It’s up to me now, turn on the bright lights.

brightlight

Texte zu schreiben, das bedeutet, Gedanken aneinanderzureihen. Immer einen an den anderen. Only one thought at a time. Manchmal funktioniert das noch nicht so richtig. Diese Ordnung im Kopf, dieses geordnete Denken, die zurechtgerückten, auf die richtige Länge gestutzten Wortschlangen, das alles ist mir manchmal noch so fremd. Wenn ich beginne nachzudenken, dann ist da ein Brummen in meinem Kopf, klare Gedanken erkenne ich nirgendwo. Dann gebe ich angestrengt auf und der Kopf brummt lauter und alles dreht sich ein bisschen und wirkt viel zu weit weg und ich schnappe erschöpft nach Luft. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, manchmal noch nicht richtig anwesend zu sein, irgendwie ganz weit weg und doch in einer Art und Weise anwesend im Hier und Jetzt.

Was man mit der Zeit feststellt: Trauer ist ein schwebender Zustand, mehr situativ als permanent. Trotzdem nimmt sie dich gänzlich ein, sie verschluckt dich und hält dich gefangen, und du kannst nicht mehr tun, als dich in kleinen Etappen von ihr zu lösen, wenn der richtige Moment gekommen ist, der Moment, in dem du ihr überdrüssig wirst. Weil du irgendwann nicht mehr darüber sprechen willst, was passiert ist, weil du irgendwann alles beiseite legen willst, was deinen Organismus wochenlang lahm legte. Du willst die Erinnerung bei dir behalten, auch wenn sie schmerzt, aber du willst sie nicht täglich mit dir führen. Du willst weitermachen, du willst das glauben, was alle sagen: Dass das Leben weitergeht. Dass vielleicht niemals alles so wie vorher sein wird, aber doch wieder alles in Ordnung kommt. Weil du weißt, dass sie Recht haben.

Es ist ein bisschen wie nach einem Unfall, wenn man in einem Auto sitzt, das sich überschlägt oder eine Klippe hinunterstürzt und an Felsen zerschellt oder eine Brücke hinab stürzt und tief ins Wasser sinkt. Es ist, wie wenn man aus dieser Situation ganz knapp gerettet wird und dann erst mal für eine Weile im Koma liegt und irgendwann wieder aufwacht und langsam wieder zurück ins Leben findet und merkt,alles sitzt zwar noch an der richtigen Stelle, doch irgendwie funktioniert der Körper noch nicht so richtig, und man weiß, das dauert eben einfach alles ein bisschen, ein bisschen zu lange, irgendwie. Und die Dauer der Regeneration erscheint dir ewig, doch eines Tages schaffst du es ohne fremde Hilfe, ganz alleine, aus deinem Krankenbett aufzustehen. Du klammerst dich an deine Krücken und humpelst ans Fenster und beobachtest draußen die Bäume, die sich im Wind wiegen, und bist plötzlich ganz fasziniert davon, was die Welt alles zu bieten hat. Und zum ersten Mal seit Wochen nimmst du wahr, dass du am Leben bist. Und kurz darauf nimmt die Zeit der Reha ein Ende und du bist so froh, weil du irgendwann selbst ganz ungeduldig und genervt bist von deinem Unvermögen, richtig zu funktionieren. Irgendwann weißt du, das mit der vollständigen Genesung, das dauert noch eine Weile, aber die lebenswichtigen Organe funktionieren wieder einwandfrei, also entlässt du dich selbst zurück in die Realität, denn am Ende ist alles was du willst: dein Leben zu leben.

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, sich zu erholen, wenn man mit einem Auto von einer Brücke stürzte. Was ich weiß, ist: Meine eigene Reha-Zeit läuft langsam ab. Die Zeit, in der ich die „Entschuldige mein Verhalten, aber ich hatte eine Fehlgeburt“-Karte, die ich immer und überall in unbegrenzter Zahl auf der Hand oder im Ärmel hatte und die immerhin der einzige Joker war, der mir noch blieb, immer und immer wieder spielen konnte, geht zu Ende. Da war dieser eine Moment, in dem ich plötzlich verstand, dass die Entscheidung, wie es weiter geht, einzig und allein bei mir liegt. Seit diesem Tag stehe ich wieder jeden Morgen auf und lebe mein Leben, so wie sich das gehört, wenn auch oft noch ein bisschen wackelig auf den Beinen. Manchmal noch mit Tränen im Augenwinkel, manchmal noch mit zittrigen Händen, hin und wieder noch mit missgünstigen Blicken auf andere Schwangere und traurigen Gedanken beim Anblick lachender Kleinkinder. Meistens noch mit Chaos im Kopf und ohne Ordnung im Hirn, gleichzeitig mit der Überlegung, ob das vorher überhaupt jemals wirklich anders war. Auf jeden Fall aber, vielleicht mehr als zuvor: Mit Freude auf alles, was kommt. Mit einem Lächeln, das schon wieder erstaunlich gut sitzt. Mit einem Brautkleid im Schrank und dem Gedanken daran, das restliche Leben mit dem Menschen zu verbringen, den ich mehr liebe als alles sonst auf der Welt.

Ich mag das Gefühl, dass das Leben immer weitergeht. Dass es mir mein Kind weggenommen hat, das nehme ich ihm übel, ja, immer noch und sicher noch eine ganze Weile. Es hat die Chance zur Wiedergutmachung, das Leben. Denn ich bin hier und warte. 

Die Zeit läuft, aber ich laufe nicht mit.

45846716775

Wenn ich manchmal einfach abtauche aus der Realität, dann sitze ich da und bin einfach weg, gefangen in meinem eigenen Kopf, und wenn ich wieder zu mir komme, kann ich nicht mehr sagen, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Dann bin ich in Gedanken bei den vielen Kleinigkeiten, an die ich mich so klammere, als könne ich sie eines Tages einfach irgendwo verlieren, im Zug liegen lassen vielleicht, und danach nie wiederfinden. Dann sehe ich mich selbst vor dem Spiegel stehen, in der einen Hand ein weißes Plastikstäbchen, mir die andere Hand vor den Mund haltend, und ich fühle wieder und wieder diese erste Sekunde, in der ich realisierte, was da gerade los war, diese Sekunde, die mir für die nächsten Wochen ein Lächeln ins Gesicht tackerte, das sich nicht mehr abschütteln ließ. Dann denke ich daran, wie ich ein Mal auf diesem Stuhl saß, auf einem Monitor ein kleines Herz schlagen sah, einen kleinen Punkt, der munter auf und ab hüpfte, und wie ich kurz darauf vor Verzückung, vor Liebe, mit nichts als rosa Watte im Kopf, mit der U-Bahn in die falsche Richtung fuhr und es viel zu spät merkte und einfach nur weiter lächelte. Dann höre ich mir selbst noch einmal dabei zu, wie ich der Katze erkläre, dass sie jetzt nicht so auf meinem Bauch herumtrampeln darf, weil darin jetzt jemand wohnt. Dann höre ich die Stimme der Arzthelferin, die mir sagt, ich sähe ja blendend aus, und dann ist da meine eigene Stimme, die sagt, ja, ich sei wohl von allen schlimmen Begleiterscheinungen verschont geblieben. Eine halbe Stunde, bevor alles vorbei war.

Ich kann noch nicht so richtig zu mir kommen. Ich weiß nicht, wie das geht. Es gibt diese Tage, die leben sich, so scheint es, einfach von selbst, ich muss nichts tun und vieles funktioniert wie vorher, alles schaltet auf Autopilot, man muss nur anwesend sein und dann geht das schon alles irgendwie.

Andere Tage, und das sind die meisten, die tun weh, innen und außen und überall, da versuche ich zu funktionieren und dann kommt jemand, der fragt, wie es mir geht, oder auch, warum ich denn so lange krank war, was denn da los gewesen wäre, und dann bricht alles über mir zusammen und begräbt mich unter sich und ich sitze da und kann mich nicht bewegen und fühle mich in meinem eigenen Körper, in meiner eigenen Traurigkeit, gefangen, als gäbe es da nie mehr einen Ausweg. Da bekomme ich Panikattacken, wenn ich abends alleine zuhause sitze und merke, dass ich seit Stunden nichts tue als dem Ticken der Uhr zuzuhören. Da kaufe ich eine Avocado fürs Abendessen, schneide sie auf, überlege es mir plötzlich anders, werfe sie einfach weg und werfe einen Blick auf das Messer und denke, nein, so ein Emo bist aber jetzt schon seit zehn Jahren nicht mehr, lasse es liegen und gehe ohne Essen ins Bett. Um 19 Uhr. Da wache ich am nächsten Morgen um 5 Uhr auf und versuche, mich daran zu erinnern, wofür ich früher so aufgestanden bin, und weiß es einfach nicht mehr, und tue es trotzdem, weil was soll man auch sonst tun.

Da bemerke ich die Ungeduld der anderen, die Verständnis haben wollen, aber sich nicht sicher sind, wie weit das reichen soll und wie man es äußert, weil niemand genau weiß, wie lange man braucht, um über sowas hinweg zu kommen, über so einen geschlechtslosen toten Fötus, wie lange kann das schon dauern, zu vergessen, andere haben das schließlich auch erlebt und die haben sich vielleicht nicht so angestellt oder noch mehr, man weiß es nicht, weil niemand jemals darüber redet. Aber man wird ja mal fragen dürfen, wie es so geht, langsam ist doch Schluss, das Leben geht weiter und man kann das ja alles nochmal probieren, die Zeit heilt alle Wunden und andere Spermien machen ja bestimmt auch schöne Kinder. Man darf nur nicht aufgeben und muss immer positiv denken und alles hat ja auch irgendwie einen Grund, welcher das war, das wird man dann schon noch sehen. Und während ich hinhöre und glauben will, was da gesagt wird, denke ich doch nur, wie sehr ich jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt um sein Unwissen darüber, wie sich all das anfühlt, beneide.

Ja, ja, ich weiß, die Zeit läuft weiter und mit ihr das Leben, aber heute und morgen und vielleicht sogar übermorgen, da laufe ich nicht mit. Da stehe ich am Rand und beobachte und versuche zu lernen, wie man jetzt weitermacht, vielleicht ist das wie Laufen lernen, am Anfang schwer und dann geht es wie von allein, und ja, da fällt man dann vielleicht anfangs oft hin und schlägt sich die Knie auf und weint, und wichtig ist, wieder aufzustehen, auch das ist mir bekannt.

Was auch immer dieses normale Leben ist, wie auch immer es sich anfühlt, ich werde es wiederfinden, das weiß ich, vielen Dank. Aber nicht heute. Nicht morgen. Ich weiß nicht, wann. 

Dead Baby Sadness

 

Es ist leider nicht in Ordnung, haben sie mir gesagt.

Es ist nicht in Ordnung. Da wächst nichts mehr. Da schlägt kein Herz mehr.
Es ist nicht in Ordnung lässt den Raum zur Seite kippen, und alle Gedanken fliegen durcheinander.
Es ist nicht in Ordnung legt einen Schleier über alles. Über das Denken. Über das Handeln. Über uns.
Es ist nicht in Ordnung gewesen. Und seitdem ist gar nichts mehr in Ordnung.

Es ist unheimlich schwer, einen Menschen herzustellen, haben sie mir gesagt. Deshalb passiert das so oft, haben sie mir gesagt. Es sei wirklich nicht meine Schuld, haben sie mir gesagt. Und doch fühlt es sich genauso an. Als habe ich versagt. Als seien alle Frauen fähig, Kinder zu bekommen. Nur ich nicht. Nur ich bin die, die macht, dass Herzen einfach wieder aufhören zu schlagen.

Ob ich bequem liege, haben sie mich gefragt, auf dem OP-Tisch. Ob mein Kopf so richtig liegt. Ob sie meine Arme anders hinlegen sollen, damit es bequemer für mich ist. Aber es ist mir egal, ob ich bequem liege.
Als ob ich überhaupt noch wüsste, wie sich bequem liegen anfühlt. Als ob ich Interesse an einer bequemen Lage hätte. Wo ich doch gleich hier einfach einschlafe und hoffe, nicht wieder aufzuwachen, und es ja doch tun werde. Wo ich doch gleich wieder aufwachen werde und alles aus mir herausgeschabt sein wird, mir alles fehlen wird, worum sich in den letzten Wochen alle meine Gedanken drehten.

Ob ich große Schmerzen habe, haben sie mich gefragt, im Aufwachraum. Ob ich ein stärkeres Schmerzmittel brauche. Ja, das brauche ich. Bitte. Ein Schmerzmittel für alles. Hier, im Aufwachraum, wo ich zwei Stunden liege, nur durch eine Wand getrennt von einem Raum, wo im Fünf-Minutentakt Kinder zur Welt kommen, die ich schreien hören kann. Ärzte, die Eltern beglückwünschen. Hebammen, die Babys messen. Babys, die schreien. So wie meines das niemals tun wird.

Wenn ich nichts trinke, können sie mich nicht nach Hause entlassen, haben sie mir gesagt. Also trinke ich, obwohl ich gar nicht nach Hause will. Ich will nicht in eine Wohnung, in der ich bisher immer nur schwanger gelebt habe. Ich will nirgendwo hin. Ich will nirgendwo sein. Ich will nichts außer einfach nur mein Kind zurück.

Beim nächsten Mal klappt es bestimmt, haben sie mir gesagt. Sie sind ja noch so jung, Sie werden ganz bald wieder schwanger werden, haben sie mir gesagt. Wir sehen uns bald wieder und dann ist alles in Ordnung, haben sie mir gesagt.
Aber ich wollte nie ein nächstes Mal. Ich wollte dieses Kind. Dieses eine besondere Kind. Nicht das nächste. Nicht ein anderes. Dieses. Das kam, als niemand mehr damit rechnete. Das mich wochenlang so glücklich machte wie nichts anderes zuvor auf dieser Welt. Das ich niemals kennenlernen durfte und dennoch jetzt so sehr vermisse.

Und deshalb wird überhaupt nichts in Ordnung sein. Deshalb liege ich da und starre auf eine Flasche voller Flüssigkeit, die langsam tropfend in meinen Arm hinein- und umso schneller aus meinen Augen wieder herauszulaufen scheint. Deshalb liege ich da und Blut sammelt sich unter mir und es ist mir egal. Deshalb kann ich nichts trinken. Nichts essen. Nicht denken. Mit niemandem sprechen. Deshalb ist alles so leer. Deshalb wünsche ich mir, mein Herz hätte genauso aufgehört zu schlagen wie das meines Kindes.

Denn was ich gegen diese ganzen Schmerzen machen kann. Wie ich irgendwann wieder aufhören kann zu weinen. Ob ich irgendwann einfach so wieder alleine sein kann. Wie ich damit zurechtkommen soll, dass nicht sein wird, was hätte sein können. Wie ich jetzt einfach so mit meinem Leben weitermachen soll.

Das alles hat mir niemand gesagt. 

Quiet, please.

IMG_20130203_153739

 

Was tun, wenn es so viel zu sagen gibt und gleichzeitig so wenig. So vieles, das man gerne sagen würde, so wenig, das man einfach so aussprechen will. Sarah, du musst mal lernen, dass man manches vielleicht besser für sich behält. 

Da fallen einem die passenden Worte ein, aber man vertauscht einfach ein paar Buchstaben, macht andere Worte und Sätze daraus, man schwenkt einfach um und lässt sich nichts anmerken und innen ist so viel Aufruhr, den man noch nicht so ganz einordnen will. Denn wenn das Leben Purzelbäume schlägt, spricht es damit manchmal einfach für sich selbst, da bedarf es keiner kommentierten Sonderedition, da steht alles verständlich und in Großbuchstaben da, da schaut man hin und versteht und nickt wissend, da kichert man in sich hinein und macht doch einfach weiter, als sei nichts. Manchmal sind auch das die guten Momente, die sich dadurch auszeichnen, dass man sie mit niemandem teilt, sie für sich behält und sorgsam aufbewahrt. Teilen war ohnehin noch niemals meine Stärke, mitteilen von Zeit zu Zeit noch weniger.

Zu viele gute Momente lassen sich ja doch nie realistisch nacherzählen, wenn zu viel passiert, dann kann man das einfach nicht mehr vernünftig zusammenfassen, ohne zu viel Wichtiges wegzulassen. Da kann man nur Erinnerungen und Fakten bruchstückartig zusammensetzen, wie ein Mosaik, und heraus kommt dann die eigene Form von Realität, eine Interpretation des Erlebten, das nie ganz der Wahrheit entspricht, aber das ist egal, weil die ja meistens sowieso langweilig ist. Übrig bleiben später immer nur die Anekdoten: Dass uns, als wir umzogen, in der neuen, leeren Wohnung zuallererst ganz plötzlich die Katze abhanden kam, dass wir eine Nacht lang im strömenden Regen, mit Taschenlampe und Futterdose bewaffnet, durch unsere neue Nachbarschaft wanderten, die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, dass wir irgendwann aufgaben, die restliche Nacht wach lagen und die Katze am nächsten Morgen auf Nachbars Terrasse wiederfanden. Dass die Katze seitdem kaum noch mit uns kommuniziert und die neue Wohnung noch nicht richtig zu akzeptieren scheint. Dass es in der neuen Wohnung gespenstisch still ist, man sich ein bisschen wie auf dem Land fühlt und immer erst kurz überlegen und darüber nachdenken muss, in welcher Stadt man nun eigentlich wohnt. Dass das jetzt schon alles ganz in Ordnung ist und dass man sich hier schon nach so kurzer Zeit wirklich zuhause fühlt (und in diesem Fall ist das sogar die volle Wahrheit).

Die Dinge, die man sich so erzählt, wenn man sich sowieso gerade schon im Gespräch befindet. Und, wie war der Umzug so? – Ach, du weißt ja. Aber nie wieder ohne Umzugsfirma, und überhaupt.
Eine gute Gelegenheit, ein paar andere Kleinigkeiten zu verschweigen, die sowieso niemanden etwas angehen. 

 

Unterwegs

IMG_20121225_101031

Ich weiß schon längst nicht mehr, wer oder was ich gerne sein will, und das halte ich für eine Verbesserung der Umstände, weil ich denke, das sein zu wollen, was ich bereits bin. Dass das eigentlich gelogen ist, fällt mir selten auf, doch an diesem Abend, der jetzt schon wieder einige Tage her ist, spiegelt sich nur Leere in der Fensterscheibe der S-Bahn, da, wo ich eigentlich sitze, auf dem Weg nach Hause, auf einer Reise wie durch ein Paralleluniversum, einer Reise von einem Paralleluniversum zum nächsten durch ein weiteres. In diesem Jahr bewege ich mich zwischen verschiedenen Unwirklichkeiten hin und her und, bei genauerer Überlegung, könnte ich es auch einfach dabei belassen.

Sich einfach eine neue Welt schaffen, um die alte weniger hinterfragen zu müssen.

Es ist der erste Abend im neuen Jahr, und die Außenwelt liegt seltsam verlassen da, da sind keine Menschen zu sehen, niemand außer mir will heute reisen, das leise Surren der S-Bahn nur für mich und wie von ganz weit weg und gleichzeitig wie von ganz nah. Das Zusammenspiel der Geräusche lässt die Wirklichkeit einfach verschwinden und ich warte auf einen weißblonden Cowboy, der sich mir mit leerem Blick gegenübersetzt, oder auf einen Anruf auf meinem eigenen Handy, bei dem mich meine eigene Stimme fragt, wer ich denn eigentlich sei. Aber das hier ist kein David-Lynch-Film und nichts passiert.

Und ich frage mich, ob das also jetzt so bleiben wird, dieses neue Jahr, unwirklich, realitätsfern, fantastisch im Wortsinn. Als sei ich hier nur zufällig hineingeraten, als gehöre ich nicht hierher, als habe mich jemand gegen meinen Willen auf die Bühne geschubst, als ich nur kurz zwischen den Vorhängen hindurch spähen und sehen wollte, wie viele Zuschauer sich schon auf ihren Plätzen eingefunden haben. Als sei es jetzt meine Aufgabe, zu unterhalten, für Entertainment zu sorgen, ohne Playback zu singen, ohne Probe, und eigentlich doch nur für mich selbst. Und irgendetwas sagt mir, dass ich das ganz gut machen werde, das jemand wie ich das schon hinbekommt, weil eine wie ich bisher immer alles irgendwie hingebogen hat.

Eine wie ich. Eine, die gerade irgendwie zufrieden ist, ohne zu wissen, warum.

Ich will sehen, was da draußen ist, und starre angestrengt aus dem dreckigen S-Bahn-Fenster und sehe dort immer nur mein eigenes, angestrengt starrendes Gesicht. Irgendwo, ein paar Sitzreihen entfernt, unterhalten sich Menschen, die offenkundig meine Sprache sprechen, die ich aber dennoch einfach nicht verstehe. Immer wieder das der S-Bahn eigene Surren, entweder scheint es zu flüstern oder ich bin verrückt oder beides.

Am ersten Abend in diesem Jahr finden sich auch im ICE kaum mehr als eine Handvoll Menschen, ein Sitzplatz ist für mich reserviert, aber ich suche mir einen schöneren aus, dann setzt sich mir ein alter Mann gegenüber, der seine Zeit abwechselnd schlafend und mich anstarrend herumbringt, ein Mädchen ein paar Plätze weiter, das mit großen pinken Kopfhörern die Außenwelt von sich abschirmt. Den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt folgen meine Augen den vorbeiziehenden Lichtern und ich bin gar nicht da und weiß auch nicht, wo ich sein will. Die stillen Momente, die früher ausreichten, um in mir dieses Gefühl zu erzeugen, das mir sagte: Du läufst da in die falsche Richtung, es gibt noch so viel zu tun, du bist ja noch so lange nicht am Ziel, diese stillen Momente sind jetzt nicht mehr still, nicht mehr lang, nicht mehr deprimierend genug, weil da zu viel ist, das gut ist. Die Waage schlägt an irgendeinem beliebigen Tag einfach zur Gegenseite um, es gibt gute Dinge und schlechte Dinge im Leben, und plötzlich sind die guten in der Überzahl und du weißt noch nicht so recht, wie nun damit umgehen.

Es sind immer die Momente, in denen man am weitesten von der Welt fort rückt, in denen man plötzlich ganz nah ist bei sich selbst.

Ein Kopf voller Nichts, das ist alles noch so neu, es ist ein neues Jahr, da gibt es so viel zu planen, so viel zu denken, so viel neu zu ordnen, überall ist das so, aber nicht bei mir, mein Kopf ist so leer wie der Zug, in dem ich sitze, weil planen nichts bringen würde, weil viel passieren könnte oder wenig, weil alles so kommt, wie es kommt. Die Planlosigkeit ist es, die auf meinem Plan ganz weit oben steht, und ob das gut ist oder schlecht, ich kann es nicht sagen, ich will es nicht wissen. Nicht, weil es mir egal ist, sondern weil es gut werden wird.

Die guten Dinge passieren, wenn man nicht mit ihnen rechnet.

Die guten Dinge passieren ständig, man muss nur hinsehen.

Und dann steige ich nach drei Stunden aus und es passiert etwas Neues, dieses Gefühl des Ankommens, des Heimisch-fühlens, das kenne ich schlecht, aber da taucht es plötzlich auf und macht in meinem Kopf ein Licht an, und als ich auf die U-Bahn warte, als ich einsteige und mich hinsetze und wieder aufstehe und aussteige und die Rolltreppe nehme und vor dem Haus stehe und in der Tasche nach dem Schlüssel krame und aufschließe und plötzlich einfach wieder da bin, da schaltet sich irgendwie alles wieder ein.

Vielleicht weiß ich ja doch, wer ich sein will. Vielleicht gehöre ich ja doch irgendwohin. Vielleicht bin ich ja gar nicht zufällig hier hineingeraten. Vielleicht weiß ich, warum ich so zufrieden bin. Vielleicht gehöre ich in kein Paralleluniversum.

Vielleicht gibt es doch noch eine ganze Menge zu planen.

Wer kann das alles jetzt schon sagen.

 

Full speed, half blind

tumblr_m64iirgy4A1qkfvdvo1_500

(Bild hier geklaut)

 

Halb blind irgendwie in das Jahr stolpern, völlig ohne zu wissen, wohin die Reise geht, völlig ohne Ahnung, Hauptsache, da passiert etwas, Hauptsache, der Kopf bleibt nicht stehen.

Immer nur mit einem Auge hinsehen, lose hinschielen, manchmal nicht wissen wollen, was passiert. Das Schicksal entscheiden lassen und es doch nicht abwarten können. Die kalten Januar-Tage zählen, manchmal, nicht genau wissend, auf was man wartet. Den Sinn suchen und nicht finden. Ordnung im Kopf suchen, Chaos finden. Das Chaos hassen.

Am Fenster sitzen, Löcher in die Luft starren, Katzenhaare von Kleidern zupfen, sonntags abends auf Pizza warten, Kaffee trinken, Notizbücher vollschreiben. Seiten leer lassen, grübelnd davor sitzen, nicht wissen, wohin mit sich. Nachts wach liegen und weg wollen. Warten. Einfach mal Ja sagen zu Dingen, zu denen man früher Nein gesagt hätte und umgekehrt. Fast ein ganzes Jahr lang hoffen, dass da was passiert mit dem eigenen Körper, und zum Ende hin irgendwie innerlich aufgeben. Entscheidungen treffen, die richtig sind und falsch aussehen. Alleine am Meer Urlaub machen, mit Ballerinas im eiskalten Sand spazieren gehen, abends im Hotelzimmer alleine Rotwein trinken, sich am gleichen Ort zwei Monate später den schlimmsten Sonnenbrand des Jahres einfangen. Lieben und leben, in dieser Reihenfolge, wenig weinen, viel weinen, so viel weniger als früher weinen. Sich das Trinken an- und ab- und an- und abgewöhnen. Und das Essen. Keine Drogen nehmen, kein einziges Mal. So wenig verzweifelt sein wie in keinem anderen Jahr zuvor. Kleine Schritte, große Schritte, kleine Schritte. Aber vor, immer nur nach vorn. Menschen in sein Herz schließen, einige. Herausfinden, dass man wohl doch den richtigen Beruf ergriffen hat. Herausfinden, dass man vielleicht doch ganz schön viel kann.

Glücklich sein, ständig, immer wieder. So viele Gefühle, so dass scheinbar nirgendwo dafür Platz ist. Chaos im Kopf, und Liebe. Viel zu viel Liebe. Immer wieder Liebe. 

Reisen. In toskanischer Hitze zerfließen. Am eigenen Geburtstag in einem Hotelzimmer Wein aus Zahnputzbechern trinken und abgepackten Kuchen essen. Tiere im Zoo besuchen. An die gute, alte Zeit denken. Feststellen, dass sie vielleicht alt, wohl aber nie wirklich gut war. Traurig sein über Freundschaften, die keine mehr sind. Freundschaften beenden wollen, aber nicht können. Bis heute nicht. Vielleicht nie.

Entscheidungen treffen. Sachen einpacken, weinen, umziehen, weinen, Sachen auspacken, weinen. Zweifeln und einfach weitermachen. Zug fahren, den Sinn suchen, das eigene Selbstwertgefühl finden, plötzlich liegt es da so einfach. Plötzlich die eigene Stimme finden. Plötzlich aufhören zu weinen. Plötzlich eine Ahnung haben, wo die Reise hingehen kann. Plötzlich überhaupt irgendwie eine Ahnung haben. Nach vorne sehen. Wohnungen besichtigen.

Eine Zukunft sehen. Nicht mehr stolpern, nur noch gehen. Augen auf. Immer hinsehen. 

Das Chaos lieben lernen, immer wieder aufs Neue. Keine Ordnung im Kopf, nie. Auch dieses Jahr nicht. Auch nächstes Jahr nicht. Wer braucht die schon.  

 

Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier.

tennisturnier1

Als ich noch jünger war, viel jünger, vielleicht halb so alt wie heute, da verbrachte ich die meiste Zeit in meinem Zimmer sitzend, oben unter dem Dach, alleine mit mir und meiner jugendlichen Melancholie, der Sehnsucht nach Dingen, von denen ich noch keine Ahnung hatte, und sah mir selbst dabei zu, wie ich langsam in die geduldig abwartende Depression sank, die mich so viele Jahre danach noch beschäftigen sollte. Das ist es, das Alter, in dem man Sachen vermisst, die man noch gar nicht kennt. In dem man will, dass alles endlich anfängt, dabei ist man doch eigentlich schon mittendrin. Damals habe ich mich gefragt, wie soll das eigentlich mal schön werden, das Leben, wenn doch alles nur an mir liegt, ich doch aber eigentlich gar nichts kann, das schaffe ich doch alles gar nicht, ich bin ein kleines Mädchen, das keinerlei Talente hat. Wie schaffe ich das, glücklich zu sein, weil glücklich sein, das ist doch ein Stück weit meine Verpflichtung, meine Eltern, die haben sich so viel Mühe gegeben mit mir, da bin ich es ihnen schuldig, irgendwann ein gutes Leben zu leben, gute Dinge zu denken und zufrieden zu sein mit dem, was ich habe und was aus mir geworden ist.

Und wenn ich heute zu jemandem sage „Meine Eltern..“, dann drückt auch heute noch in meinem Kopf jedes Mal eine fremde Hand auf einen großen roten Buzzer, als läge ich mit meiner Aussage gerade gänzlich daneben, in meinem Kopf fällt dann das Wort „Eltern“ wie das „Wetten, dass..“-Logo bei einer verlorenen Wette auseinander und im Hintergrund läuft die dazu passende Melodie. Jedes Mal stolpere ich über das Wort, falle darüber beinahe hin, bleibe einfach mitten im Satz stecken, und dann möchte ich meinem Gegenüber gerne sagen: „Ach, entschuldige, ich wollte nicht so tun, als ob ich Eltern gehabt hätte, ha ha ha“, und ich möchte ironisch zwinkern und eine wegwerfende Handbewegung dazu machen und dann einfach von etwas anderem reden. Und zurück bleibt dann immer das Bild im Kopf, der Gedanke, keine Eltern gehabt zu haben, fast glaube ich es mir selbst, dabei ist das natürlich gelogen, jeder hat Eltern, nur bei mir ist das kompliziert, weil die einzige Person, die die Bezeichnung verdient hat, meine Mutter ist, und jeder, der noch dazu gehören könnte, sich im Laufe der Zeit selbst disqualifizierte. Und bis heute weiß ich manchmal nicht, ob ich darüber traurig sein soll, ob das vielleicht ohnehin nichts geändert hätte oder ob ich einfach dankbar sein soll für diese Art von Mutter.

Als meine erste Schwester zur Welt kam, da war ich zehn Jahre alt, bei der zweiten war ich elf, und da dachte ich, das war’s dann, jetzt bist du raus aus der Familiensache, und das stimmte auch, denn meine Geschwister hatten einen richtigen Vater, einen, der vermeintlich da war, einen, der nicht meiner war. Und plötzlich waren alle eine fröhliche Familie, die sonntags Ausflüge unternahm und morgens gemeinsam am Frühstückstisch saß, nur ich, ich war das kleine dicke Mädchen mit der Brille, das auf dem Dachboden lebte, schüsselweise Schoko-Cornflakes in sich hineinstopfte und schräge Ponyhof-Geschichten schrieb, weil es sonst nichts anderes mit seiner Zeit anzufangen wusste. Da waren alle eine Familie, nur ich passte nicht ins Bild und wollte das auch nicht. Mich in irgendeine Art Ordnung einfach einzufügen, einfach einen mir zugewiesenen Platz einzunehmen, so wenig wie ich das heute will, so wenig konnte ich das damals. So sehr wie ich diesen Umstand heute schätze, so wenig ertrug ich ihn damals. So stark wie mich das alles machte, so schwach fühlte ich mich damals. Es gab keinen Platz für mich, so sehr meine Mutter auch versuchte, mir einen einzurichten.

Irgendwie war ich wohl schon immer allein, und irgendwie gehört das wohl alles so, und irgendwie geht das heutzutage ziemlich in Ordnung. Jetzt ist es nämlich doch soweit, die Sache mit der Verpflichtung, irgendwie kann ich ihr heute nachkommen, denn heutzutage muss sich keiner mehr Sorgen machen um mich, heutzutage muss niemand mehr wegen mir nachts wachliegen, weil es sein könnte, dass ich eine Glasscheibe zerschlage und versuche, mir mit den Scherben die Pulsadern aufzuschneiden. Irgendwie gehen Dinge wohl irgendwann einfach zu Ende, und dazu zählen auch Depressionen und Kindheitstraumata und der Wunsch, nicht mehr da zu sein, weil man vermeintlich keine Funktion im Leben hat. Und dann stellt man dann plötzlich fest, dass das alles gar nicht von ganz allein passierte, sondern dass man selbst ganz schön viel beigetragen hat zur heutigen geistigen Gesundheit, und zwar ganz allein. Und man muss kurz innehalten, um festzustellen, wie stolz man auf alles sein kann, und wie viel man anscheinend doch kann, und das, wo man doch gar nicht allzu viel von sich selbst hält. Wozu das alles, fragt man sich plötzlich, den ganzen Aufstand hätte ich mir ja wohl auch sparen können, auf meine ganz eigene Weise hab ich das wohl selber ganz schön gut hingebogen, aber wer auch sonst, es war ja sonst keiner da.
Und dann stellt man plötzlich fest, dass man doch ganz schön viel drauf hat, für jemanden, der denkt, dass er nichts kann. Für jemanden, der ja eigentlich irgendwie keine Eltern hatte.