft mit ihr.

Und dann scheint die Sonne nicht, doch die Trostlosigkeit ist nicht länger euer Problem. 

Der frühe Vogel fängt den Schmerz

Manchmal muss man einfach aufräumen. Ordnung schaffen im Kopf. In den Himmel schauen, der blau ist, mit einem Verstand der leer ist, manchmal.
Der Verstand, manchmal ist er einfach weg. Dann gehst du raus und denkst, du kannst alles so wie früher machen, weil früher so viel Leben war und heute so viel Alltag ist.

Früher, da fühlte es sich so leicht an, ein schweres Leben zu führen.

Früher, das ist der Geruch frischer Brötchen, wie du ihn nur ganz früh am Morgen riechen kannst, so früh am Morgen, wenn die Dunkelheit und die Helligkeit dir gleichzeitig Gesellschaft leisten, auf dem vertrauten Weg, den du langsam heimwärts schwankst. Barfuß, die Schuhe in der Hand tragend, noch ganz beseelt vom Bier, vom Schnaps, von fremden Menschen im dunklen Vorraum zur Damentoilette, von Händen dort, wohin sie nicht gehören, eigentlich, aber wo sie sich so gut angefühlt haben, und alles war egal, alles war erlaubt, denn du warst ja so frei und nichts und niemand konnte dir etwas anhaben. Und vorsichtig gehst du einen Schritt nach dem anderen vorwärts, die Füße schmerzen auf dem harten Asphalt, das Herz schmerzt auf dem Bett der Verwirrungen, das du dir selbst gezimmert hast. Und dann bist du zuhause und seufzt, weil du jetzt noch eine halbe Stunde schlafen könntest, bis du zur Arbeit musst, und weil immer alles so schmerzhaft ist. So kompliziert, dieses Leben, so schwer, und doch ganz genauso, wie du es gerne hast.

So ein schweres Früher, von heute aus gesehen gleicht es einem alten Brunnen, in den du hinabschaust und auf dessen Grund du je nach Lichteinfall ausgewählte Einzelheiten erkennen kannst, nur der Geruch, der ist immer gleich. Und eines weißt du schon, nämlich, dass das Früher jetzt nicht mehr dein Jetzt ist, und dennoch blickst du sehnsüchtig hinab, von Zeit zu Zeit, weil früher, da war mehr Schmerz, irgendwie, mehr Chaos, das du heute gerne zurückhättest, von Zeit zu Zeit, um dein Dasein mit Ereignissen zu füllen, die sich in schneller Abfolge wahllos aneinanderreihen. Manchmal willst du einfach wieder wissen, wie das war.

Und dann trittst du einen Schritt nach vorn und fällst kopfüber hinein, in dein persönliches Früher, in die entschärfte FSK-12-Light-Version, die du ausnutzt, millimetergenau bis zur Grenze des Erlaubten, und daran merkst du, das alte Früher, das kommt nicht zurück, das hat hier nicht auf dich gewartet, während du weg warst und dein Leben weitergelebt hast. Denn früher, als zuhause niemand war, der an dich gedacht hat, dem du wichtig warst, da war die Schwere leichter zu fassen, der Exzess schwerer zu verhindern. Da war das Prinzip der Selbstzerstörung ein einfacher Mechanismus, ein Pawlowscher Reflex, du gingst vor die Tür und wolltest dich selbst so hart abfucken wie möglich, wolltest auf jeder nur möglichen Ebene an die Grenzen des Erträglichen gehen, um dich darin selbst zu finden.

Früher, das ist heute ein zu klein gewordener Tanzschuh, in den du dich zwängst und in dem du dir nach spätestens zwei Stunden eingestehen musst, dass er dir nicht mehr passt. Und dann willst du umkehren, nach Hause gehen, ihn ausziehen und barfuß mit dem Menschen tanzen, der dort auf dich gewartet hat, ganz allein mit dem Menschen, der dir heute mehr bedeutet als alle, die da vorher waren, zusammen, und du willst ihm erzählen, was früher war. Und dann ist Früher nicht mehr als eine Ansammlung liebgewonnener Erinnerungen, um die du schützend die Arme legen willst, um sie nicht zu verlieren, und die du plötzlich dennoch auf Abstand halten willst.

Manchmal muss man einfach aufräumen. Ordnung schaffen im Kopf. In den Himmel schauen, der blau ist, mit einem Verstand der leer ist, manchmal.
Der Verstand, so schnell kommt er manchmal wieder. Dann siehst du deutlich vor dir, dass Früher gerne Früher bleiben will. Dass die Schwere nicht mehr über deinen Alltag herrscht. Dass Heute ein Geschenk ist, irgendwie.